Kunst

Er malt Berlin - Tag für Tag

Nachts um zwei Uhr klingelte bei Edward B. Gordon plötzlich das Telefon. Die Polizei teilte dem erschrockenen 43-Jährigen mit, dass in seiner Galerie an der Torstraße in Mitte eingebrochen wurde. Gemälde seien gestohlen, Scheiben zerstört worden. Es wurde eine sehr unerfreuliche Nacht. Bis in den frühen Morgen nagelte er noch Bretter über die zerstörten Scheiben.

"Der Tag war gelaufen", sagte er sich. Eigentlich sollte er jetzt ein Bild malen. Seit 2006 macht er das jeden Tag. Doch heute wird er die Serie unterbrechen. Er hatte keine Lust - auf nichts mehr.

Edward B. Gordon stand dann doch am Abend wieder an der Leinwand, die Ölfarben in der Hand. Seine "Tagesbild"-Serie wurde nicht unterbrochen. Und auch dieses Bild hatte wieder das Thema: Berlin. Alles andere ist offen. Die kleinen quadratischen Werke in der Größe einer Fliese im Badezimmer - 15 mal 15 Zentimeter - bietet er anschließend im Internet zur Auktion an. Das Mindestgebot liegt bei 150 Euro. Gerade hat der gebürtige Hannoveraner, der seit zehn Jahren in Berlin lebt, sein 900. Bild online gestellt. Ein Ende dieses Projekts ist noch nicht in Sicht. Er mag es, dass diese Arbeit gleichzeitig seinem Leben einen klaren Rhythmus gegeben hat.

Atelier im Hinterhof

Spätestens um 15 Uhr stellt sich Edward B. Gordon normalerweise an seine Staffelei und beginnt mit der Arbeit. Manchmal steht er dort die ganze Nacht, manchmal beginnt er schon nach dem Frühstückskaffee. Eine komplizierte Tageslicht-Lampen-Konstruktion sorgt die ganze Zeit über für eine Stimmung, als arbeite er in einem Landhaus, in dem die Sonne durch ein Deckenfenster strahlt. Dabei steht sein Atelier im Hinterhof eines unsanierten Altbaus in Mitte - einer der letzten in dem inzwischen so durchsanierten Bezirk. Durch das Fenster ist Bauschutt zu sehen, der Straßenverkehr rumpelt nur leise im Hintergrund.

Angefangen habe er mit diesem Projekt vor rund drei Jahren - "und derzeit gibt es für mich keinen Grund, damit aufzuhören", sagt er. "Es ist wie eine Sucht." Mit dem Verlaufserlös zahlt er seine Miete - für den Ausstellungsraum in der Torstraße, das Atelier und seine Wohnung. "Die meisten Käufer wohnen in den USA", sagt Gordon. Das habe natürlich mit der Faszination zu tun, die Berlin auf Amerikaner ausübt: Dieses Image der geteilten, vereinten und sich immer verändernden Stadt. Das Internet verbindet ihn aber auch mit Kunden in Asien, Australien - oder in Berlin.

Es gab Einladungen, das Projekt "Tagesbild" auch in anderen Städten auszuprobieren. Doch Edward B. Gordon kann es sich im Augenblick nur in Berlin vorstellen. "Dabei geht es mir vor allem um das Darstellen von Licht." Und genau das sei in Berlin noch immer ganz speziell. "Ich freue mich schon jetzt auf den September, wenn wieder alles in Gold getaucht ist", sagt er. "Und zwar genau in der Zeit zwischen 18 und 19 Uhr, wenn die Sonne auf die Bänke Unter den Linden fällt und diesen ganz besonderen langen Schatten wirft - einmalig." Szenen wie diese gibt es viele in der Stadt - und er versucht, sie täglich einzufangen.

Die Gegend um den Rosenthaler Platz ist ihm dabei zur Heimat geworden und zur Hauptinspirationsquelle. Dort findet er alte Bekannte, die er schon häufiger gemalt hat - oder ganz neue Gesichter: der chinesische Koch in einem Imbiss, eine Frau im roten Kleid auf ihrem Fahrrad, ein Jugendlicher in Sporthosen an einer Bushaltestelle.

