BVG

Bestnoten für die neue Straßenbahn

Mit elegantem Schwung und ohne das typische Quietschen biegt die schwarz-gelbe Straßenbahn auf den Alexanderplatz ein. Der wuchtig-bauchige Bug des Zuges der Metro-Linie M 4 signalisiert: Achtung, hier kommt nicht irgendeine, sondern eine ganz besondere Straßenbahn, eben die "Flexity Berlin".

Auch fünf Monate nach seiner Premiere sorgt der Prototyp von Berlins neuester Straßenbahngeneration bei Berlinern wie Touristen gleichermaßen für Aufsehen: Er beeindruckt nicht nur mit seiner imposanten Erscheinung, sondern vor allem mit seinen inneren Werten.

Die 2,40 Meter breite und bis zu 40 Meter lange "Flexity Berlin" bietet deutlich mehr Platz und Komfort als ihre Vorgänger. So lässt etwa das großzügige Mehrzweckabteil ein Nebeneinander mehrerer Kinderwagen oder Rollstühle zu, erstmalig können sogar Fahrräder ohne größere Probleme mit in die Bahn genommen werden. Auch beim Abstand der Sitzplätze wurde auf die übliche Enge verzichtet. Nur zwei Punkten von vielen, die von Fahrgästen positiv vermerkt werden.

Bereits vor drei Jahren hatte Bombardier Transportation eine europaweite Ausschreibung der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) für eine neue Generation von Niederflur-Straßenbahnen für sich entschieden. Im September 2006 schloss die BVG daraufhin mit dem kanadischen Schienenfahrzeughersteller einen Optionsvertrag über die Lieferung von bis zu 210 neuen Fahrzeugen. Voraussetzung für die verbindliche Bestellung der Fahrzeuge ist aber, dass diese sich im harten Berliner Verkehrsalltag auch bewähren.

Am 19. September vergangenen Jahres rollte schließlich der erste Prototyp des Flexity offiziell über die Berliner Gleise. Seit Ende vorigen Jahres befinden sich insgesamt vier Vorserienfahrzeuge im regulären Linieneinsatz. Im Test sind dabei vier unterschiedliche Fahrzeug-Varianten mit Platz für 180 bis 240 Fahrgäste. Die erste Praxis-Prüfung hat die "Flexity Berlin" mit Bravour überstanden. Bei einer ersten Umfrage gaben die Fahrgäste ihr die Note 1,6. "Das ist die beste Bewertung, die eine Bahn in Berlin je bekam", sagte BVG-Straßenbahn-Direktor Klaus-Dietrich Matschke. Zum Vergleich: Die in den 90er-Jahren angeschafften Straßenbahnen vom Typ GT6N wurden laut Matschke mit der Note 2,3 bewertet.

Doch auch BVG-intern hat "Flexity Berlin" offenbar überzeugt. Es habe bisher keine gravierenden technischen Probleme gegeben, heißt es. Was nicht bedeutet, dass alles so bleibt, wie es jetzt ist. Änderungen soll es laut Matschke etwa in der Anordnung der Sitze und Haltestangen sowie in der Gestaltung des Fahrer-Arbeitsplatzes geben. Die Modifikationen sollen jetzt in den vier Vorserien-Fahrzeugen versuchsweise erfolgen.

BVG und Bombardier reagieren damit auch auf Hinweise des Fahrgastverbandes Igeb. Der hatte die Flexity ebenfalls sehr positiv bewertet. Der neue Typ biete "gegenüber dem Vorgängermodell eine Vielzahl von deutlichen Verbesserungen", heißt es in einem Schreiben an die BVG. Kritisiert werden jedoch die "völlig unzureichenden Festhaltemöglichkeiten im Wageninneren" und fehlende Befestigungsmöglichkeiten für Fahrräder. Bei den Bildschirmanzeigen sollte "die Lesbarkeit Vorrang vor der Durchsetzung gestalterischer Experimente haben", heißt es weiter. Als Manko sieht der Fahrgastverband an, dass die Flexity wegen ihrer Breite von 2,40 Metern nicht im gesamten BVG-Streckennetz eingesetzt werden kann. Grund dafür ist der Gleismittelabstand, der noch nicht überall auf Fahrzeuge dieser Breite ausgelegt ist. Betroffen davon ist das Liniennetz in Köpenick, wo aktuell nicht einmal die älteren, 2,30 Meter Niederflur-Bahnen fahren können. BVG-Straßenbahnchef Matschke weist den Vorwurf eines "Zwei-Klassen-Straßenbahnnetzes" dennoch vehement zurück. "Im Moment haben wir zwei Komfort-Klassen: Tatra-Bahnen mit hohem Treppeneinstieg und Niederflurwagen vom Typ GT6N". Mit den Flexity würden die Tatra-Züge ab 2011 schrittweise abgelöst. Spätestens 2017 sollen überall in Berlin nur noch komfortable Niederflur-Bahnen unterwegs sein.