Café Niesen

Kaffeetrinken ohne Kinder kommt gut an

Auf dem Tresen steht eine Schale mit Keksen, aus der sich kleine Gäste bedienen können. Auf einem Regal warten Bonbonnieren mit bunten Lollis. Ein paar Meter weiter gibt es eine Spielecke, und ein Wickeltisch gehört zur Grundausstattung. Sieht so ein kinderfeindliches Café aus?

Christine Wick und Klaus Schulte vom Café Niesen an der Schwedter Straße wundern sich jedenfalls zurzeit gewaltig, dass ihr Betrieb nach einem Fernsehbericht zu einer Art Prenzlauer-Berg-Politikum gemacht wird. Auslöser ist ein kleines Schild mit kindlich anmutendem Schreibfehler an einer der Eintrittstüren: "Für Ältern ohne Kinder".

"Eigentlich war nebenan unsere Eisdiele", erzählt Klaus Schulte. Vor rund drei Monaten habe man daraus einen separaten Raum für Menschen gemacht, die es vorziehen, beim Kaffeetrinken nicht von kleinen Kindern umgeben zu sein. "Wir haben uns auf Anregung unserer Gäste zu diesem Schritt entschlossen", sagt Schulte. Die meisten davon seien - wie die Betreiber des Café Niesen auch - selbst Eltern, hätten aber auch nichts dagegen, mal in Ruhe ein Stück Kuchen zu essen, ohne vielleicht gerade auf eine zehnköpfige Stillgruppe zu treffen.

Und im Hauptraum, der durch den Tresenblock vom Separee getrennt, aber durch einen Flur mit diesem verbunden ist, gibt es immer noch viel Platz für Familien. Mit einem Verhältnis von 40 zu 10 Sitzplätzen ist der kinderfreie Extra-Raum deutlich kleiner. "Zu 99 Prozent findet niemand etwas an dieser Regelung. Jeder soll die Möglichkeit haben, sich wohlzufühlen", sagen Schulte und Wick.

"Mutig, aber konsequent"

Auch Carine Seneschal stört sich nicht daran. Sie wohnt im Kiez direkt am Mauerpark, ist hier mit ihren Kindern Jeremy und Lisa unterwegs und war auch schon zu Gast im Café Niesen. "Es gibt doch auch Kneipen mit Raucher- und Nichtraucherbereich", sagt die 35-Jährige. "Und ich kann mir vorstellen, dass es auch mal Gäste gibt, die gemütlich und ohne Lärm im Café sitzen wollen." "Mutig" nennt ein anderer Gast die Entscheidung der Betreiber, aber auch "konsequent". "Das ist doch viel besser, als wenn man mit Kindern in einem Café sitzt und die anderen Gäste einem durch Blicke zu verstehen geben, dass man nicht erwünscht ist."

Auch ausgewiesen kinderfreundliche Gastronomie-Kollegen können an der Aufteilung des Café Niesen nichts Anstößiges finden. Julia Hagen betreibt in Schöneberg das KinderkulturCafé Kalimero, in dem es neben dem normalen Gastraum ein mit Teppich ausgelegtes Babyzimmer und einen Spielraum für ältere Kinder gibt. "Ich kann gut verstehen, dass man auch ein Angebot für Gäste schafft, die es ein bisschen ruhiger mögen. Gerade in Prenzlauer Berg", sagt die 34-Jährige. Bei der Vielfalt der Berliner Café-Landschaft müsse sich davon niemand ausgegrenzt fühlen.

Von kinderfeindlicher Tendenz in der Berliner Gastronomie kann sowieso keine Rede sein kann. Dem Berliner Hotel- und Gaststättenverband Dehoga war bisher kein einziger Betrieb mit kinderfreier Zone bekannt. Das findet Thomas Lengfelder, Hauptgeschäftsführer des Dehoga Berlin, auch gut so. "Wie reden immer über Kinder- und Jugendförderung. Da sollte man Kinder nicht ausgrenzen." Wenn ein Hotel oder ein Restaurant entsprechend viel Platz hat, um einen ruhigen Raum einzurichten, sei das laut Lengsfelder zwar in Ordnung, "generell würde ich aber sagen, wenn Restaurants Kinder nicht zulassen, ist das grenzwertig. Da sollten wir es wirklich eher südländisch halten, wo Kinder immer mit dabei sind."

Und so halten es die Berliner Gastronomen auch, sogar aus dem Szene-Lokal Grill Royal in Mitte heißt es, Kinder seien jederzeit willkommen. "Gäste mit Kindern kommen bei uns bevorzugt am früheren Abend", sagt Restaurant-Sprecherin Silke Naumann. Allerdings gebe es keine Kinderstühle und auch keine extra Kinderkarte.

Mallorquinische Zustände herrschen in Berlin also längst nicht. Auf der Urlaubsinsel hatten in den vergangenen Jahren eine ganze Reihe von "erwachsenenfreundlichen" Hotels eröffnet, in denen Kinder unter 12 Jahren nicht erwünscht sind. Die Accor-Gruppe, die in Berlin 31 Hotels betreibt, setzt ganz im Gegenteil auf Familienangebote. "Bei uns sind Kinder in jedem Haus willkommen. In den Novotels übernachten und frühstücken Kinder sogar kostenfrei", sagt Accor-Sprecher Michael Kirsch. Im Sterne-Hotel Pullmann Berlin Schweizerhof, das ebenfalls zur Accor-Gruppe gehört, sind Kinder selbst im Spa-Bereich willkommen.

Klaus Schulte und Christine Wick haben keinen Zweifel, dass es trotz der momentanen Aufregung um ihren Extra-Raum auch an diesem Wochenende wieder voll werden wird. Und sobald es wieder wärmer ist, sitzen sowieso wieder alle zusammen - draußen auf der Terrasse.