Missbrauchsskandal

Übergriffe im katholischen Kinderheim

Kinderheime für die Ärmsten der Armen in Dritte-Welt-Ländern, Freizeiteinrichtungen und Ausbildungsstätten für benachteiligte Jugendliche in Deutschland - das ist die eine Seite des katholischen Ordens "Salesianer Don Bosco".

Vergewaltigungen und Misshandlungen von minderjährigen Schutzbefohlenen durch einzelne Geistliche und Erzieher - das ist möglicherweise die andere, die dunkle Seite. Was tatsächlich in früheren Jahrzehnten in Kinderheimen des Ordens in Berlin und anderswo passierte, lässt sich noch nicht mit letzter Bestimmtheit sagen, denn die jetzt erhobenen Vorwürfe werden erst geprüft. Aber was Betroffene und ihre Angehörigen über Vorfälle im Don-Bosco-Heim in Wannsee schildern, sprengt teilweise jede Vorstellungskraft.

Der Brandenburger Peter Eller, der sich schon vor drei Tagen an die Berliner Morgenpost gewandt hatte, machte seine Erfahrungen in dem Heim in Wannsee Anfang der 60er-Jahre. Der Schrecken aller Zöglinge war nach seinen Angaben zu der Zeit ein Pater, der zuvor viele Jahre als Missionar im Ausland tätig war. Der Mann habe nachts immer wieder gezielt Kinder und Jugendliche abgepasst, die auf die Toilette wollten. "Erlaubt wurde das nur gegen sexuelle Leistungen", so Eller. Der Pater und seine Neigungen seien Dauergesprächsthema unter den Heim-Zöglingen gewesen. Bei den Gesprächen sei es stets auch um die Frage gegangen, wie man die nächtliche Konfrontation mit dem Pater umgehen könne. Ältere Jugendliche hätten dabei den Jüngeren den Tipp gegeben, stets eine leere Flasche am Bett zu haben, um so nicht auf die Toilette gehen zu müssen.

Übergriffe bei der Nachhilfe

Der 65-Jährige hat die Annäherungsversuche des Paters selbst während der Nachhilfestunden erlebt, die der Geistliche regelmäßig gab. "Da rückte er immer näher heran, dann rutschte seine Hand einem immer mal wieder wie unbeabsichtigt auf den Oberschenkel oder zwischen die Beine", schilderte Eller die Geschehnisse. Vor allem Kinder, die jüngsten gerade mal sechs Jahre, hätten gar nicht die Möglichkeit gehabt, sich zu wehren und seien den ständigen Übergriffen hilf- und schutzlos ausgeliefert gewesen.

Hilflos fühlte sich nach eigenen Angaben auch ein 51-jähriger Berliner, der in den 70er-Jahren für knapp drei Jahre in dem Heim untergebracht war, nachdem ihn das Jugendamt aus einer desolaten Familie herausgeholt hatte. Sein Vater war jähzornig und gewalttätig, seine Mutter hatte wechselnde Männerbekanntschaften, von denen sich einer auch für den Sohn interessierte. "In das Heim zu kommen, war der sprichwörtliche Wechsel vom Regen in den Traufe", erzählt der Berliner.

Ein Erzieher schlug auf Kinder ein

Der 51-Jährige berichtete, er sei mehrfach massiven sexuellen Annährungsversuchen ausgesetzt gewesen. In einem Fall, so der Mann, der anonym bleiben möchte, soll es sogar zu einer Vergewaltigung gekommen sein.

Er erinnert sich auch an Misshandlungen zu einer Zeit, als die Prügelstrafe vom Gesetzgeber längst verboten war: "Einen Erzieher und einen weiteren Mitarbeiter hat das allerdings nicht interessiert, die haben mit allem auf mich und andere eingeschlagen, was sie in die Finger bekamen, Gürtel, Holzstöcke, sogar Metallrohre". Der 51-Jährige und Peter Eller waren sich gegenüber der Berliner Morgenpost einig: "Bei diesen Misshandlungen haben die Patres ihre ganzen sadistischen Neigungen ausgelebt."

Gabriele Merk, die Sprecherin des Salesianer-Ordens, dem Träger des 2005 geschlossenen Heims in Wannsee, teilte gestern mit, die Vorwürfe würden sowohl von Angehörigen des Ordens als auch von externen Fachleuten überprüft. Bislang habe man aber keine Beweise für die Anschuldigungen gefunden.

In der Umgebung des Heims in Wannsee zeigte man sich gestern überrascht über die Vorfälle. "Man hat nie etwas Schlechtes gehört. Das Heim hatte eigentlich einen guten Ruf, aber inzwischen wundert einen ja nichts mehr", sagte eine ältere Frau, die seit Jahrzehnten in der Nachbarschaft wohnt. Und ein 33-Jähriger wunderte sich: "Wir sind da als Kinder oft hingegangen, die hatten ein tolles Freizeitprogramm. Und die Leute waren immer nett zu uns, dabei bin ich nicht mal katholisch."