BVG-Aktionstag

"Alltäglicher Wahnsinn muss aufhören"

Nur wenige Stunden ist es her, dass ein Kollege bei einem versuchten Raub bedroht und verletzt wurde. Jetzt stehen die Busfahrer der BVG-Tochterfirma Berlin Transport (BT) beim Aktionstag gegen Gewalt und Vandalismus auf der Bühne am Bahnhof Gesundbrunnen und singen zum Sound der Rockband "Wir sind stolz, Busfahrer zu sein".

Geschrieben hat das Lied Stephan Lange, BT-Fahrer seit elf Jahren und Initiator des Aktionstages. Auch ihm sollte vor Jahren mit vorgehaltener Waffe die Kasse geraubt werden. Damals war der Räuber aber offensichtlich geistig verwirrt. "Den habe ich ganz ruhig überredet, dass es besser ist, wenn er einfach abhaut", sagt Lange.

Fast jeder seiner Kollegen hat solche Geschichten zu erzählen. Und - wie der Vorfall aus der Nacht zeigt - längst nicht immer gehen diese Geschichten gut aus. Deshalb sind Lange und seine Kollegen nach Gesundbrunnen gekommen, deshalb sind auch der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit, Stadtentwicklungssenatorin Ingeborg Junge-Reyer, BVG-Chef Andreas Sturmowski, Betriebsratschef Uwe Nitzgen und zahlreiche andere Vertreter von Politik und Verkehrsbetrieben da. Sie wollen ein Signal setzen gegen Gewalt und Vandalismus. "Berliner - es ist eure Stadt, hinsehen statt zuschauen" steht auf einem Transparent über der Bühne.

Es sei "traurig, dass es so einen Aktionstag überhaupt geben muss", sagt Wowereit und spricht angesichts immer neuer Gewalttaten von einem Skandal. "Es kann doch nicht sein, dass jemand, der für die Berliner seine Arbeit macht, Angst haben muss, beschimpft, beleidigt oder geschlagen zu werden."

Mehr als 260 Übergriffe auf BVG-Mitarbeiter registrierten die Verkehrsbetriebe im vergangenen Jahr, 122 allein auf ihre Busfahrer. 25 bis 30 Millionen Euro gibt das landeseigene Unternehmen jährlich für die Sicherheit und die Beseitigung von Vandalismusschäden aus. "Geld, das wir nicht für die Fahrgäste ausgeben können", sagt Finanzvorstand Henrik Falk.

Zwar ist die Zahl der Straftaten bei der BVG insgesamt rückläufig, zwar sank die Zahl der Übergriffe auf Busfahrer gegenüber 2007 um 60 Taten, zwar sind die Gewalttäter eine "krasse Minderheit", ist die Sicherheit der BVG-Fahrgäste sogar überdurchschnittlich groß, wie Sturmowski betont.

Grund zur Entwarnung ist das aber nicht. Denn bei sinkenden Fallzahlen nimmt zugleich "die Intensität" zu, wie BVG-Sicherheitschef Frank Reichel sagt. Eine Entwicklung, die das Unternehmen mit aller Technik, 30 zusätzlichen Sicherheitsstreifen, Videokameras und Präventionsprogrammen allein nicht stoppen könne. "Die Gewaltbereitschaft nimmt zu, das ist kein BVG-Problem, sondern ein gesamtgesellschaftliches Problem."

Immer öfter fühlen sich die Busfahrer aber von eben jener Gesellschaft "im Stich gelassen", so Betriebsratsvorsitzender Uwe Nitzgen. Wie das im Erstfall aussieht, schildert BT-Fahrer Thomas Wallendszus. Als er vor Jahren in eine Auseinandersetzung über die Gültigkeit eines Fahrscheins geriet, als er bedroht, beschimpft, schließlich sogar geschlagen wurde, half ihm niemand, obwohl der Bus im morgendlichen Berufsverkehr voll besetzt war.

Deshalb appellieren Politiker, BVG-Vorstand und Mitarbeiter an diesem Tag auch an die Zivilcourage der Fahrgäste. "Wir wollen keine falschen Helden, die sich selbst in Gefahr bringen", sagt Klaus Wowereit. "Aber Hilfe zu holen kann man von jedem erwarten."

Politische Talkrunden, Rock- und Popmusik, Tanzeinlagen - bis zum Abend engagieren sich die Akteure auf der Bühne und an den Infoständen gegen Gewalt und Zerstörungswut - Stargast ist Frank Zander. Im Publikum größtenteils ältere Damen und Herren. Jugendliche bleiben kaum stehen, um Politprominenz und Künstlern zuzuhören. Und auch jene, die viel zu oft zu Opfern werden, die Busfahrer, sind gerade einmal in Fußball-Mannschaftsstärke vertreten.

Was das bringt? Natürlich kann so ein Aktionstag das Problem nicht lösen, das weiß auch Initiator Stephan Lange, der Busfahrer mit der Rockröhre. Aber aufrütteln, Gesicht zeigen, appellieren, auch Forderungen an Politik und Gesellschaft formulieren, das könne man schon an so einem Tag. Lange will demnächst zusammen mit der Polizei in die Berliner Schulen gehen und mit den Jugendlichen reden. "Der alltägliche Wahnsinn", so sagt er, "muss endlich aufhören."