Stadtplanung

Wie soll Berlins Mitte aussehen?

Die vom Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) forcierte Debatte um die Neugestaltung des historischen Stadtkerns hat nicht nur für politischen Zündstoff gesorgt (siehe unten stehender Artikel), sondern auch die Fantasie der Architekten und Stadtplaner beflügelt.

Wowereit hatte sich am Montag im Kulturausschuss für eine Bebauung des Marx-Engels-Forums in Mitte ausgesprochen. Zugige und überdimensionierte Freiflächen, so der Regierende, habe Berlin schließlich schon genug.

"An dieser Stelle hat Wowereit so Recht, wie man nur Recht haben kann", lobt der Adlon-Architekt Rüdiger Patzschke. Allerdings sei der Rahmen noch zu eng gefasst. "Die ganze Gegend muss wieder dicht bebaut werden und nicht nur diese große Brache", sagt der bekennende Anhänger der klassischen Baukunst. Die Häuser müssten so dicht an den Fernsehturm heranreichen, wie irgend möglich, fordert der Architekt. Die Marx-Engels-Skulptur lasse sich problemlos integrieren. Er hoffe nun, so Patzschke weiter, dass mit den städtebaulichen Planungen so schnell wie möglich begonnen werde. Zwar werde die Grünfläche des Marx-Engels-Forums noch bis 2017 als Baustelleneinrichtung für den Bau des Humboldt-Forums und die U-Bahn benötigt. "Doch in Teilbereichen könnte schon ab 2013 damit begonnen werden, das städtebauliche Loch endlich wieder zu füllen", so Patzschke.

Berlins ehemaliger Senatsbaudirektor Hans Stimmann findet Wowereits Vorstoß ebenfalls "ganz wunderbar". Mit konkreten Vorschlägen hält sich der Vorgänger der amtierenden Baudirektorin Regula Lüscher derzeit noch bedeckt. "Wir erarbeiten für das Areal derzeit einen Entwurf, den wir in wenigen Wochen öffentlich vorstellen werden", verrät Stimmann. Und Bernd Wendland, Architekt und Vorstand der Gesellschaft Historisches Berlin (GHB), hofft, dass der Senat "nun endlich aus dem Mustopf kommt und konkrete Planungen erarbeitet". Er hoffe, dass im Zuge einer Neugestaltung des Marx-Engels-Forums noch einmal neu über das drohende Verkehrschaos am künftigen Humboldt-Forum nachgedacht werde. "Jetzt wäre noch die Chance, dort eine Tiefgarage für Reisebusse unterzubringen", so Wendland. Im Übrigen müsse sich die neue Bebauung am Zustand von vor 1945 orientieren.

Architekt Jan Kleihues plädiert für eine städtische Parzellierung nach historischem Vorbild. "Die Qualität einer Grünfläche wird nicht dadurch gesteigert, dass sie einfach nur groß ist", ist er überzeugt. Das Grün müsse städtebaulich gefasst werden. Die von Kulturstaatssekretär André Schmitz angedachte Bebauung mit Townhouses, wie sie auf dem Friedrichswerder errichtet wurden, hält Kleihues indes nicht für angebracht: "Das würde zwischen den Großbauten der Umgebung unangebracht wirken", ist er überzeugt.

Platz für einen neuen Palast

Das sieht Wilfried Kuehn vom Büro Kuehn Malvezzi gänzlich anders. Die Gewinner des Sonderpreises im Wettbewerb zum Bau des Humboldt-Forums plädieren dafür, am Marx-Engels-Forum gar nichts zu ändern. Falls dort gebaut werde, dränge sich jedoch eine "heilende Lösung" auf: die Rekonstruktion des Palasts der Republik auf dem Marx-Engels-Forum. "Dies ist aus mehreren Gründen richtig, denn dadurch kann nicht nur endlich ein zentraler Ort für die geplante Berliner Kunsthalle gefunden werden, sondern es kann der mit dem Schlossbau angetretene Beweis vollendet werden, dass sich Rekonstruktionen vordemokratischer Staatsarchitekturen in Berlin am besten für zeitgenössische Museen eignen", so Wilfried Kuehn. "Wo stünde ein asbestfreier Palast der Republik besser als bei Marx und Engels?", so der Architekt.

Junge Planer aufgerufen

Der Architekten- und Ingenieur-Verein (AIV) zu Berlin unterstützt die Forderung des Regierenden Bürgermeisters, den historischen Altstadtkern Berlins wieder herzustellen. "Nichts hat so viele Emotionen geweckt wie die Möglichkeit, in der Mitte der Stadt das Schloss wieder aufbauen zu können. Die Sehnsucht nach einem dazugehörigen historischen Zentrum, das man mit Leben füllen kann, ist offenbar groß. Darauf muss die Stadtentwicklung reagieren", sagt der AIV-Vorsitzende Manfred Semmer.

Der Verein will sich aktiv um die Neugestaltung des ehemaligen Altstadtkerns bemühen und hat das gesamte Areal in den Mittelpunkt des renommierten Schinkel-Wettbewerbes für 2010 gestellt. "Damit ist die junge Planergeneration der Architekten und Ingenieure aufgefordert, sich mit einer Neubebauung am historischen Ort zu beschäftigen", so Semmer. Das Wettbewerbsgebiet umfasst das gesamte Areal von der Spreepromenade über das Marx-Engels-Forum bis zum Bahnhof Alexanderplatz.

Als Planungsgrundlage soll der städtebauliche Grundriss mit den Straßenzügen und den alten Gebäudekanten von 1940 dienen. "Das war der zuletzt dokumentierte Originalzustand des Marienviertels vor der Zerstörung im Zweiten Weltkrieg." Mitte September folgt die Auslobung des Wettbewerbs.