Dederon-Design

Der Stoff, aus dem die DDR war, kehrt zurück

Vielleicht ist es typisch "Wessi", fremden Menschen als erstes auf die Einkaufstüten zu schauen. Melanie Thamm jedenfalls ging es so, als sie vor zehn Jahren von Osnabrück nach Pankow zog.

"Mir fielen die vielen geblümten Beutel auf, mit denen die Leute dort einkaufen gingen." Vergebens suchte sie nach der Quelle. Ein Freund klärte sie schließlich auf: Die Taschen könne man längst nicht mehr kaufen. Sie seien Überbleibsel der DDR. Was die Kunsthistorikerin erst recht neugierig machte. "Ich sprach die Leute auf der Straße auf ihre Taschen an." Auf die Reaktion war sie nicht gefasst. "Sie fühlten sich veräppelt, eine ältere Dame lief regelrecht vor mir weg."

Vielleicht war das wiederum typisch "Ossi". Wie konnte man auch den "Hoffnungsbeutel" der DDR-Bürger nicht kennen? Das Synonym der Mangelwirtschaft, das jeder immer und überall mit sich führte, klein zusammengefaltet, falls es irgendwo was zu kaufen gab, das man brauchte oder tauschen konnte.

Dederon, so künstlich wie sein Name

Der Sozialismus brauchte keine Wegwerftüten mit Werbeaufdruck. Er hatte dafür auch keine Rohstoffe. Zum 10. Gründungstag der Republik schenkte die DDR sich selbst ein weitaus tragfähigeres Gewebe: "Dederon", das Pendant zum Perlon des Westens. Der Name war ebenso künstlich ("DDR-on") wie das Material. Aus Dederon wurde hergestellt, was den sozialistischen Alltag zusammenhielt. Küchenschürzen, Herrenhemden, Damenkleider. "Die Beutel stammten ursprünglich aus den Stoffresten der Kittelschürzenproduktion", fand Melanie Thamm heraus.

Die Einführung des sozialistischen Wunder-Stoffs wurde 1959 mit großem Werbeaufwand betrieben. Melanie Thamm zeigt auf eine Tafel, die die chemische Zusammensetzung darstellt wie eine Zauberformel. Eine Werbe-Broschüre zeigt einen Elefanten, der auf einem Dederon-Faden balanciert, geführt von einer zierlichen Artistin im Dederon-Petticoat. "Erstaunlich, wie hier das Elegante herausgestellt wird, wenn man bedenkt, dass Mode im Sozialismus am Praktischen und Einförmigen ausgerichtet war", sagt die Wissenschaftlerin.

Heute gebe es nur noch wenige Dederon-Hersteller. Als sie 2001 den ersten fand, orderte sie eine Lieferung für eine Merchandising-Aktion eines Stadtmagazins. Der erste Dederon-Beutel (West) wurde eine Art kapitalistische Abwandlung des Originals: ein bisschen durchsichtig und versehen mit dem Slogan "Shop dich schön". "Das war natürlich ironisch gemeint, als Konsumkritik", erläutert die Designerin und grinst.

Die Botschaft kam an, die Nachfragen häuften sich. So entwarf Thamm weiter: Beutel aus echtem Dederon, aber mit Rüschen oder Henkeln aus Leder, in verspielten Formen. Gleichzeitig, sagt sie, entdeckte sie ihre Liebe zu weiteren Alltagsgegenständen, "die wie diese Taschen ihren Charme dadurch entwickeln, dass man sie aus ihren Zusammenhängen löst. Und die eine Geschichte mit sich tragen." 2008 entstand ihr Laden "Dederon-Design" an der Muskauer Straße in Kreuzberg. Neben alten und neuen Beuteln bietet es Retro-Gegenstände: legendäres Mitropa-Geschirr, bunte Lampions, gehäkelte Topflappen, gepunktete Regenhauben. Thermoskannen aus China, Plastikeierbecher in Hühnerform oder "Pfeffi"- und "Zitro"-Bonbons, die nach der Wende das West-Format ihrer Pendants "Prickelpit" und "Pez" annahmen.

