Professor Jalid Sehouli

"Ich muss der Fels in der Brandung sein"

Jalid Sehouli kommt gerade aus dem OP der Charité-Frauenklinik auf dem Weddinger Campus nahe der Amrumer Straße. Der Professor hat wenig Zeit - so wie viele Ärzte, die sich mit Leib und Seele ihrem Beruf verschrieben haben.

Für das Gespräch schaltet der 41-Jährige aber gleich seine Handys aus. So oft wie sie klingeln, wäre eine Unterhaltung nicht möglich.

Jalid Sehouli, Leiter des Europäischen Kompetenzzentrums für Eierstockkrebs an der Charité-Klinik für Frauenheilkunde, ist ein gefragter Mann. Weltweit. Seine Patientinnen kommen sogar aus Amerika. Die Vorträge, die der Mediziner und Wissenschaftler jedes Jahr vor Kollegen hält, zählt er nicht. 100 sind es mindestens. Im März wird er nach San Francisco reisen. Dort treffen sich die führenden Experten im Bereich der Gynäkologie und Onkologie zu ihrem 41. Jahreskongress "Women's Cancer" (Krebs bei Frauen). Sehouli sitzt im Vorbereitungsteam.

Zuvor feiert der stellvertretende Direktor und leitende Oberarzt der Charité-Klinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe (Campus Virchow) aber noch eine Filmpremiere. Seine eigene. Am 28. Februar wird in der Astor Filmlounge am Kurfürstendamm "Die zweite Stimme" aufgeführt - mit 230 geladenen Gästen, darunter auch Patientinnen wie Carolin Masur, die Tochter des Dirigenten Kurt Masur. Die Mezzosopranistin hat dem ersten Aufklärungsfilm für Frauen mit der Diagnose Eierstockkrebs den Namen gegeben. Nach ihrer Operation und Chemotherapie im Jahre 2005 musste sie ihre Stimme neu trainieren. Aus der ersten Angst, ihren Beruf nicht mehr ausüben zu können, entstand eine positive Erfahrung mit der "zweiten Stimme", über die die Sängerin im Film auf sehr persönliche Art erzählt.

"Leidenschaft für die Menschen"

"Professor Sehouli ist mein Lebensretter gewesen. Ich war fix und fertig, als ich zu ihm kam. Erst hat er sich meine Unterlagen angeguckt, dann mich und gesagt: Wir müssen sofort operieren", erinnert sich die Sängerin. Sie war glücklich, fühlte sich in den richtigen Händen. Falls eine Frau für solch einen Fall von ihr eine Empfehlung wollte, würde sie Sehouli ohne Wenn und Aber empfehlen: "Er ist nicht nur ein absoluter Experte auf seinem Fachgebiet, sondern hat zudem eine Leidenschaft für die Menschen. Dieses Einfühlungsvermögen hat mir sehr geholfen, mit der schweren Krankheit fertigzuwerden." Der Filmtitel "Die zweite Stimme" bedeute auch, dass sich Frauen im Zweifel die zweite Meinung eines Spezialisten einholen sollten. Der Sängerin geht es inzwischen wieder gut - wie das Ende des Films zeigt.

Das Angebot der Kommunikations-Agentur Aviso, einen Fortbildungsfilm für Ärzte über sein Spezialthema Eierstockkrebs zu drehen, hatte Jalid Sehouli begeistert angenommen. Als Arzt weiß er, dass in Deutschland jedes Jahr 8000 Frauen daran neu erkranken. Er weiß auch, dass es an Aufklärung mangelt: "Nur jede zweite Behandlung ist gut. Das belegen Untersuchungen. Dabei ist eine gute Behandlung so wichtig für den Heilungserfolg." Das Film-Konzept musste das Team auf Drängen von Sehouli erweitern: Nicht nur Ärzte sollen sich fortbilden können, vor allem auch Frauen und ihre Angehörigen sollen sich informieren können.

