Schulserie, Teil 1: Ganztagsschule

Immer jemand da, den man fragen kann

In diesem Jahr ist die Suche nach einer geeigneten Oberschule besonders spannend, weil es von 2010/11 an eine neue Schulform geben wird - die Sekundarschule. Daneben werden dann nur die Gymnasien noch zur Auswahl stehen. Um Eltern wie Schülern bei der Wahl behilflich zu sein, wird die Berliner Morgenpost in den kommenden Tagen weiterführende Schulen mit beispielhaften Profilen vorstellen. Heute: Die Albert-Schweitzer-Oberschule in Neukölln ist bereits ein Ganztagsgymnasium.

Rabia, Nedime und Canan haben ein klares Ziel vor Augen. Sie wollen das Abitur machen und später unbedingt studieren. Rabia will Anwältin werden, Nedime möchte als Radioreporterin arbeiten, Canan als Pharmazeutin. Mit diesen Plänen sind die Mädchen in ihren Familien etwas Besonderes. Ihre Eltern haben nicht studiert, und auch die älteren Geschwister waren nicht am Gymnasium.

Rabia, Nedime und Canan besuchen die siebte Klasse des Albert-Schweitzer-Gymnasiums in Nord-Neukölln. Dort gibt es viele Schüler, die eine ähnliche Geschichte erzählen könnten. Die Schule liegt mitten im sozialen Brennpunkt. Eine Untersuchung des Stadtsoziologen Hartmut Häusermann hat kürzlich erneut gezeigt, dass Nord-Neukölln zu den fünf großen Gebieten Berlins gehört, in denen sich die Probleme ballen. Arbeitslosigkeit und Kinderarmut stehen hier auf der Tagesordnung.

Am Albert-Schweitzer-Gymnasium sind die meisten Schüler nicht deutscher Herkunft, viele kommen aus sozial schwachen Familien. Trotzdem haben alle eine Chance. "Wir fragen nicht, ob die Schüler für unsere Schule geeignet sind, sondern danach, was die Schule tun kann, damit sie für die Schüler passt", beschreibt Schulleiter Georg Krapp das Konzept seiner Schule. Diese Herangehensweise ist erfolgreich. Fast alle Schüler des Albert-Schweitzer-Gymnasiums machen den mittleren Schulabschluss. Von 120 Oberschülern schafften 2009 90 das Abitur.

Das war nicht immer so. 2005 stand die Schule kurz vor der Schließung, weil es zu wenige Neuanmeldungen gab. Damals legten von 120 Schülern nur 14 das Abitur ab. Von den aufgenommenen Siebtklässlern musste fast ein Viertel das Gymnasium nach dem Probehalbjahr wieder verlassen. "Wir mussten etwas ändern, sonst hätten wir aufgeben müssen", sagt Schulleiter Krapp.

Schnell stand fest, dass die individuelle Förderung jedes Schülern in den Mittelpunkt des Schulalltags gestellt werden sollte. "Wir haben die Lernausgangslage der Siebtklässler diagnostiziert und herausgefunden, dass unsere Schüler nicht weniger begabt sind als die aus Charlottenburg oder Steglitz. Defizite haben viele allerdings beim Beherrschen der deutschen Sprache", sagt Georg Krapp. Hinzu komme, dass die meisten Eltern sich zwar durchaus für den Bildungserfolg ihrer Kinder interessierten, ihnen aber keine Hilfestellung geben könnten. "Viele Eltern haben selbst nur eine Grundschule besucht und deshalb erhebliche Wissenslücken. Oft fehlen ihnen sprachliche Voraussetzungen, um den Kindern gezielt bei den Schulaufgaben helfen zu können", so Krapp. Die Schüler seien deshalb an vielen Hausaufgaben gescheitert. "Wenn jemand eine Textaufgabe in Mathematik nicht versteht oder sich in Geschichte bestimmte Begriffe nicht erklären kann, dann ist er ohne Hilfe nicht in der Lage, entsprechende Hausaufgaben zu erledigen."

