Energieversorgung

Vattenfall beheizt Berlin mit Holz

Vattenfall wird in den nächsten Jahren rund eine Viertelmillion Berliner Haushalte mit Fernwärme beheizen, die aus Holz gewonnen wird. Der Energiekonzern benötigt dafür ab 2016 eine Million Tonnen Biomasse pro Jahr.

Deshalb will Vattenfall in Brandenburg Energiewälder pflanzen lassen. Das sind Plantagen auf denen besonders schnell wachsende Bäume und Sträucher angebaut werden, die zur Erzeugung von Energie genutzt werden. Vattenfall will Biomasse aus Energiewäldern und aus Resthölzer aus Umlandwäldern nutzen, aber auch Brennstoff aus nachwachsenden Rohstoffen, anders als vor Monaten angekündigt, auch in großem Stil auf dem Weltmarkt einkaufen. Das sagte der Vorstand der Konzerntochter Vattenfall Europe Wärme AG, Frank May, der Berliner Morgenpost, als er erstmals die Grundzüge des neuen klimaschonenden Energieversorgungskonzept vorstellte.

Der Kraftwerkspark der Hauptstadt wird im Zuge dessen fast komplett erneuert. Ein Jahr ist es her, seit Vattenfall umschwenkte und sich nach massiver Kritik an Plänen für ein neues Steinkohlekraftwerk in Lichtenberg verpflichtete, auf eine ökologischere Geschäftspolitik zu setzen. Der Konzern hat sich verpflichtet, pro Jahr eine Million Tonnen des Klimagases CO2 einzusparen. Neben dem Neubau von zwei hocheffizienten Gaskraftwerken an bisherigen Standorten in Lichterfelde und Lichtenberg will Vattenfall dieses Ziel vor allem durch den massiven Ausbau der Biomasse-Nutzung erreichen.

Wohnungen klimaneutral heizen

Der Brennstoff Holz verursacht im Vergleich zur Kohle etwa 80 Prozent weniger CO2. Von den insgesamt 1,5 Milliarden Euro, die Vattenfall in den nächsten zehn Jahren in den neuen Kraftwerkspark investieren will, fließen mehrere hundert Millionen in den Ausbau der Biomasse. Sehr weit sind aber zunächst die Vorbereitungen für den Neubau einer hocheffizienten Gas-Anlage als Ersatz für das alte Heizkraftwerk Lichterfelde. Am 27. März eröffnet Vattenfall dort eine Info-Box, um die Nachbarschaft über das Vorhaben zu informieren. Mitte des Jahres sind die Eröterungstermine vorgesehen, 2011 könnte der Bau beginnen. Als ersten Schritt zum Ausbau des Biomasse-Einsatzes will Vattenfall noch in diesem Jahr mit dem Bau eines Biomasse-Heizwerks im Märkischen Viertel in Reinickendorf beginnen. Der Bauantrag sei eingereicht, sagte May, er erwarte jeden Tag die Genehmigung. Ende 2011 sollen dann 36 000 Wohnungen im Berliner Norden nach den Plänen des Versorgers klimaneutral beheizt werden.

Für einen großen Schub in der Biomasse-Nutzung sorgt laut May die Erkenntnis, dass sich der Anteil von Holz deutlich höher ist als zunächst angenommen. Die Ingenieure gehen jetzt davon aus, dass sich in den Heizkraftwerken Reuter West und Moabit etwa zehn Prozent der Kohle durch Holz ersetzen lässt. Bis 2014 will Vattenfall die höchste Stufe der Mitverbrennung erreicht und den CO2-Ausstoß bereits um 400 000 Tonnen im Jahr gesenkt haben. Dafür benötigt der Versorger dann schon die Hälfte der einen Million Tonnen Holz. Die andere Hälfte soll in den reinen Biomasseanlagen verbrannt werden, die neben dem Märkischen Viertel auf dem Gelände des alten Kraftwerks Klingenberg an der Rummelsburger Bucht in Lichtenberg entstehen werden. Allein von dort werden mittelfristig 120 000 Ostberliner Haushalte mit sauberer Wärme versorgt. Durch die Zumischung von Holz in den westlichen Kraftwerksstandorten steigt die Zahl der ökologisch beheizten Wohnungen rechnerisch auf 250 000.

"Alle unsere Standorte sind ans Bahnnetz angebunden und über den Wasserweg zu erreichen"; sagt May. Deshalb müsse niemand Angst haben, dass nun Tausende von Holz-Lastwagen Berlins Straßen verstopfen. Die Mitarbeiter des "Ressource Management" sind schon seit Monaten unterwegs, um den Bezug der enormen Holzmengen zu sichern.

Restholz aus ostdeutschen Wäldern

Der Nachschub soll zu etwa je einem Drittel aus drei Quellen kommen: Auf 10 000 bis 20 000 Hektar, das entspräche einer Fläche von etwa einem Viertel des Berliner Stadtgebiets, sollen im Umland Plantagen mit schnell wachsenden Energiewäldern angelegt werden. Diese sollen dort wachsen, wo bisher Flächen brach liegen, auch Rieselfelder oder Tagebaue will man nutzen. Auf keinen Fall, so wird versichert, möchte Vattenfall in Konkurrenz zur Nahrungsmittelproduktion treten. Zweite Quelle sollen Resthölzer aus ostdeutschen Wäldern sein, also Baumkronen, Äste oder Stümpfe. Aber auch Baumschnitt einzelner Bezirksämter will sich der Konzern sichern. Den Rest seines Bedarfs will Vattenfall auf dem Weltmarkt decken, also Holz aus Polen, Skandinavien, Russland oder den USA importieren. Man wolle sicherstellen, dass kein Holz aus Regenwaldgebieten zum Einsatz komme und sich die Nachhaltigkeit der Brennstoffe auch zertifizierten lassen, so May.

Noch gibt es für feste Biomasse keine verbindlichen Öko-Kriterien wie für Bio-Sprit. Die EU-weite Abstimmung hat eben erst begonnen. Vattenfall wolle aber eine strenge Öko-Regelung vorwegnehmen und so vermeiden, in ein paar Jahren durch neue politische Rahmensetzungen überholt zu werden, sagt May. Vattenfall setzt im wesentlichen auf feste Biomasse, weil dieser Brennstoff, auch nach einer McKinsey-Studie zu erneuerbaren Energieträgern, am schnellsten eine deutliche Reduzierung des Treibhausgases CO2 möglich macht. Für den Versorger ist aber auch wichtig, dass Biomasse aus Holz, anders als der je nach Wetterlage unregelmäßig anfallende Strom aus Wind oder Sonne, die Grundlast der Versorgung sichert. Umweltschützer sehen das Engagement des Konzerns weiterhin mit Argwohn. Biomasse sei zwar ein richtiger Weg, sagte der Geschäftsführer des BUND Berlin, Andreas Jarfe. "Wir dürfen aber nicht Hurra schreien, weil Vattenfall uns Biomasse-Kraftwerke versprochen hat." Der Fokus müsse auf der Verwendung von regional gewonnenem Holz liegen. Für den Import-Brennstoff müssten strengste und extern überprüfte Nachhaltigkeitskriterien gelten. Auf keinen Fall dürfe Holz aus Regenwaldgebieten verfeuert werden, um uns hierzulande ein gutes Öko-Gewissen zu machen.