Bildung

Grundschulen rebellieren gegen Reform

Die Lehrer der Regenbogen-Grundschule in Neukölln haben eine eindringliche Warnung an Bildungssenator Jürgen Zöllner (SPD) gerichtet. Die Klassenziele der ersten beiden Jahrgänge könnten unter den gegebenen Bedingungen nicht erreicht werden, schrieben sie ihm. Vor zwei Jahren hatten die Lehrer dort den jahrgangsübergreifenden Unterricht mit guten Vorsätzen eingeführt. Der Unterricht in den altersgemischten Gruppen sollte individueller werden. Jüngere würden von den Älteren lernen, und die Älteren würden ihr Wissen vertiefen, indem sie den Jüngeren helfen. So die Theorie.

Doch die Praxis sieht an der Regenbogen-Schule offenbar anders aus. Kleingruppenunterricht muss oft ausfallen. Die Teamarbeit von zwei Lehrern in einer Klasse ist die Ausnahme.

Das Kernstück der Grundschulreform, das jahrgangsübergreifende Lernen (Jül) in der Schulanfangsphase, ist nach wie vor heftig umstritten. Jetzt rudern die ersten Grundschulen, die schon mit Jül gestartet sind, wieder zurück.

In einem Schreiben an die Bildungsverwaltung fordern die Ebereschen-Grundschule und die Grundschule am Schleipfuhl in Marzahn-Hellersdorf sowie die Lichtenberger Grundschule im Grünen dringend die Veränderung der Arbeitsbedingungen. "Um dieses pädagogische Konzept erfolgreich umzusetzen, müssen die personellen und räumlichen Bedingungen stimmen", heißt es darin. Unter den vorhandenen Bedingungen würde das Jül-Konzept nicht funktionieren, die Lehrer seien total überfordert, betonen die Schulleitungen.

Die Beschwerdelisten sind lang. Beklagt werden zu große Klassen mit 24 und mehr Kindern. In diesen Klassen seien zu viele Kinder mit sozial-emotionalen Verhaltensauffälligkeiten, Lernbehinderung und Sprachförderbedarf, heißt es weiter. Die Zahl der verhaltensauffälligen Kinder würde zudem stetig steigen. Schließlich wird darauf hingewiesen, dass Erzieher für die Unterstützung während der Unterrichtszeit fehlten, weil sie die von den Eltern bezahlten Betreuungszeiten abdecken müssen. Auch gebe es zu wenig Sonderpädagogen.

"Wer kann 'normalen' Schülern, Schulanfängern, Hochbegabten, 'schulunreifen' Kindern, sogenannten Verhaltensgestörten und Lernbehinderten, Kindern mit Sprach- und Wahrnehmungsstörungen in einer Gruppe von mehr als 25 Kindern gerecht werden?" fragen die Vertreter der Grundschulen in ihren Schreiben.

Das fragen sich auch Reinickendorfer Lehrer und Erzieher. Unter den gegebenen Bedingungen werde es zu keiner Verbesserung gegenüber dem alten Unterrichtsmodell nach Klassenstufen kommen, so die mehrheitlich geäußerte Ansicht während einer Personalversammlung. Die Kollegen fordern unter anderem Klassengrößen von 18 bis maximal 20 Schülern, den verbindlichen Einsatz von Erziehern im Unterricht, gemeinsame Fortbildung von Lehrern und Erziehern sowie eine ausreichende Anzahl von Teilungsräumen für die Lerngruppen

Ungeachtet der Probleme macht die Schulbehörde in einigen Bezirken Druck. So sollen beispielsweise in Spandau und Pankow mit Beginn des neuen Schuljahres alle Grundschulen jahrgangsübergreifendes Lernen praktizieren. Bisher haben sich in Pankow 10 von 36 Grundschulen geweigert, in Spandau sind es 10 von 29.

Am größten ist der Widerstand in Neukölln. Hier hat sich mit Beginn dieses Schuljahres nur knapp die Hälfte der 37 Grundschulen an der Altersmischung beteiligt. Viele Lehrer befürchten, dass die neue Methode bei dem hohen Anteil an Migrantenkindern nicht funktionieren wird. Auch mit dem kommenden Schuljahr wollen 16 der 36 Grundschulen dabei bleiben, nicht mit dem jahrgangsübergreifendes Lernen zu beginnen.

Neuköllns Bildungsstadtrat Wolfgang Schimmang (SPD) weiß um die pädagogischen Vorbehalte dieser Grundschulen gegenüber Jül und will ihnen die Reform keineswegs überstülpen. "Wir haben deshalb mit den 16 Schulen vereinbart, dass sie mit dem kommenden Schuljahr zwar nicht komplett mit dem jahrgangsübergreifenden Unterricht starten, aber Projekte dazu in den Schulalltag aufnehmen", so Schimmang. Einige Schulen würden Jül dann zum Beispiel im Sachkundeunterricht praktizieren.