Hausaufgaben in der Schule

Am Albert-Schweitzer-Gymnasium hat man dieses Dilemma erkannt und es sich zum Ziel gesetzt, den Schülern zu helfen und sie entsprechend zu fördern. Bereits 2006 wurde in der Schule der Ganztagsbetrieb eingeführt. "Unser Credo ist es, alles, was mit Schule zu tun hat, in die Schule zu verlagern", sagt Schulleiter Krapp. Man gehe davon aus, dass die Eltern nicht helfen könnten und versuche deshalb, sämtliche Defizite der Schüler in der Schule auszugleichen. "Dabei steht die Sprachförderung im Vordergrund", so Krapp. Es gebe speziellen Förderunterricht. Und auch in allen anderen Unterrichtsstunden stehe der Erwerb der Bildungssprache im Mittelpunkt.

Zwei Jahre lang werden die Schüler derart intensiv gefördert. Wobei es nach der siebten Klasse kein Sitzenbleiben gibt. Erst nach dem Abschluss der achten Klasse wird festgestellt, ob die Leistungen den Anforderungen eines Gymnasiums entsprechen. "Im vergangenen Schuljahr haben uns nur zehn von insgesamt 120 Schülern nach der achten Klasse verlassen müssen." Das Konzept des Albert-Schweitzer-Gymnasiums ist mit diesem Schuljahr zum Modellversuch erklärt worden. Bis 2016 wird die Schule deshalb von der Bildungsverwaltung mit zusätzlichen Mitteln unterstützt. 70 weitere Lehrerstunden sowie drei Stellen für Sozialarbeiter oder Sozialpädagogen gehören dazu. "Weil wir Modellversuchsschule sind, können wir uns alle Schüler selbst aussuchen", sagt Schulleiter Krapp. Beschlossen worden sei, 60 Prozent Schüler mit Gymnasialempfehlung aufzunehmen. Bei den anderen soll ein Eingangsgespräch zeigen, ob sie über die nötigen Fähigkeiten verfügen, ein Gymnasium zu besuchen. Wenn alle Schüler ausgewählt sind, wird zunächst der Förderbedarf jedes einzelnen festgestellt. Es gibt Gruppen für starken und mittleren Förderbedarf, daneben auch eine Bestenförderung.

In der 7a, die Rabia, Nedime und Canan besuchen, haben alle 28 Schüler Förderunterricht. Rabia und Nedime sind in der Englisch-Gruppe. Canan wird in den Naturwissenschaften unterstützt. "Wenn wir gegen 16.15 Uhr nach Hause kommen, haben wir alles erledigt. Das ist ein gutes Gefühl", sagt Rabia. Die anderen stimmen ihr zu. "Es ist gut, dass jemand da ist, den man fragen kann, wenn man etwas nicht weiß", sagt Canan. Förderunterricht und Hausaufgabenhilfe finden im sogenannten Mittagsband der Albert-Schweitzer-Schule statt. "Nach der dritten Stunde ist Zeit zum Mittagessen, dann stehen zweimal wöchentlich zwei Stunden für die Förderung zur Verfügung. Danach findet wieder regulärer Unterricht statt", sagt Schulleiter Krapp. An den anderen Tagen können die Schüler mittags zwischen verschiedenen Freizeitangeboten im musischen, sportlichen und künstlerischen Bereich wählen.

Der Förderunterricht für Rabia, Nedime, Canan und die anderen Schüler der siebten und achten Klassen des Albert-Schweitzer-Gymnasiums wird von Ibrahim Dib organisiert. Der 31-jährige Diplomkaufmann arbeitet seit drei Jahren auf Honorarbasis für die Schule. Er ist vom Konzept des Albert-Schweitzer-Gymnasiums absolut überzeugt. "Ohne diese Unterstützung würden es viele Kinder hier nicht schaffen bis zum Abitur", sagt Dib. Das hänge weniger mit den Fähigkeiten der Schüler zusammen als mit ihren unzureichenden Sprachkenntnissen. "Glücklicherweise ist immer mehr Eltern bewusst, dass sie dafür sorgen müssen, dass ihre Kinder besser Deutsch lernen als sie selbst, um später einen guten Beruf ergreifen zu können", sagt Dib.

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