Kirche

Missbrauch: Vorwürfe gegen Don-Bosco-Heim

Die Affäre um die Missbrauchsfälle am Canisius-Kolleg zieht nicht nur bundesweit immer weitere Kreise. Jetzt ist auch eine zweite Berliner Einrichtung unter Verdacht geraten. Gleich von mehreren Seiten wurden in den vergangenen Tagen schwere Vorwürfe gegen Geistliche und Mitarbeiter des ehemaligen Don-Bosco-Kinderheimes in Wannsee erhoben.

Dort soll es vor allem in den 70er- und 80er-Jahren zu massiven Übergriffen auf minderjährige Heimzöglinge gekommen sein.

Von "unvorstellbar fürchterlichen Dingen", gegen die das Canisius-Kolleg "das reinste Kaffeekränzchen" gewesen sei, berichtete jetzt eine Leserin der Berliner Morgenpost, die anonym bleiben möchte. Sie ist nicht die einzige, die schwere Anschuldigungen erhebt. Mehrere Medien berichteten am Sonnabend übereinstimmend über Vorwürfe gegen Mitarbeiter des vom katholischen Don-Bosco-Werk bis vor wenigen Jahren betriebenen Heims in Wannsee.

Ihr Cousin sei in den 70er-Jahren als Kind nach dem Tod seiner Eltern in das Heim gekommen, berichtet die Frau. Erst als Erwachsener habe er über das dort Erlebte sprechen können und geschildert, wie er und andere Jungen "regelmäßig und geplant" über Jahre von zwei Patres vergewaltigt worden seien. Mit Strafen und Drohungen hätten die Geistlichen ihre Zöglinge dazu gebracht, Stillschweigen über die Vorfälle zu bewahren. "Das Leben meines Cousins ist zerstört und nicht mehr zu heilen", sagte die Leserin.

Auch Peter Eller aus Mellensee in Brandenburg hat zwei Jahre in dem Kinderheim am Wannsee verbracht. Das dort Erlebte beschäftigt den 65-Jährigen wie er sagt noch heute. 1959 kam er als 13-Jähriger in das Heim. Viele Jungen seien damals den sexuellen Übergriffen "bigotter" Patres und Erzieher ausgesetzt gewesen, sagt Eller. "Gegen sexuellen Missbrauch habe ich selbst mich wehren können, gegen drakonische Prügelstrafen und andere Grausamkeiten allerdings nicht", so der Mann weiter.

Anders als die meisten Missbrauchsopfer geht Eller bewusst offensiv mit den Ereignissen von einst um. Dass er sich offen und mit vollem Namen äußert, hat einen Grund. Der 65-Jährige hofft, dass viele Opfer dem Beispiel folgen und sich offenbaren. Ihm ist es ein wichtiges Anliegen, Kontakt zu anderen Betroffenen aufzunehmen und sich auszutauschen, um so das Erlebte zu verarbeiten.

Der weltweit drittgrößte katholische Männerorden "Salesianer Don Bosco" unterhielt das Kinderheim in Wannsee von 1955 bis 2005. Er engagiert sich seit jeher in der Kinder und Jugendarbeit, und unterhält im In- und Ausland Heime und Ausbildungsstätten. Für die Behörden sind die jetzt erhobenen Anschuldigungen neu. Der Orden war gestern für eine Stellungnahme nicht zu erreichen.