Ausstellung

Krieg und die Gsell zum Frühstück

Der kleine Junge auf dem Markt von Talokan im Norden Afghanistans sieht müde aus. Todmüde, im Wortsinn. Auf seiner Stirn haben sich Falten eingegraben wie bei einem Greis.

Der Soldat, der hinter ihm patrouilliert, trägt eine verspiegelte Sonnenbrille und den Rest eines harmlosen Grinsens im Gesicht, beides mag er aus Deutschland mitgebracht haben. Ein Land, von dem der kleine Junge nichts weiß. Schon gar nicht, dass dort Menschen wie Tatjana Gsell leben.

Tatjana Gsell ist an die Zapfsäule einer Tankstelle gefesselt. Sie trägt ein leopardengeflecktes Kleid, toupiertes Blondhaar und nimmt keine Notiz von dem Porsche neben ihr. Wer hat die Frau gefesselt? Warum? Das Bild ist Teil einer Produktion für eine Illustrierte. Tatjana Gsell lässt viel mit sich machen, um fotografiert zu werden.

Diese Szenen haben zwei deutsche Fotografen festgehalten, die ihrerseits unterschiedlicher kaum sein könnten: Fabrizio Bensch von der internationalen Nachrichtenagentur Reuters, Jahrgang 1969, und der Porträtfotograf Oliver Mark (1963).

Sie wollten zusammenstellen, sagen sie, was in Zeitungen und Illustrierten meist säuberlich getrennt wird: die alltägliche, abstumpfende Grausamkeit der Kriege auf der einen Seite und die schillernde Welt der Schönen, Schrillen und Reichen auf der anderen. "Der schöne Schein ist so überflüssig wie der Krieg", sagt Oliver Mark, "aber alle schauen hin."

Wo Helmut Newton begann

"Trash und Press" haben sie die Ausstellung genannt und dafür einen besonderen Ort gewählt - den "Photoplatz" im Hotel Bogota. Ein Haus, das für seine Gäste ebenso berühmt ist wie seine schräge Geschichte. Hier prallten Welten aufeinander, die denen der beiden Fotografen gar nicht so unähnlich sind. 1911 wurde das Gründerzeithaus an der Schlüterstraße als Wohnhaus erbaut, in den zwanziger Jahren feierten Künstler, Sammler, Reiche und Schöne in der Beletage, während oben die Modefotografin Yva ihr Atelier hatte. Bei ihr wiederum ging Helmut Newton in die Lehre. Später enteigneten die Nazis das Haus, richteten ihre Reichskulturkammer darin ein, schauten Kinofilme im eigens eingerichteten Saal (während Künstler wie Yva in den Konzentrationslagern ermordet wurden). 1945 mussten Gründgens, Furtwängler und andere Große in denselben Räumen zur Entnazifizierung bei den britischen Alliierten erscheinen.

In jüngerer Zeit wohnte der Weinkenner Stuart Piggot hier, bis er eine passende Wohnung fand, oder die Mutter von Ilja Richter. Künstler und Fotografen kommen gern, weil die Preise zivil sind und die Zimmer - teilweise noch im Stil der 60er-Jahre - Charme haben. Manche - wie der britische Schauspieler Rupert Everett - haben sogar ein Lieblingszimmer. Auch Oliver Mark nutzt die Räume gern für seine Künstler-Porträts.

Nun also trifft in den Frühstücksräumen des Hotel Bogota der namenlose afghanische Junge auf eine vielfach inszenierte Tatjana Gesell. Afghanische Schulkinder treten dem Playboy Rolf Eden gegenüber. Ratlose, müde und verletzte Soldaten sehen einen "schwangeren" Oliver Pocher. Was entsteht, ist eine Art optische Implosion, ein "Crash", wie es Bensch nennt, dessen Berufssprache ein Englisch ist, das man überall versteht.

Fabrizio Bensch, geboren in West-Berlin, machte der Mauerfall zum Fotoreporter. Plötzlich stand der Student der Politikwissenschaften am Brandenburger Tor und seine Bilder gingen um die Welt. Später lernte er in Kriegen wie in Bosnien oder Irak das Zeitgeschehen zu dokumentieren und die Menschen dahinter zu sehen.

Oliver Mark, geboren in Gelsenkirchen, wurde Mode- und Werbefotograf, bevor er vor zehn Jahren ins hippe Nachwende-Berlin zog. Dort haben sich die beiden getroffen - per Zufall. Die beiden lachen. "Wir wohnen im selben Haus. Eines Tages standen wir uns im Hausflur gegenüber, mit der gleichen Fototasche in der Hand", erinnert sich Bensch. So kamen sie ins Gespräch - und begannen, sich für die Welt des anderen zu interessieren, in der es, bis auf die Fototasche, nur wenige Gemeinsamkeiten gibt.

