Verwahrlosung

"So eine Wohnung haben wir noch nicht gesehen"

Im Fall des verwahrlosten Charlottenburger Kleinkindes hat sich gestern das zuständige Bezirksamt nicht geäußert. Es besteht der Verdacht, dass es bei der Betreuung der 21-jährigen Mutter zu einer Behördenpanne gekommen ist.

Ein Feuerwehrmann, der bei der Öffnung der Wohnung am Freitag in Charlottenburg-Nord dabei war, sagte: "So eine Wohnung haben wir noch nicht gesehen."

Feuerwehrmänner und Polizisten hatten das 16 Monate alte Mädchen nach einem Anruf von Nachbarn, die sich über einen seit drei Tagen laufenden Fernseher beschwert hatten, aus der völlig verdreckten Wohnung gerettet. Gegen die Mutter läuft ein Ermittlungsverfahren. Das Mädchen ist in Obhut des Jugendamtes. Ihm gehe es gut, hieß es gestern aus dem Bezirksamt. In der Behörde versucht man weiterhin zu klären, warum die Mutter, die sich eigentlich jeden Monat beim Kinder- und Jugendgesundheitsdienst melden sollte, aus der Betreuung gefallen war - mit der einfachen Begründung, sie wolle umziehen. Zuletzt hatten die Mitarbeiter des Sozialamts am 30. Juli Kontakt zu der Frau. In der nächsten Woche will das Bezirksamt die Umstände des Falls veröffentlichen. Zuständig für den Kinder- und Jugendgesundheitsdienst ist Gesundheitsstadträtin Martina Schmiedhofer (Grüne). Das Jugendamt leitet Jugendstadtrat Reinhard Naumann (SPD).

Gesundheitssenatorin Katrin Lompscher (Linke) wollte sich zum aktuellen Fall nicht äußern. Ihre Sprecherin verwies aber darauf, dass mit dem geplanten Kinderschutzgesetz die "Umzugslücke" bei der Betreuung von Kindern geschlossen werden soll. Mit Inkrafttreten des Gesetzes soll das Landeseinwohneramt die Meldedaten auch bei Umzügen weiterleiten. Bisher ist das freiwillig. Im Charlottenburger Fall war es aber gar nicht zum Umzug gekommen. Die Sozialarbeiterin war offenbar nur davon ausgegangen, dass die Mutter weggezogen war. Wieso es keine weiteren Nachforschungen gab, war auch gestern nicht zu klären.

Beate Köhn vom Berliner Notdienst Kinderschutz sagte, dass sie sich nicht zum aktuellen Fall äußern wolle und geäußert habe, weil sie über den Verlauf des Falles keine Kenntnis habe. Grundsätzlich gelte: Wenn eine konkrete Gefährdung vorliege, müsse das Amt dranbleiben. Die Kinderschutzexpertin sagte auch, wenn es in einer Jugendbehörde aber zu einer Überlastung komme und deswegen Mitarbeiter nicht ordnungsgemäß den Fällen nachgehen könnten, müssten Überlastungsmeldungen angezeigt werden, um auf die Probleme aufmerksam zu machen.