Stadtplanung

Tauentzien als Vorreiter für neues Verkehrskonzept?

Berlins Einkaufsmeile Nummer eins - die Tauentzienstraße - sorgt für Streit. Jetzt hat sich Bezirksbürgermeisterin Monika Thiemen (SPD) eingeschaltet. Sie schlägt vor, bei der ohnehin geplanten Umgestaltung der rund 600 Meter langen Shopping-Meile mutig etwas ganz Neues zu probieren: Alle Verkehrsteilnehmer sollen sich gleichberechtigt den öffentlichen Straßenraum teilen - ohne Bordsteine, Schilder oder Ampeln.

Bekannt geworden ist das Konzept unter dem Namen "Shared Space" (geteilter Raum).

Die SPD-Bürgermeisterin reagiert damit auf Pläne der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, die kürzlich - ohne lange Debatte - verkündete, den zwölf Meter breiten Mittelstreifen zwischen Wittenbergplatz und Breitscheidplatz umgestalten zu wollen. Zum Ärger von Geschäftsleuten und auch der Industrie- und Handelskammer, die das Lifting von Berlins wichtigster Einkaufsmeile nicht übers Knie brechen wollen und vor allem bei dem Vorhaben vor ihrer Haustür mitreden wollen.

Die Senatspläne sehen vor, Hochbeete anzulegen, Bäume zu pflanzen, Kioske und einen Straßenbahn-Waggon sowie neue Sitzmöbel aufzustellen. Die Kosten sind mit rund 620 000 Euro veranschlagt. Anlass für die Umgestaltung der Mittelpromenade sind die Arbeiten der BVG, die im Moment die Decken der U-Bahn-Tunnel saniert. Am Wittenbergplatz werden die Arbeiten noch in diesem Jahr abgeschlossen, von Herbst 2009 bis Ende 2010 ist die Decken-Sanierung bis zur Nürnberger Straße geplant. Kritiker der Verschönerung der Mittelpromenade finden, dass bei dieser Gelegenheit das Verkehrskonzept gleich mit unter die Lupe genommen werden muss.

Für den viel befahrenen Tauentzien stößt der Vorschlag von "Shared Space" allerdings eher auf Skepsis. Noch gibt es in Berlin kein Beispiel dafür.

Baustadtrat Klaus-Dieter Gröhler (CDU) fände es zu gefährlich, wenn sich alle Verkehrsteilnehmer gleichberechtigt auf der Tauentzienstraße, deren Gehwege stündlich allein von bis zu 8000 Passanten frequentiert werden, bewegen: "Dort flanieren ja auch viele Touristen, die sich dort nicht auskennen. Wie sollen die Busse fahren, wenn es dunkel ist und überall Menschen sind? Das ist viel zu gefährlich." Einig ist er sich allerdings mit der Bezirksbürgermeisterin darin, dass sich der Bezirk von der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung "nichts aufdrücken" lässt. Die Planung von Straßen liege in der Zuständigkeit der Bezirke, also in diesem Fall bei Tempelhof-Schöneberg und Charlottenburg-Wilmersdorf. Bei übergeordneten Straßen müsse die Senatsverwaltung zwar mit ins Boot geholt werden. Sie habe aber keine alleinige Entscheidungskompetenz. Zusammen mit seinem ebenfalls über den Alleingang der Senatsverwaltung verärgerten Stadtrats-Kollegen aus Tempelhof-Schöneberg, Oliver Schworck (SPD), will Gröhler deshalb alle Beteiligten an einen Tisch holen, um das Konzept für den Tauentzien zu besprechen.

Berlins oberste Verkehrsbehörde erteilt dem Konzept "Shared Space" eine klare Absage. "Das ist nichts für eine Großstadt", sagt Manuela Damianakis, Sprecherin von Stadtentwicklungssenatorin Ingeborg Junge-Reyer (SPD). "Der Sicherheitsaspekt ist für uns das Wichtigste im Straßenverkehr." Interessant sei jedoch das Schweizer Modell, bei dem zumindest Gehwege vorgesehen seien. "Wir prüfen, ob so etwas auch in Berlin funktionieren könnte", sagt Damianakis. Allerdings müsse es auch mit der Straßenverkehrsordnung in Übereinstimmung zu bringen sein.