So kann sich Bensch, der Agentur-Fotograf, über gestellte Bilder von Kollegen empören, "die vorgeben, Zeitgeschehen zu dokumentieren". Sein Motto sei: "Ich erwarte nichts, ich bin nur Zeuge dessen, was passiert." Meist hat er nur Sekunden, um seine Aufnahmen zu machen, nicht wenige seiner Motive ahnen nicht einmal etwas davon. So kennt er nicht einmal die Namen der Kinder, die er im Krieg traf - und von denen nicht wenige auf die Titelseiten der Zeitungen kamen.

Oliver Mark dagegen arbeitet oft tagelang am selben Sujet. Bei vielen Produktionen gehen ihm ein Assistent und Stylisten zur Hand. "Meine Bilder sollen eine Geschichte erzählen", erläutert Oliver Mark, dessen Porträts in vielen deutschen Illustrierten und Wochenzeitungen erscheinen. Für die Gesell-Bilderserie hat er sich an deren Interessen und Lebensstationen orientiert: "Sie hat ja in einer Tankstelle gearbeitet." Das Porträt von Oliver Pocher spielt auf eine Fotografie der berühmten Fotografien Annie Leibovitz an. Diese hatte die Schauspielerin Demi Moore für das Titelbild der "Vanity Fair" hochschwanger porträtiert.

Neuer Besitzer, alte Geschichte

Das Hotel Bogota als Ausstellungsort hat Oliver Mark entdeckt, als er dort fotografierte. Irgendwann wurde ihm klar, dass die Wände, vor denen er seine Modelle inszenierte, selbst Geschichte(n) erzählen. Will man darin wohnen? Sollten diese Räume Museum sein? Mahnmal oder Kulisse? Kann aktuelle Kunst an Wänden wie diesen bestehen?

Der Mann, der in den sechziger Jahren hier das Hotel eröffnete, glaubte wohl nicht daran. Er baute das Haus zu Etagenpensionen um, Hotel Bogota nannte er es, wohl, weil er selbst aus dem Exil in Kolumbien zurückgekehrt war. Es kamen busladungsweise Touristen, die die geteilte Stadt sehen wollten. Erst der neue Inhaber Steffen Rissmann machte 1976 damit Schluss. Er begann zu renovieren - und holte die ganze Geschichte wieder ans Licht. Heute bewirtschaftet sein Sohn Joachim Rissmann, das Haus, konserviert Altes, fügt Neues hinzu. Auf die Idee, Bilder an den Wänden seiner Frühstücksräume auszustellen, brachten ihn Künstler, die wiederum bei ihm wohnten, weil der Ruf so schön schräg ist.

"Trash & Press" seien die heikelsten Bilder, die er bisher gezeigt habe, gesteht Joachim Rissmann. Die Auswahl fiel nicht ganz leicht. Kann man den Krieg zeigen ohne Blut und Tod? Wie freizügig dürften Marks Modelle erscheinen, um den Foto-Crash am Frühstückstisch nicht allzu krass ausfallen zu lassen? Andererseits: Zeigt nicht das Fernsehen nicht schon ganz andere Bilder um diese Zeit?

Fabrizio Bensch bestand zumindest auf einem Motiv mit einem verletzten irakischen Soldaten, der nach der Detonation einer Sprengfalle von amerikanischen Kameraden geborgen wird. Die meisten seiner Fotos zeigen jedoch Kinder. "Sie sind die unschuldigsten Opfer des Krieges", sagt Bensch, "nicht nur, was die körperlichen Verletzungen angeht, sondern auch die seelischen Folgen." Kinder verhielten sich vor der Kamera vollkommen natürlich - "sie posieren nicht, sondern fahren einfach mit dem fort, was sie tun", sagt Bensch. Vielleicht liegt es daran, dass Aufnahmen von Kindern im Krieg oft sehr viel mehr erzählen und mehr bewegen als blutige Szenen. Oliver Mark stimmt Bensch zu. Aus demselben Grund seien für ihn Arbeiten mit Kindern ganz anders als mit den medienverwöhnten Stars, die er oft abbildet. "Kinder machen nicht einfach, was andere wollen. Sie tun nicht so, als ob. Man muss sie ernst nehmen und sie in eine reale Handlung einbinden, um gute Bilder von ihnen zu machen."

Ab Sonnabend sind die Fotos nun im Hotel Bogota zu besichtigen - im Grunde rund um die Uhr, denn schließlich ist das Hotel Bogota keine Galerie, sondern "nur" ein Hotel, wie Joachim Rissmann bescheiden sagt. Wenngleich eines mit "sprechenden" Wänden. Möglich, dass aus der Begegnung der unterschiedlichen Welten eine ganz eigene, neue Geschichte entsteht.