Anstieg

Millionenschaden durch Autodiebstahl

Lichterfelde am Montagabend, kurz nach 23 Uhr: Polizeibeamte des Abschnitts 45 überprüfen auf der Finckensteinallee das Kennzeichen eines Seat Altea. Der Wagen ist von seinem Besitzer als gestohlen gemeldet. Plötzlich taucht ein Mann auf - der mutmaßliche Autodieb - und steigt in den Seat. Doch bevor er wegfahren kann, schlagen die Beamten zu und nehmen sowohl den 35-Jährigen als auch seinen 34-jährigen Komplizen fest.

Der Diebstahl von Pkw nahm in Berlin im vergangenen Jahr deutlich zu. Nach Informationen dieser Zeitung wurden 6863 Autos 2009 gestohlen, 1607 mehr als noch 2008. Das bedeutet einen Anstieg im Vergleich zum Vorjahr um 30,6 Prozent. Das ist der höchste Wert seit 2003 (siehe Grafik). Etwa 4000 Autos verschwinden spurlos. Nur ein geringer Teil kann sichergestellt werden. Durchschnittlich werden pro Tag 19 Fahrzeuge als gestohlen gemeldet. Nach Schätzungen von Versicherungsexperten beläuft sich der Schaden auf 42 Millionen Euro.

Die Berliner Polizei wollte sich gestern zu den Zahlen nicht äußern, auch nicht, welche Autotypen besonders vom Diebstahl betroffen sind. Nach Erfahrung der Versicherungswirtschaft werden vor allem VW Caravelle Multivan, Porsche Cayenne und BMW X5/X6 gestohlen. "Beim Autodiebstahl ist Berlin Spitzenreiter in Deutschland", sagte der Sprecher des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft, Christian Lübke. Zum Vergleich: Während in Berlin also 6800 Autos verschwanden, belief sich die Gesamtzahl für die Bundesrepublik in 2008 auf 16 100. Bundesweite Zahlen für 2009 liegen noch nicht vor. Auf je 100 000 Kfz entfielen in Berlin 2008 rechnerisch 2,6 gestohlene Autos. Bereits abgeschlagen folgt Hamburg auf Rang zwei mit einem Wert von 1,4.

Lübke verwies als Grund für die steigende Zahl auf mehrere Faktoren. So sei Berlin ein Ballungszentrum, in dem sich die Täter die Fahrzeuge aussuchen könnten. "Es gibt eben fast alle Modelle." Zudem sei die Grenze zu Polen nicht weit entfernt. Innerhalb von nur einer Stunde könnten die Täter ihr Diebesgut ins Ausland geschafft haben.

Dabei sind die Autodiebe durchweg straff organisiert. Es handelt sich fast ausschließlich um Banden aus dem osteuropäischen Raum. So gelang der Polizei in Wilmersdorf vor einer Woche die Festnahme von drei mutmaßlichen Autodieben aus Lettland. Bei dem Trio fanden die Beamten professionelles Werkzeug zum Stehlen hochwertiger Fahrzeuge.

Das Phänomen steigender Zahlen bei Autodiebstählen muss die Polizei auch in Brandenburg feststellen. Dort sind nach Angaben des Innenministeriums besonders die grenznahen Regionen betroffen. Entgegen dem Trend von sinkenden Diebstahlsdelikten landesweit um mehr als vier Prozent stieg dort die Anzahl gestohlener Autos um 30,9 Prozent im Vergleich zu 2008. Große Steigerungsraten seien insbesondere in Forst, Eisenhüttenstadt und Schwedt registriert worden.

Die Bundespolizei fahndet westlich der polnischen Grenze intensiv nach entwendeten Kraftfahrzeugen. Die Inspektion Pasewalk (Uckermark) stellte vor zwei Wochen allein auf der A 11 an einem Tag vier Autos sicher. Die Beamten stoppten in der Nähe des Grenzübergangs Pomellen einen 5er-BMW, der erst wenige Stunden zuvor in Berlin gestohlen worden war. Ein 20-jähriger Litauer wollte den Pkw im Wert von 35 000 Euro außer Landes bringen. Ebenfalls zwei Litauer griffen die Fahnder mit einem in Berlin gestohlenen VW Golf und einem im Hamburg erbeuteten Audi A 4 auf. Zwei Litauer in einem in Berlin verschwundenen Audi A3 konnten kurz vor Frankfurt (O.) gestellt werden. "Der betroffene Besitzer hatte den Verlust seines Wagens zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht bemerkt", sagte Bundespolizeisprecher Meik Gauer.

Hightech unter Schrott

Die elektronischen Sicherungen der Fahrzeuge werden von den Tätern mit Laptop und der entsprechenden Software ausgeschaltet. Doch auch Fahrzeuge mittlerer Preisklassen werden zunehmend gestohlen. Grund für das Interesse an älteren Fahrzeugen ist nach Ansicht der Autoversicherer die stark gestiegene Nachfrage nach Ersatzteilen und Zubehör.

Viele Autos werden auch total zerlegt. Wertvolle Teile wie Navigationsgeräte und Airbags werden beispielsweise auf Lastwagen unter Schrott oder Unrat versteckt und so über die Grenze transportiert. Das Risiko, dabei entdeckt zu werden, sei relativ gering.