Doch im Bezirk Mitte soll ein Pilotprojekt "Shared Space" realisiert werden. Dies hat die Bezirksverordneten-Versammlung auf Antrag der Grünen-Fraktion beschlossen. Allerdings gibt es auch hier große Bedenken. Der Berliner Landesbeirat für Behinderte hat sich einstimmig gegen "Shared Space" ausgesprochen, auch gegen Versuchsprojekte in Berlin. Der Beirat fordert, dass er beteiligt wird, falls in Berlin "Pilotprojekte" durchgeführt werden.

Auch die Augenärztin Christine Stamm warnt davor.Durch das Verkehrskonzept würden No-go-areas für stark sehbehinderte und blinde Menschen in Mitte entstehen, schrieb die Medizinerin an das Bezirksamt Mitte. "Die Bordsteinkante und behindertengerechte Ampeln sind wesentliche Strukturen, die es diesem Personenkreis ermöglichen, sich allein auf öffentlichem Straßenland zu bewegen." Mit der Einführung eines Shared Space würde ihnen auch dies genommen. Stamm ist Leiterin der Beratungsstelle für Sehbehinderte. Aus fachlicher und menschlicher Sicht sei die Umsetzung der Shared-Space-Verkehrsregelung nicht verantwortbar, urteilt sie. Mittes Baustadtrat Ephraim Gothe (SPD) will die Bedenken sehr ernst nehmen. "Wir werden den Behindertenverband bei allem einbeziehen", sagt er.

Gothe nennt noch einen anderen Einwand: "Berlin hat ein geschlossenes Straßenbild mit Wiedererkennungswert." Es dürfe nicht überall verändert werden. "Shared Space" könne nur eine Lösung für spezielle Orte sein. Dennoch bekennt der Stadtrat: "Die Idee mit weniger Schildern, Ampeln und mit viel gegenseitiger Rücksicht ist sympathisch." Eine Straße, die aus Gothes Sicht dafür infrage käme, ist die Thusnelda-Allee. Sie verbindet die Turmstraße und Alt-Moabit und könnte in einen Platz mit Wochenmarkt verwandelt werden, über den nur wenig Verkehr rollt. Ob die Idee Anklang findet, darüber werden Anwohner im Projekt "Aktives Stadtzentrum Turmstraße" diskutieren. Gothes zweiter Vorschlag ist die Heinrich-von-Gagern-Straße im Regierungsviertel, zwischen Bundeskanzleramt und Schweizer Botschaft.

Grüne: Friedrichstraße geeignet

Die Grünen-Abgeordnete Claudia Hämmerling hält auch belebte Straßen für geeignet. Sie nennt die Friedrichstraße und die Tauentzienstraße, außerdem den Bereich der Karl-Marx-Straße vor dem Rathaus Neukölln und das Umfeld des Hackeschen Marktes. "Überall dort, wo nicht mehr als 20 000 Fahrzeuge am Tag fahren und wo viele Leute zu Fuß unterwegs sind."

Auch in alten Ortskernen mit einem Dorfanger könnte "Shared Space" umgesetzt werden, zum Beispiel im Gebiet des Pankower Ortsteils Blankenburg. Dort engagiert sich eine Bürgerinitiative für die Idee. "Die Erfahrungen aus Holland zeigen, dass es bei Shared Space keine Verkehrstoten und keine Schwerverletzten gibt, die Zahl der Unfälle geht drastisch zurück", bilanziert Hämmerling. Die gegenseitige Rücksichtnahme funktioniere. Blinden und Sehbehinderten müsse man die Angst nehmen.

Hämmerlings Fraktion hat einen Antrag im Abgeordnetenhaus eingebracht. Darin fordern die Grünen den Senat auf, die Bezirke bei der Wahl von Standorten für Shared Space zu unterstützen. Der ADAC Berlin-Brandenburg hält Shared Space für geeignet in Wohngebieten und Szenekiezen mit vielen Restaurants, etwa am Kollwitzplatz in Prenzlauer Berg. Der Automobilclub begleitet ein Shared-Space-Projekt in Potsdam-Babelsberg. Dort wird gerade eine Machbarkeitsstudie erstellt.