Bildung

Im Unterricht über Toleranz und Schuld

Mit dem Volksentscheid am kommenden Sonntag stimmen die wahlberechtigten Berliner darüber ab, ob es künftig eine Wahlmöglichkeit zwischen Ethik und Religion als Pflichtfach an Schulen geben soll. Ethik und Religion würden dann als gleichberechtigte Unterrichtsfächer von der ersten Klasse an unterrichtet.

Dafür setzt sich die Initiative Pro Reli ein. Doch was wird in den Fächern eigentlich besprochen? Ein Besuch am Heinrich-Hertz-Gymnasium in Friedrichshain und an der Kopernikus-Gesamtschule in Steglitz.

Es ist die siebte Stunde an diesem ersten Schultag nach den Ferien. Entsprechend abgekämpft kommen die Schüler der 8.1 des Hertz-Gymnasiums zum Religionsunterricht. Lehrer Bernd van Kann will heute mit einem großen Thema beginnen. In den nächsten Stunden wird es um Schuld und Entschuldigung, um Vergebung gehen. "Dieses Thema kann auch im Ethikunterricht behandelt werden", sagt van Kann. "Wir aber werden uns darüber hinaus mit der christlichen Dimension von Schuld beschäftigen."

In dieser Stunde sprechen die Schüler zunächst darüber, wann und wie oft, vielfach gedankenlos, im Alltag der Begriff Entschuldigung verwendet wird. Lebhaft diskutieren sie, aus welchen verschiedenen Gründen man sich entschuldigt, dass die Motivation für eine Entschuldigung oft darin besteht, vom Schuldgefühl befreit zu werden und wieder ein reines Gewissen zu haben.

Die Schüler spielen verschiedene Situationen durch, in denen sich einer bei einem anderen für etwas entschuldigt: Worum könnte es gehen, wie fühlt es sich für den an, der sich entschuldigen möchte, wie für den, der die Entschuldigung annehmen soll. Lebhaft reden Julian, Alex, Philipp und Thalia, Ranjo, Sebastian und Jonas über eigene Erfahrungen. Irgendwann wird klar, dass ein Bewusstsein von Schuld die Voraussetzung dafür ist, dass jemand um Entschuldigung bittet und die Vergebung nicht selbstverständlich sein muss.

Religionsunterricht macht Spaß, darin sind sich die Achtklässler einig. Die meisten von ihnen sind an religiösen Themen interessiert, weil sie aus einem gläubigen Elternhaus kommen und sich schon seit der Grundschule damit beschäftigen. Andere wollen sich damit auseinandersetzen, weil es zu Hause eben keine Bibel gibt.

"Im Ethikunterricht geht es doch vor allem um Faktenwissen und Alltagsprobleme", sagt Ranjo. Neulich hätten sie zum Beispiel über Drogen und Alkohol gesprochen. Und Alex erzählt, dass ihre Ethiklehrerin sich bei den Religionen nicht so gut auskennt. "Es ist viel spannender, wenn uns jemand religiöses Wissen vermittelt, der selbst den Glauben lebt wie unser Lehrer Herr van Kann", sagt Thalia.

Ethikunterricht in der 9. Klasse

Wie im Religionsunterricht von Bernd van Kann sitzen auch im Ethikunterricht gläubige und nicht gläubige Schüler zusammen - zum Beispiel in der Kopernikus-Gesamtschule. Es ist ein Dienstagvormittag in der Klasse 9/23. Die Schüler heißen Ramona, Hülya, Aydam, Merten, Muhdi oder Ersin. Sie kommen aus unterschiedlichen Familien, manche sind gläubig, andere wachsen ohne Glauben auf.

Thema der heutigen Ethikstunde: Toleranz und Respekt. Über Toleranz haben die Schüler in den vergangenen Stunden bereits diskutiert. Und Respekt fordern sie selbst täglich voneinander ein, auch wenn sie nicht immer so genau wissen, was dieses Wort bedeutet.

"Als ich die Klasse vor drei Jahren übernahm, waren die Gruppe sehr gespalten. Die Schüler nicht deutscher Herkunft, ausschließlich muslimische Schüler, waren sehr für sich", sagt Lehrerin Margret Iversen. Das habe sich mit der Zeit geändert. Daran habe der Ethikunterricht durchaus einen Anteil, ist Iversen überzeugt. "Inzwischen gibt es mehr Gemeinsamkeit, die Schüler können gut miteinander diskutieren, besser aufeinander eingehen." Der Verlauf der Stunde gibt Iversen Recht. Die Schüler sind engagiert bei der Sache, diskutieren untereinander, lassen andere Meinungen zu, ohne verletzend zu werden.

Das christliche Schuldverständnis

Im Religionsunterricht indes geht es nicht nur um reine Wissensvermittlung. Beim Thema Schuld beispielsweise möchte Lehrer Bernd van Kann auch die andere Dimension vermitteln, eine Dimension, die nur der Bekenntnisunterricht den Schülern eröffnen kann. "Ich möchte meine Schüler zum christlichen Verständnis von Schuld und Vergebung führen", sagt van Kann. Anhand der Ostergeschichte will er ihnen in den kommenden Stunden zeigen, dass jene, die glauben, die Möglichkeit des Vergebens haben - "durch den vergebenden Gott, wie Jesus ihn den Menschen nahe gebracht hat." Aber auch wer nicht gläubig ist, soll von dieser Möglichkeit erfahren. So könne er jedem etwas mitgeben, sagt van Kann: Dem Gläubigen die Überzeugung, das ihm vergeben werden kann, dem Nichtgläubigen das Wissen um diese religiösen Zusammenhänge.

