Kinderschutz

"Das war eine Fehleinschätzung"

Im Fall des am Freitag geretteten verwahrlosten Kleinkinds aus Charlottenburg-Nord und einer möglichen Behördenpanne haben sich jetzt erstmals die für den Kinder- und Jungendgesundheitsdienst (KJGD) und das Jugendamt zuständigen Stadträte des Bezirksamts geäußert.

Gegenüber dieser Zeitung schilderten Gesundheitsstadträtin Martina Schmiedhofer (Grüne) und Jugendstadtrat Reinhard Naumann (SPD) detailliert den Vorgang.

Am Freitag hatten Polizisten und Feuerwehrmänner um 13 Uhr ein 16 Monate altes Kleinkind aus einer verdreckten Wohnung geholt, nachdem sich Nachbarn über einen seit drei Tagen lärmenden Fernseher beschwert hatten. Das Kind wurde kurzzeitig in einem Krankenhaus versorgt. Es hatte ein Windelexem, war aber nicht dehydriert. Um 13.30 Uhr trafen die Polizeiexperten vom LKA 125 ein, die sich um verwahrloste Kinder kümmern. Von der völlig verdreckten Wohnung machten Kriminaltechniker Fotos. Gegen die Mutter läuft nun ein Ermittlungsverfahren.

21-Jährige in Not

Wie konnte es dazu kommen? Gesundheitsstadträtin Martina Schmiedhofer (Grüne) schilderte den Freitag aus der Sicht des KJGD. Die 21 Jahre alte Mutter hatte schon lange den Wunsch, einen Beruf zu erlernen. Im Januar begann sie eine Ausbildung als Bäckereihilfsverkäuferin in Hellersdorf. Das brachte Probleme mit sich. Denn die junge Mutter musste um sechs Uhr in der Bäckerei sein; um fünf Uhr musste sie das Haus verlassen. Wegen dieser Arbeitszeiten hatte sie keinen Krippenplatz für ihr Kind, sondern sich eine private Betreuung organisiert. Doch als die Betreuung nicht mehr funktionierte, erschien die Mutter anfangs mehrere Tage nicht bei der Arbeit, weil sie sich um ihr Kind kümmern musste. "Dann passierte das, wofür sich die junge Frau wahrscheinlich ihr ganzes Leben lang schämen wird", sagte Schmiedhofer gestern. Weil sie Angst hatte, ihren Ausbildungsplatz zu verlieren, fuhr sie morgens zur Arbeit und ließ ihre 16 Monate alte Tochter allein in der Wohnung zurück.

Um 16 Uhr kam die Mutter von der Arbeit zurück nach Charlottenburg-Nord und sah Polizei und Feuerwehr vor ihrem Haus. In ihrer Panik flüchtete sie zu ihren Eltern, die in der Nähe wohnen. Am nächsten Montag kam sie zunächst allein, am Dienstag kam sie mit ihrem Vater zum Jugendamt. Dort war sie keine Unbekannte.

Schon vor ihrer Schwangerschaft wurde die junge Frau wegen hoher Mietschulden vom Bezirksamt betreut. Als sie schwanger wurde, kümmerten sich Sozialarbeiterinnen intensiv um sie. "Es gab mehrere Hausbesuche, auch unangemeldete", sagte Jugendstadtrat Naumann. "Zeitnah nach der Geburt" habe es eine enge Betreuung durch Sozialarbeiterinnen gegeben. "Es gab keine medizinischen Auffälligkeiten", sagte Naumann. Die Mitarbeiterinnen hatten den Eindruck, dass die Beziehung zwischen Mutter und Kind gut gewesen sei. Doch die 21-Jährige kam nicht allein zurecht.

Anfang 2008 gab es Unterstützung durch die Familienhilfe. "Dann hat die Mutter signalisiert, dass sie die Hilfe nicht mehr brauche", so Naumann. Trotzdem blieb in der Behörde offenbar eine gewisse Skepsis. "Es gab im Sommer letzten Jahres die Einschätzung, dass es noch zu früh war, die Mutter ganz aus der Anbindung herauszulassen", so Schmiedhofer. Deswegen habe es die Vorstellungspflicht gegeben. Die Behörde verlangte, dass die Mutter ihr Kind einmal im Monat vorstellt. "Es gab eine solche Auflage durch das Jugendamt", sagte Naumann.

