Vorwürfe

"Wir mussten nackt in der Ecke stehen"

Nach Jahrzehnten des Schweigens erheben jetzt immer mehr ehemalige Zöglinge des früheren Don-Bosco-Kinderheimes in Wannsee Vorwürfe gegen Geistliche und Mitarbeiter der Einrichtung.

Auch gestern meldeten sich bei der Berliner Morgenpost weitere Betroffene mit massiven Anschuldigungen gegen ihre damaligen Betreuer. Dabei sprachen sie sowohl von sexuellen Übergriffen als auch gewalttätigen Misshandlungen.

Unterdessen will der Salesianer-Orden, der das Heim betrieben hatte, allen Vorwürfen "mit großem Nachdruck und ohne Ansehen der Person" nachgehen und aufklären. Besonders wichtig sei es, den Opfern beizustehen, um sie bei der Aufarbeitung ihrer Leiden zu unterstützen, sagte eine Sprecherin des Ordens in München. Zudem gebe es auf Grund der Vorwürfe jetzt Ansprechpartner für Opfer von sexuellem Missbrauch, sagte die Sprecherin weiter.

Ein 67 Jahre alter früherer Heimbewohner sagte gestern dieser Zeitung, dass "Griffe der Patres unter die Bettdecke mit Scham verletzenden Berührungen" schon Mitte der 50er Jahre an der Tagesordnung gewesen seien. Und ein nicht ordentlich gemachtes Bett wurde damit bestraft, dass die Jungen nackt in der Ecke stehen mussten, sagte Norbert D. aus Wedding. Er wurde von 1955 bis 1958 erst im alten Don-Bosco-Standort in Siemensstadt, später in Wannsee erzogen und erinnere sich mit Schrecken an regelmäßige Prügel. "Wir wurden mit verschiedensten Gegenständen auf den Kopf und auf den Rücken geschlagen. Zwei der Patres seien sadistisch veranlagt" gewesen. Vor allem Pater B. hatte Freude am Prügeln."

Die Wucht der Schläge habe bei ihm zu Furunkeln am Rücken geführt, so der 67-Jährige. Wer wie er wagte Aufzubegehren, wurde von der Heimleitung sanktioniert. "Es gab nur jeden vierten Sonntag Ausgang. Ich habe meine Mutter und Geschwister manchmal drei Monate nicht gesehen." Seine Mutter habe nicht an die Übergriffe der Erzieher geglaubt, hatte Ehrfurcht vor kirchlichen Einrichtungen und ihrer Vertreter. Norbert D. habe die Torturen verdrängt, bis kürzlich der Canisius-Skandal bekannt wurde.

Günter Sch. aus Schöneberg kam als Zehnjähriger ins Kinderheim in Wannsee. Die Berichte über Don-Bosco würden ihm die Tränen in die Augen treiben, nach Jahrzehnten der Verdrängung. Er sei von den älteren Mitbewohnern im Heim sexuell missbraucht worden - über zweieinhalb Jahre lang. Wehren konnte er sich nicht, Hilfe war nirgends zu erwarten, sagt der heute 57-Jährige. Der Heimleiter habe ihm nur geraten zu beten. Eingeschritten sei er nicht. Auch Günter Sch. beschreibt Pater B. als brutalen Erzieher, der ihn immer wieder geschlagen habe. Ein Bluterguss am Kopf, der nicht heilen wollte, musste schließlich von einem Arzt punktiert werden. Pater B. prügelte aus nichtigen Anlässen, mal nach dem Duschen oder wenn in der Theaterprobe etwas schief gelaufen sei. Die Gewaltausbrüche seiner Betreuer habe er nie verkraftet, nur verdrängt. "Für mich war das noch schlimmer als die als die sexuellen Angriffe der Jugendlichen im Heim. "Das habe ich inzwischen verarbeitet", berichtete der 57-Jährige.

Ein anderer Heimbewohner, der zu Beginn der 60er Jahre im Don-Bosco-Heim lebte und anonym bleiben möchte, berichtet, dass Anzeigen und Missbrauchsvorwürfe gegen Patres die Heimleitung schon damals in Erklärungsnot gebracht hätten. Auch er habe nie darüber gesprochen, sei aber froh, dass "die Praktiken der Patres endlich ans Licht" kämen.

Es gibt indes auch Stimmen ehemaliger Heimkinder, die keine der genannten Vorwürfe bestätigen können. So sprach ein heute in England lebender gebürtiger Berliner von einer glücklichen Kindheit, die er in der Einrichtung in Wannsee verbracht habe. Andere berichteten, sie seien dem Heim und seinen Betreuern auch nach ihrer Entlassung noch jahrelang verbunden geblieben.

"Zwei der Patres waren sadistisch veranlagt"