Toleranz will gelernt sein

Toleranz und Respekt - Lehrerin Iversen hat dieses Thema in den Unterricht aufgenommen, weil deutlich wurde, dass einige Schüler damit Probleme haben. "In diesem Schuljahr stehen die Weltreligionen auf dem Stundenplan. Deshalb haben wir zunächst das Christentum und den Islam behandelt, eine Kirche und eine Moschee besucht", erzählt Iversen. Als es dann um den jüdischen Glauben ging, habe ein Besuch des Centrums Judaicum auf dem Plan gestanden. Dort habe dann ein muslimischer Schüler die Kippa nicht aufsetzen wollen. Viele muslimische Schüler hätten Vorurteile gegenüber Juden. "Sie wissen zu wenig", sagt die Lehrerin.

An diesem Vormittag sehen die Schüler zunächst Auszüge aus einer Filmdokumentation. Es geht um die Begegnung einer Klasse eines Neuköllner Gymnasiums mit jüdischen Gymnasiasten. Im Mittelpunkt stehen vier Jugendliche. Selcuk und Rascha sind muslimischen Glaubens, Emmanuel und Sharon gehören dem jüdischen Glauben an. Jeweils zwei von ihnen verbringen einen Tag zusammen und zeigen sich gegenseitig ihr tägliches Umfeld. Am Ende stellen sie fest, dass sie viele Gemeinsamkeiten haben, trotz unterschiedlicher Religionen und Lebensweise. Aber auch ihre Vorurteile gegenüber den jeweils anderen werden den vier Jugendlichen gewahr. Dennoch: "Wir haben dasselbe Ziel im Leben", sagt Emmanuel am Ende im Film. Die gezeigte Annäherung der Protagonisten interessiert die Schüler der 9/23 sehr. Schnell entwickelt sich eine lebendige Diskussion über die vier und ihre Art, sich einander mitzuteilen.

Zum Schluss stellt Lehrerin Iversen eine provokante Frage. "Was ist wichtiger, Toleranz oder Respekt?", will sie von ihren Schülern wissen. "Zunächst mal muss man akzeptieren, dass es verschiedene Lebensweisen gibt. Um die dann zu respektieren, muss man sie kennenlernen", sagt Ersin und die anderen pflichten ihm bei.

"Ich finde den Ethikunterricht gut", sagt Ersin. "Wir lernen verschiedene Religionen kennen. Und wir Muslime erfahren viel über das Christentum und das Judentum, was wir vorher gar nicht gewusst haben." Und Melisa ergänzt: "Wir können auch Themen vorschlagen, die uns interessieren, über die sprechen wir dann. Dabei lernen wir uns untereinander viel besser kennen." Das findet auch Merten, der als gläubiger Christ zusätzlich Religionsunterricht hat. "Im Ethikunterricht habe ich viel über meine muslimischen Mitschüler erfahren", sagt er und hält genau das für den größten Gewinn dieses Unterrichts.

Glaubst Du an Auferstehung?

Auch für die Fünftklässler des Hertz-Gymnasiums ist die Religionsstunde wie immer die letzte Unterrichtsstunde am Freitag. Und dieses Mal sogar die letzte Stunde vor den Ferien. Die 14 Schüler kommen trotzdem sehr motiviert in den Unterrichtsraum, wo Lehrer Bernd van Kann bereits auf sie wartet. "Wir haben immer die Randstunden, entweder morgens ganz früh oder nachmittags", sagt van Kann und bewundert seine Schüler dafür, dass sie dennoch meist gut gelaunt zum Unterricht erscheinen.

An diesem Freitag vor den Osterferien geht es um die Passionsgeschichte, um den Weg Jesu vom Einzug in Jerusalem über das letzte Abendmahl bis hin zur Kreuzigung und Auferstehung. "Ich knüpfe am Vorwissen der Kinder an, das sehr unterschiedlich ist", sagt van Kann. Er hat den Schülern kleine Symbole mitgebracht, die sie der Reihe nach ordnen sollen, um diesen Weg sichtbar nachzuvollziehen. Unter den Symbolen ist auch ein buntes Osterei. Die Schüler sollen erzählen, was es damit wohl auf sich hat. Karl weiß es: "Das Ei steht für neues Leben", sagt er. Für Maximilian hat das bunte Ei mit Lebhaftigkeit zu tun. Van Kann freut sich: Lebhaftigkeit, sagt er, sei ein schönes Wort. Anhand der kleinen Symbole auf dem Tisch erklärt der Lehrer seinen Schülern dann den Sinn der Osterfeiertage. Packend erzählt er schließlich wie es war, als sich die drei Frauen auf den Weg zur Grabstätte Jesu machten, um den Leichnam zu waschen, und dabei entdecken mussten, dass dieser verschwunden war. Auferstehung - wie kann man darüber sprechen? Die Schüler sind neugierig darauf, was ihr Lehrer in der kommenden Stunde dazu zu sagen haben wird.