Melanie Thamm hört den Menschen gern zu, die in ihren Laden kommen. "Viele beginnen, von früher zu erzählen." Wie die 26-Jährige, die dem letzten "Pionier"-Jahrgang angehörte, der Kinderorganisation der DDR. Oder die Frau, die in einem Hochzeitskleid aus Dederon geheiratet hatte. "Erstaunlich, wie viele Leute im Kiez eine Ost-Vergangenheit haben."

Zu jedem Ding eine Geschichte

Umgekehrt hat auch die Kunsthistorikerin zu jedem Gegenstand eine Geschichte. Die "Eierhühnchen" zum Beispiel: Sie würden noch vom selben Hersteller produziert wie zu DDR-Zeiten, sagt sie. Nur die Farben seien vielfältiger. "Die Originaltöne heißen jetzt DDR-Blau oder DDR-Rosa." Auf ihrem Ladentisch steht eine kleine, rostig-goldfarbene Vitrine, in der einmal Süßwaren gewesen sein mögen oder Schmuck. Jetzt liegen ein Dederon-Beutel darin, eine Dederon-Geldbörse und ein "Winkelement" aus zart-durchsichtigem Stoff. Sie nimmt das Gewebe vorsichtig heraus. Es trägt das Dederon-Logo aus Ähre und Glaskolben. Sogar ein R im Kreis ist zu sehen für die registrierte Marke. "Ich nenne es mein Dederon-Museum", sagt sie und lächelt.

Und tatsächlich hat es das sozialistische Gewebe - korrekt müsste es heißen: Gewirk - zu 60. "Geburtstag" seiner West-Verwandten Nylon und Perlon ins Bonner Haus der Geschichte geschafft. "Künstliche Versuchung" hieß die Ausstellung, die 1999 die Geschichte des Gewebes erzählte, das 1939 fast zeitgleich in den USA als Nylon und in Deutschland als Perlon auf den Markt gekommen war.

Doch die schweißtreibenden Dederon-Kleider und Hemden konnten, trotz der Erfindung des Deosprays einige Jahre später, auf dem Markt nicht bestehen. Nur die geblümte Kittelschürze führt weiter ein reges Nischen-Leben. "Auch wenn sie aus dem Sortiment herkömmlicher Haushaltsläden zunehmend verschwinden", sagt Melanie Thamm, "auf Wochenmärkten auf dem Land gibt es immer noch Nachfrage." Auch in ihrem Geschäft hängt ein ganzer Schwung, gebraucht und neu, geblümt und uni, bunt und dezent. Selbst im Internet haben die Uniformen der modernen Hausfrau von einst ihre Abnehmer. Inserate wie "sexy nassglänzende Dederon-Kittelschürzen" auf Ebay zeugen davon.

Thamms aktuelle Beutelmodelle haben wieder die Muster von einst, Punkte und Blumen. Ihretwegen kämen Kunden selbst aus entfernten (Ost-)Bezirken, sagt sie. "Sie kaufen sich damit ein Stück Geschichte zurück." Geschichte als Beutel, in dem man die Dinge des Lebens verwahrt: ein schönes Bild. Bei Gelegenheit kann man die Dinge hervorholen, betrachten, verarbeiten - oder auch wegräumen. Dann kann der Beutel neu gefüllt werden. Sehr praktisch.

So lebt Dederon weiter. Und es scheidet weiterhin Ossis und Wessis. Der Ostler legt bei der Aussprache die Betonung auf den sinnhaften Anfang des Wortes. Der Westler nimmt das Wort vorsichtig in den Mund - wie einen fremdartigen Wirkstoff.

Dederon-Design, Muskauer Straße 45, www.dederon-design.de