Nur den Jürgen, den hat er erst gemalt, als er schon tot war. Jürgen war ein Obdachloser, der sich auch in der Nähe des Weinbergparks aufhielt. Jetzt schaut er traurig unter den langen verfilzten Haaren aus dem Bild hervor. "Für ein Foto muss man oft lächeln, für meine Bilder muss man das nicht", sagt Gordon und holt das Werk von der Wand, stellt es mitten in den Raum, holt Jürgen damit ins Gespräch. "Ich habe ihm ab und zu Geld gegeben und mich mit ihm unterhalten", erzählt er. "Wir hatten die Vereinbarung, dass er nur maximal die Hälfte davon in Alkohol umsetzen darf." Wenn Gordon das sagt, klingt es, als rede er von einem Freund, obwohl sie das wohl nicht waren. Vielmehr teilten sie wohl beide eine gewisse Einsamkeit.

Denn das ist es, was den Effekt dieser täglichen Beschäftigung mit Farbe und Leinwand mit sich bringt: eine fast meditative Grundstimmung, ein Gefühl, außerhalb der Zeit zu leben. Das kann sich auch schnell auf Besucher des Ateliers übertragen - über das "kreative Chaos" des Ateliers: der große alte Spiegel, die Ledercouch, eine große Modellpuppe, das altmodische Faxgerät und an der Tür das Schild: "Keep calm and carry on".

Ein gewisses "Bleibe ruhig und mach weiter" trägt Edward B. Gordon auch in seine Arbeit. Denn eigentlich macht er sich Sorgen um die Zukunft seines Projekts. Nicht, weil er keine Ideen mehr hat, sondern, weil die Stadt sich um ihn herum verändert: "Rein visuell wird es hier in Mitte irgendwann nicht mehr so interessant sein wie jetzt", sagt er. Als Beispiel nennt er die Brücke am Bodemuseum. Vor kurzem sei dort noch ein Blechgerüst gewesen, typisch für Berlin: eben provisorisch. "Jetzt steht dort diese Sandsteinbrücke, furchtbar langweilig." Gemalt hat er sie trotzdem - als Motiv für sein 900. Bild.

Edward B. Gordon erzählt gern Geschichten, von sich, seinen Bildern, den Umständen, unter denen sie entstanden sind. Vielleicht hat das mit seiner Ausbildung zum Schauspieler zu tun. Das war seine Zeit in London. "Doch das Drama hinter der Bühne war mir zu groß", sagt er heute über diese Jahre. Eine gewisse Dramatik spielt sich aber oft auch auf seinen Bildern ab. Die Bühne ist der Fußweg, der Straßenrand. Mal schauen die gemalten Menschen vor sich hin, mal telefonieren sie, mal sind es Straßenmusikanten mit verträumtem Blick. "Was ich dabei erreichen will, ist, diese Szene möglichst unverfälscht darzustellen." Dabei kann es passieren, dass ein Auto im Blickfeld steht, oder ein Aufkleber die Stimmung im Bild bestimmt. "Aber dann ist das eben so."

Dialog von Farben und Formen

Sein künstlerisches Vorbild sieht er nicht im US-Maler Edward Hopper, den manche seiner Gäste als ersten Vergleich heranziehen. Für ihn sind es vielmehr der in Berlin geborene britische Maler Lucian Freud, der US-Amerikaner John Singer Sargent und der Norweger Odd Nerdrum. Letzterer hat Porträts gemalt in einer Zeit, als fast nur noch abstrakte Formen "in Mode" waren. Für Edward B. Gordon gibt es keinen Unterschied zwischen "Gegenständlich" und "Abstrakt". Ihm gehe es um den Dialog zwischen Farben und Formen - bei ihm findet der statt zwischen orangefarbenem rundem Mülleimer und grauer glatter Hauswand.

Erst kürzlich ist Edward B. Gordon mit einer Freundin durch Berlin geschlendert. Die Sonne hatte sich mal wieder hinter diesen typischen grauen Berlin-Wolken versteckt. Den Laternenpfahl dort hatte er schon gemalt, diese Straßenecke auch. Gordon war in Gedanken, achtete nicht auf den Fußboden. Da wäre er beinahe über etwas gestolpert: eine zerbrochene Bierflasche, die auf dem Boden lag. Plötzlich kam die Sonne heraus und er sagte zu seiner Begleitung - und meinte jedes Wort ernst: "Auch in einer kaputten Bierflasche kann sich ein Sonnenstrahl verfangen." Das Motiv des Tages.

Jeden Tag ein neues Bild: www.edwardbgordon.com