Stadtentwicklung

Kollwitzkiez: Erfolgsmodell mit Schattenseiten

Die Demonstranten - unter ihnen auffällig viele im Rentenalter - recken ihre Transparente empor, auf denen "Mietboykott ist kein Verbrechen" oder "Flüchtlinge bleiben - Spekulanten vertreiben" zu lesen ist.

Verschämt lächelt ein älterer Herr mit Goldrandbrille und gepflegtem grauem Haar in die Kamera, er hält ein Plakat, auf dem er ankündigt: "Wir Bleiben Alle". Das war zugleich das fast trotzig klingende Motto der Mieterdemonstration WBA - Wir Bleiben Alle" - mit der vor 15 Jahren die Menschen im Kollwitzkiez auf die Straße gingen.

Was die Menschen damals aus ihren Häusern auf die Straße trieb, war der Beschluss des Berliner Senats im Oktober 1993, der das Wohnquartier um die Kollwitz- und Rykestraße zum Sanierungsgebiet erklärte. Die Sorge, dass mit der Sanierung der baufälligen Gründerzeithäuser die angestammten Mieter ihre Wohnungen verlieren würden, war offenbar berechtigt. Von den Menschen, die auf dem Demonstrationsbild von 1993 ihr Bleiben androhten, dürften heute nur noch die Wenigsten im Kiez leben: Laut Statistik waren lediglich 17,3 Prozent der heutigen Bewohner bereits vor 15 Jahren in ihren Wohnungen. Und nur die wenigsten von den 82,7 Prozent, die auszogen, blieben danach im Kiez: Nur ein Viertel der heutigen Bewohner von 1993 blieb im Gebiet Kollwitzplatz oder den angrenzenden Sanierungsgebieten.

15 Jahre haben Spuren hinterlassen

Fünfzehn Jahre Sanierungsgebiet haben ihre Spuren hinterlassen, wie die gestern von Stadtentwicklungssenatorin Ingeborg Junge-Reyer (SPD) eröffnete Ausstellung "15 Jahre Stadterneuerung Kollwitzplatz 1993 bis 2008" zeigt. Die Veränderungen lassen sich an den Häusern ablesen, deren Stuckfassaden heute überwiegend in zarten Pastelltönen leuchten. Der typische Ruinen-Look der schwarz-grau verwitterten Fassaden, von denen in großen Placken der Putz bröckelte, hat heute Seltenheitswert. Von den bei Sanierungsbeginn erneuerungsbedürftigen 6500 Wohnungen wurden 4500 - rund 70 Prozent - modernisiert und instand gesetzt, ein Viertel davon mit öffentlichen Fördermitteln und preisgebundenen Mieten. Im Wohnungsneubau entstanden zudem 980 Wohnungen, davon 390 durch den Ausbau von Dachgeschossen. Außerdem wurden zwei Seniorenwohnhäuser, und drei Kitas gebaut sowie die Plätze Kollwitzplatz, Wasserturmplatz und Senefelderplatz neu gestaltet und mit Spielplätzen versehen. In das Quartier investierten Bund, Land und Europäische Union insgesamt 132 Millionen Euro. "Unser Ziel war es, den Kiez zu erhalten, nicht zu gestalten", betont Junge-Reyer.

Dieses Ziel sei erreicht worden, das Gebiet wurde daher Anfang dieses Jahres aus seinem Status als Sanierungsgebiet entlassen. Weitere 5,8 Millionen Euro sind für noch nicht abgeschlossene Sanierungsprojekte in diesem Jahr vorgesehen.

Die hohe Auszugsrate der Mieter, so die Senatorin, müsse man mit dem allgemeinen Hang der Berliner zu häufigem Ortswechsel in Beziehung setzen: Gut neun Prozent der 1,75 Millionen Haushalte in der Hauptstadt ziehen jedes Jahr um. "Dass die Umzugsrate steigt, wenn das Wohnhaus für längere Zeit zur Baustelle wird, ist klar", so die Senatorin. Doch von "sozialer Verdrängung" könne keine Rede sein. Schließlich gebe es durch die landeseigene Wohnungsgesellschaft Gewobag rund 1250 Wohnungen mit einer Kaltmiete von 4,70 Euro in Prenzlauer Berg.

Für Michail Nelken, Stadtrat der Linken für Kultur und Stadtentwicklung im Bezirk Pankow, ist die Entwicklung im Kiez indes ein "widerspruchsvoller Prozess". Die Erfolge des Sanierungsgebietes seien unübersehbar. "Doch ein Großteil der Bewohner konnte oder wollte der Dynamik von Erneuerung, Aufwertung, Privatisierung und Mietanstieg nicht standhalten", so Nelken. "Wir sind gut beraten, uns mit den Folgen der sozialen Verdrängung auseinanderzusetzen."

"Attraktivierung" nicht überlebt

So würden bei Neuvermietungen in den begehrten Altbauten nicht selten neun Euro pro Quadratmeter kalt verlangt. Auch viele Kultur- und Sozialprojekte der Wendezeit hätten die "Attraktivierung" des Viertels nicht überlebt.

Nicht nur die Häuser haben sich in den vergangenen 15 Jahren "erneuert", sondern auch die Menschen, die in ihnen leben, wie die eigens erstelle "Sozialstudie Kollwitzplatz 2008" belegt. So wohnen im Quartier heute junge, gut ausgebildete Berufstätige, wenige Senioren und viele Familien. Am auffälligsten an der Bevölkerungsstruktur ist der hohe Anteil der 18- bis unter 45-Jährigen, die heute gut 64,7 Prozent der Gesamtbevölkerung stellen (1992: 54 Prozent). Dagegen hat der bereits damals niedrige Anteil der Bewohner über 65 Jahre weiter abgenommen und liegt bei weniger als einem Drittel der Bezirksquote (siehe Grafik). In den 15 Jahren der Stadterneuerung ist zudem die Bevölkerungszahl von 10 333 zu Beginn der Sanierung auf 11 417 Bewohner (2008) gestiegen. Die Einkommenssituation hat sich insbesondere in den vergangenen fünf Jahren entscheidend geändert. 1992 betrug das durchschnittliche Netto-Haushaltseinkommen 60 Prozent des West-Berliner Durchschnitts. Heute verfügen die Haushalte am Kollwitzplatz mit 2000 Euro im Vergleich zu Berlin (1475 Euro) über ein überdurchschnittliches Haushaltseinkommen. Der Anteil gut verdienender Zuzügler hat weiter stark zugenommen, so die Studie. "Natürlich ziehen Menschen aus, wenn saniert wird", sagt Nelken. Die Frage bleibe aber, wer danach einziehe. Die Demonstranten von einst jedenfalls waren es nur in Ausnahmefällen.