Bildung

Jeder dritte Student kapituliert vor Leistungsdruck

"Der Leistungsdruck an den Universitäten wächst", meint Studenten-Psychologe Burkhard Seegers. Deshalb steige seit zwei Jahren die Nachfrage nach psychologischer Beratung rapide.

Statt 1000 Berliner Studenten kämen nun 1500 jährlich zu ihm und seinen zwölf Kollegen in die psychologischen Beratungsstellen des Studentenwerks Berlin. Sie hat ihre Räume an der Hardenbergstraße in Charlottenburg und am Franz-Mehring-Platz in Friedrichshain.

Dass immer mehr Studenten seelische Unterstützung in Einzelberatungen und Gruppentherapien suchen, hänge mit der Einführung der neuen und kürzeren Bachelor- und Master-Studiengänge zusammen. "Die früheren Diplom- und Magisterabschlüsse haben den Studenten damals Zeit gelassen, sich umzusehen, ob die Wahl richtig war. Sie konnten auch mal in andere Fächer hineinschnuppern", sagt Seegers. Doch dazu reicht die Zeit im sechssemestrigen Bachelor-Studium nicht mehr - die Stundenpläne der Nachwuchsakademiker umfassen bis zu 35 Stunden pro Woche und sind schon zu Beginn des Studiums festgelegt. Normalerweise sei das zu bewältigen. "Eng wird es, wenn der Student nebenher noch jobben muss, um sein Studium zu finanzieren. Auch eine persönliche Krise, wie der Tod eines Angehörigen, kann junge Menschen überfordern", sagt Seegers. Etwa 80 Prozent der Studenten, die ihn um Hilfe bitten, klagen über Erschöpfung, ihnen fehlt der Antrieb. Manchmal reiche es schon, den Alltag umzustrukturieren und den Studenten bei der Organisation seines Lebens zu beraten. Doch oft empfehle er auch ein Urlaubssemester - eine Auszeit, um aus Depressionen und Versagensängsten herauszufinden.

Unis verschenken geistiges Potenzial

Noch bis vor drei Jahren haben die Studenten andere Themen beschäftigt: "Probleme machten ihnen hauptsächlich persönliche Dinge wie das Ende einer Beziehung oder die Selbstfindung", sagt Seegers. Dafür scheinen die heutigen Studenten keine Zeit mehr zu haben: Schon zu Beginn des Studiums werden bis zu sieben Klausuren gegen Semesterende geschrieben. Bestehen sie diese nicht, können sie schon im zweiten oder dritten Semester von der Universität verwiesen werden. "Das setzt viele gleich am Anfang unter Leistungsdruck", sagt Seegers.

Der stellvertretende Leiter der psychologischen Beratungsstelle wird künftig mit seinen Kollegen ein neues Angebot erstellen müssen - speziell für Jüngere. "Als es noch Diplom- und Magisterabschlüsse gab, kam der große Stress erst zum Ende des Studiums", sagt Seegers. Deshalb betreute er bisher hauptsächlich ältere Studenten.

Vor den hohen Anforderungen kapitulieren viele Studenten. "In einigen Studiengängen bricht mehr als ein Drittel von ihnen das Studium ab", meint Seegers. Besonders in technischen Fächern sei die Quote enorm. Seegers führt das darauf zurück, dass Ingenieurswissenschaften hauptsächlich von Männern studiert werden. Sie könnten sich oft nicht eingestehen, dass sie nicht klar kommen, sondern flüchteten sich stattdessen in Alkohol oder gingen zum Arzt, um sich Medikamente verschreiben zu lassen. Tabletten empfiehlt Seegers äußerst selten: "Bei den meisten hilft schon ein Seminar in Zeitmanagement." Frauen stellten mit zwei Dritteln der Klienten die klare Mehrheit. Seegers: "Sie gehen mit ihren Problemen offensiver um."

Auffällig ist auch, dass etwa 75 Prozent der Klienten an den vier großen Universitäten Freie Universität, Technische Universität, Humboldt Universität und Universität der Künste eingeschrieben sind. Warum das so ist, weiß auch Seegers nicht; er vermutet, dass die kleineren Hochschulen überschaubarer sind und ihren Studenten mehr Orientierung und Halt bieten.

Die hohen Abbrecherquoten zeigten, dass die Universitäten mit dem geistigen Potenzial, das im Hörsaal sitzt und von dem sie schließlich leben, nicht wirtschaftlich umgehen, meint Seegers. Sie verschenkten Ressourcen, indem sie sensiblere Studenten ziehen ließen, ohne sie bereits bei den ersten Anzeichen von Kapitulation aufzufangen und sie in die psychologische Beratungsstelle zu schicken. "Es kostet nichts, und jeder kann sich im Internet unverbindlich einen Termin geben lassen."

Das komplette Angebot auf: www.studentenwerk-berlin.de