Der Film ist Sehouli wichtig. Die Premiere ist zwar nur für geladene Gäste, aber betroffene Frauen können den Film im Internet ansehen. Kostenlos. Und das nicht nur auf Deutsch. Er hat Wert darauf gelegt, dass der Film in Arabisch, Türkisch und Englisch synchronisiert wurde. Er weiß, warum. Seine Mutter spricht bis heute nur Marokkanisch-Arabisch, obwohl sie schon lange in Berlin lebt. Dass er sich mit dem marokkanischen Botschafter, der zur Filmpremiere eingeladen ist, nur radebrechend in dessen Heimatsprache unterhalten können wird, lässt den Arzt schmunzeln: "Ich bin hier geboren, in der heutigen Charité, ich bin Berliner. Ich kann Marokkanisch-Arabisch nur durch meine Mutter." Seine Eltern waren 1964 mit ihren ersten beiden Kindern aus Marokko nach Berlin gekommen. Sein elf Jahre älterer Bruder Hamid war damals sieben Jahre alt, seine Schwester Latiffa etwas jünger. Als erfolgreicher Geschäftsmann verdient Hamid heute sein Geld im eigenen Geschäft "Toscanini" an der Steglitzer Schloßstraße. Er ist stadtbekannt, denn er ist auf Schuhe für Über- und Untergrößen spezialisiert. Die Familienbande sind eng. Noch heute treffen sich die Kinder jeden Sonntag bei der Mutter in der Wohnung an der Exerzierstraße, wo sie aufwuchsen. In der großen Wohnung haben auch die Ehefrauen und Enkel Platz. Während Hamid und der jüngste Bruder Murat kochen, muss Jalid während des Familientreffens meistens viel telefonieren - beruflich. Die Treffen genießt aber auch er. "Alle paar Wochen gehen wir vor dem Essen noch zu demselben türkischen Friseur in unserer Straße, den wir schon als Kinder immer besucht haben. Der hat nämlich sonntags geöffnet", sagte er lachend. Seine Devise: "Man darf nie vergessen, wo man herkommt."

Dass er Arzt werden wollte, war ihm als Siebenjähriger nach einem Unfall beim Fußballspielen klar. Den komplizierten Becken- und Schienbeinbruch heilten die Ärzte im Virchow-Kinderkrankenhaus. Das hat ihn beeindruckt: "Die haben mich gesund gemacht. Und das war nicht einfach."

Bildung war wichtig

Seine Mutter habe ihn damals sogar sechs Wochen lang jeden Tag auf dem Rücken zur Schule getragen. Er sollte den Schulstoff nicht verpassen. Die Bildung der Kinder sei den Eltern sehr wichtig gewesen. "Wenn ich in der Schule gut war, durfte ich alles. Wenn nicht, durfte ich noch nicht einmal zum Fußball", erinnert er sich. Als Stationshilfe in einem DRK-Krankenhaus ganz in der Nähe der Wohnung verdiente die Mutter das Geld für die Familie. Sie putzte, teilte das Essen aus, wusch die Patienten. "Den Beruf gibt es heute nicht mehr. Aber sie war die gute Seele der Station", erinnert sich Sehouli. Er habe es ihr als Kind nicht leicht gemacht: "Während der Schulzeit hatte ich nur Faxen im Kopf." Doch der ältere Bruder, der den früh nach Marokko zurückgekehrten Vater in der Erziehung ersetzte, machte den Geschwistern klar, dass eine gute Ausbildung mit einem Studium für die Zukunft wichtig ist. Der jüngste Bruder wurde Rechtsanwalt.

Berufliche Angebote aus anderen Städten hat Jalid Sehouli bislang abgelehnt. Er liebt Berlin - und seine Arbeit in der Charité: "Wir haben viele gute neue Ärzte und Wissenschaftler aus der ganzen Welt - aus China, Rumänien, Portugal, der Türkei, Syrien. Mich interessiert die Forschung." Dennoch bleibt der Mensch im Mittelpunkt. Wahrhaftigkeit stehe dabei an oberster Stelle. Patientinnen die Nachricht einer Krebserkrankung mitteilen zu müssen, gehört zu seinen Aufgaben. "Natürlich muss ich abschätzen, was die Patientin verkraftet, aber ich muss auch warnen", sagt er. Vielleicht sei durch die Operation alles ausgestanden. Das sei möglich. Aber er fordere die Patientinnen auch auf, sich mit dem Tod zu beschäftigen. Der Film zeige, dass jemand trotz des Krebses ein erfülltes Leben haben könne.

Bei allem Einfühlungsvermögen in die schwere Lage erkrankter Frauen steht für den Arzt aber fest: "Ich muss der Fels in der Brandung sein." Auch für diese Haltung war wohl seine Mutter das Vorbild.