Letzte Klappe für ein Klischee

Die meisten Berliner ausländischer Herkunft sind Türken. In diesen Tagen bei der 7. Türkischen Filmwoche, die heute endet, wird der türkische Film gefeiert. Ein Anlass, erfolgreiche türkische oder türkischstämmige Filmemacher aus Berlin vorzustellen.

Könnte man meinen. Doch genau dieser Gedanke nervt viele Betroffene. Neco Çelik zum Beispiel. Der Filmautor, Regisseur und Medienpädagoge mag über seine Kindheit in Kreuzberg nicht mehr reden; nicht darüber, wie es war, hier als Sohn türkischer Einwanderer aufzuwachsen, Mitglied der Jugend-Gang "36er" zu sein, es zu schaffen, sich zu besinnen und in der Filmbranche einen Namen zu machen. "Nicht schon wieder bitte", stöhnt er am Telefon. "Immer dieses Türken-Thema."

Dabei gäbe es viel zu erzählen über Çelik, den Kreuzberger Familienvater, Regisseur und Autoren. Sein vielleicht bekanntester Film war 2006 die Dokumentation "Kreuzberger Nächte - Junge Türken in Berlin". Zurzeit inszeniert er im Ballhaus Naunynstraße "Nathan Messias", ein Stück von Feridun Zaimoðlu und Günter Senkel frei nach Lessings "Nathan der Weise".

"Ich wollte die Welt verändern"

Das Dilemma, in dem Neco Çelik und viele andere Filmschaffende mit ausländischer Familiengeschichte stecken: Einerseits will niemand von ihnen auf die Herkunft reduziert werden, andererseits fasziniert eben genau diese Herkunft in der vermeindlichen Fremde. Çelik erzählt immer wieder Geschichten aus dem deutsch-türkischen Leben. Zum Beispiel träumt der 36-Jährige davon, einen Film über einen türkischstämmigen Fußballspieler zu drehen, um den sich die deutschen und türkischen Sportklubs vor der WM streiten. Bislang haperte es an der Finanzierung. Beim Thema Ehrenmord hingegen seien die Produzenten nicht so zimperlich. "Schade", sagt Çelik.

Sema Poyraz kennt diese Problematik ebenfalls. Aber auch sie beschäftigt sich mit den Themen Migration und Integration. Die 59-Jährige emigrierte als Elfjährige mit ihren Eltern aus der Türkei nach Deutschland, studierte nach dem Abitur Orientalistik und Theaterwissenschaften in München und wurde dann als erste Türkin 1973 an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin angenommen. "Ich glaube, ich hatte da den Exotenbonus", sagt sie. Vielleicht war es aber auch einfach ihr Talent.

Drei Jahre lang pausierte Sema Poyraz, statt zu studieren engagierte sie sich für Kreuzberger Kinder aus türkischen Familien. "Ich wollte die Welt verändern, etwas tun", sagt sie. Doch die Sozialarbeit enttäuschte sie, es war alles ganz anders, als sie gedacht hatte.

Und so nahm Poyraz ihr Studium wieder auf. Und nahm sich vor, durch ihre Filmarbeit auf gesellschaftliche Probleme aufmerksam zu machen. "Durch meinen Migrationshintergrund hatte ich immer das Gefühl, hier eine Brückenfunktion zu besetzen, eine Art Mittlerin zu sein", sagt sie. Mitunter sei das sehr anstrengend gewesen. Doch auch immer wieder schön: Die Menschen vertrauten sich der Schauspielerin und Regisseurin an, Sema Poyraz produzierte etliche Features über türkischstämmige Menschen in Deutschland.

"Ich hatte die Nase voll"

Trotzdem sagt sie, dass sie manchmal davon genug habe: "Es müsste doch Normalität sein, eine gemischte Gesellschaft zu zeigen, auch im Film." Aber nein, stets müsse Abstammung Thema sein. Manchmal scheint sie zu bereuen, überhaupt diesen Weg eingeschlagen zu haben. "Ich wusste nicht, dass ich aus dieser Ausländerecke nicht mehr rauskomme." In ihren Rollen habe sie oft Kopftuch tragen müssen, ihre Meinung aber war in den TV-Redaktionen nicht gefragt.

Diese Erfahrung hat auch Mürtüz Yolcu gemacht. Eigentlich würde der 48-Jährige gern mal eine andere Rolle spielen, aber der Schauspieler scheint, so nennt er es selbst, auf Türken abonniert zu sein. Yolcu spielte den Kleinkriminellen Hassan in "Alarm für Cobra 11", einen mutmaßlichen Islamisten in "GSG 9", im Kinofilm "Evet, ich will" nun einen Türken, der für seine Aufenthaltsgenehmigung in Deutschland eine Scheinehe eingehen will. In der Komödie von Regisseur Sinan Akku (mit Oliver Korittke, Hülya Duyar), der als Abschlussfilm der Türkischen Filmwoche heute im Kreuzberger Babylon Kino gezeigt wird, geht es um deutsch-türkische Beziehungskisten. Auch Sema Poyraz spielt mit. Natürlich werden Klischees bedient, meint sie, "aber auf eine humorvolle, unterhaltsame Art."

Mürtüz Yolcu sagt, es gab mal eine Zeit, da konnte er es einfach nicht mehr ertragen, immer "den Türken" zu spielen. Für immer die gleiche Rolle gecastet zu werden, leicht abgewandelt zwar - mal eher Typ Gemüsehändler, dann Drogenhändler oder brutaler Vater -, aber trotzdem: es langweilte. Schließlich wird niemand Schauspieler, um ewig ein und dieselbe Stereotype darzustellen. "Ich hatte die Nase voll", sagt Yolcu. Auch, weil es Regisseure gab, die meinten, besser zu wissen, wie der Alltag in einer türkischen Familie in Deutschland so aussieht. Damals legte Mürtüz Yolcu eine Film-Pause ein und konzentrierte sich auf das Theater. "Dort wird weniger danach ausgesucht, wie man aussieht, da gibt es oft mehr Möglichkeiten", findet er.

Seit Fatih Akin 2004 mit "Gegen die Wand" international Erfolg feierte und Preise abräumte, habe sich etwas verändert, sagt Yolcu. Nicht nur die Zuschauer, auch die Filmemacher nähmen jetzt ausländische oder ausländisch aussehende Schauspieler anders wahr, normaler. Wie im wirklichen Leben sind Filmfamilien und -cliquen ebenso wie Crew-Mitglieder immer häufiger aus aller Welt. Und die Besetzung richtet sich nicht nur nach kulturelle Unterschieden. Zum Beispiel spielt Mehmet Kurtulu seit vergangenem Jahr im Hamburger "Tatort" einen "normalen" türkischstämmigen Kriminalhauptkommissar. Immerhin. "Die Integration findet langsam auch in Fernsehen und Kino statt", sagt Mürtüz Yolcu.

Trotzdem spielt er noch immer mehr Theater, zurzeit im Ballhaus Naunynstraße in dem Stück "Jenseits - bist du schwul oder bist du Türke?" von Nurkan Erpulat und Tunçay Kulaoðlu, das auf Interviews mit Berliner Homosexuellen türkischer Herkunft basiert.

Türkische Filmwoche im Netz: www.tuerkischefilmwoche-berlin.de