Die letzte kinderärztliche Untersuchung beim KJGD fand am 30. Juli statt. Im Herbst kamen laut Naumann die Mitarbeiter zu der Einschätzung, dass das Kind ordentlich versorgt ist. "Das kam dadurch, dass die Mutter mit viel Energie ihre Pläne für die Ausbildung angegangen ist. Zudem gab es eine Vereinbarung mit den Großeltern des Kleinkindes, dass sie bereit sind, Verantwortung zu übernehmen", sagte Schmiedhofer. Die beiden Stadträte sprachen gestern in Bezug auf das Eltern-Mutter-Kind-Verhältnis von einem "stabilen familiären Zusammenhang". "Es gab eine gute Prognose", so Naumann. "Dafür gab es harte Fakten."

"Im Nachhinein betrachtet war das eine Fehleinschätzung", räumte gestern Stadträtin Schmiedhofer ein. Es habe auch ein abschließendes Gespräch gefehlt.

Aber wieso wurde nicht nachgefragt? Dass eine Ausbildung und das gleichzeitige alleinige Erziehen eines Kleinkindes auch zu erheblichem Stress führen kann, hätte doch die Behörden aufmerksam machen müssen. Die Grünen-Politikerin: "Man muss unterscheiden, ob eine Frau mit ihrem Leben nicht klarkommt, oder ob sie falsch mit ihrem Kind umgeht." Im Fall der 21-Jährigen kamen die Behörden zu dem Ergebnis, dass das Kind nicht in Gefahr war. "Das Kind hat sich altersmäßig entwickelt", sagte Naumann. "Ein kräftiges Kind", ergänzte Schmiedhofer. "Wir hatten den Eindruck, dass alles auf einem guten Weg ist."

Dass die Mutter angedeutet habe, nach Hellersdorf umzuziehen, habe keinen Einfluss auf die Entscheidungen der Behörde gehabt, betonten gestern die Stadträte. Zuvor war der Verdacht aufgekommen, dass die Akte wegen des möglichen Umzugs in einen anderen Bezirk in Charlottenburg geschlossen worden war. Es war aber nach Angaben beider Stadträte die positive Einschätzung der Lebenssituation, die zu der Entscheidung führte, dass die Behörde sich nicht mehr um die Mutter und ihre Tochter kümmerte.

"Wir sind aufgrund unserer personellen Ressourcen regelmäßig am Anschlag. Die Erwartung, dass wir auch nach einer positiven Entwicklung von zehn Monaten noch Hausbesuche machen können, können wir schlichtweg nicht erfüllen. Gerade, wenn es keine Auffälligkeiten gibt", sagte Naumann. Für die Jugendbehörden sei die "Krisensituation" am Freitag unvorbereitet gekommen.

Als die Polizisten und Feuerwehrmänner am Freitag die Wohnung betraten, zerriss dieses Behörden-Bild von einer fürsorglichen Mutter. Zitat aus dem Polizeibericht: "Das Kind war nackt, total verschmutzt und in einem katastrophalen Pflegezustand. Die Wohnung war verdreckt, der Fußboden mit Müll, Schmutz (...) und Essensresten bedeckt, zudem fand sich dort eine große Anzahl benutzter Windeln. Abgestellte Müllsäcke waren bereits mit Fliegen und Maden befallen. Kindgerechte Lebensmittel waren nicht vorhanden."

Politiker unter Druck

Die Stadträte waren in den vergangenen Tagen nach Bekanntwerden des Falles und der möglichen Versäumnisse der Behörden unter Druck geraten. So hatte der jugendpolitische Sprecher der FDP im Abgeordnetenhaus, Mirco Dragowski, eine Aufklärung und eine wissenschaftliche Aufarbeitung der Vorfälle gefordert. Neuköllns Bezirksbürgermeister Heinz Buschkowsky hatte am Mittwoch im "Berliner Rundfunk" gesagt: "Die Ausrede ist mir zu dünn. Ohne eine Prüfung riecht dieser Fall nach Schlamperei."

Dem hielt der Jugendstadtrat, der sich zusammen mit seiner Kollegin Schmiedhofer entschlossen hatte, nun an die Öffentlichkeit zu gehen, gestern entgegen: "Es gab keine Behördenpanne in Bezug auf die Krisensituation am Freitag."

In den nächsten Tagen sollen die junge Mutter und ihre Tochter in einer Mutter-Kind-Einrichtung untergebracht werden. Darauf einigten sich das Jugendamt und die 21-Jährige nach Gesprächen am Montag und Dienstag. Dadurch soll sichergestellt werden, dass die Mutter ihre Ausbildung absolvieren kann und das Kind währenddessen betreut wird.