Kriminalität

Canisius-Skandal: Jesuitenpater bittet um Vergebung

Der in Chile ansässige Vertreter des Kolpingwerks, Luis Enrique Díaz Soffia, reagierte fassungslos auf die Vorwürfe des sexuellen Missbrauchs von Minderjährigen. Dies sei "undenkbar und für mich nicht vorstellbar".

Soffia, Leiter des Kooperations- und Beratungsbüros für das Kolpingwerk in Lateinamerika, sagte der Berliner Morgenpost, Wolfgang St. beabsichtige, Chile nach mehr als 20 Jahren zu verlassen und wolle im Februar nach Deutschland zurückkehren. Allerdings kenne er nicht die Beweggründe dafür. Soffia erklärte weiter, er habe mehrfach in dienstlichen Angelegenheiten mit St. Kontakt gehabt und beschreibt den 65-Jährigen als netten Mann, der bei jedermann beliebt gewesen sei. Wolfgang St. habe mehrere Jahre als Manager ein bescheidenes Studentenhotel in Santiago de Chile geleitet. Das Kolpingwerk führe die Einrichtung im Rahmen eines Projekts der Erwachsenenbildung.

Pater Wolfgang St. habe bis Ende des vergangenen Jahres bei der Sozial- und Entwicklungshilfe des katholischen Sozialverbandes Kolpingwerk in Chile gearbeitet, sagte gestern der Geschäftsführer der Sozial- und Entwicklungshilfe des Kolpingwerkes, Hans Drolshagen. "Er hat es verlassen, weil er mit 65 in Rente ging. Wir haben von den Missbrauchsbeschuldigungen erst am Donnerstag durch Anrufe der Presse erfahren." St., der "ungefähr zehn Jahre" beim Kolpingwerk gearbeitet habe, sei nie auffällig geworden. "Wenn das alles so stimmt, ist das fürchterlich und eine Katastrophe", sagte Drolshagen. "Das wird juristisch aufgearbeitet werden müssen." St. sei zuständig für die Erwachsenenbildung in Chile und auch in anderen Ländern gewesen und habe sich vor circa zehn Jahren beim Kolpingwerk auf eine entsprechende Stelle beworben. "Als er bei uns anfing, lebte er schon in Chile, war aus dem Orden ausgetreten, also kein Priester mehr, und mit einer Chilenin verheiratet", so Drolshagen. "Er hat ein zwölf- oder dreizehnjähriges Kind." Solange es keine Ergebnisse einer juristischen Aufarbeitung gebe, wolle Drolshagen sich einer Bewertung von St. und der Missbrauchsanschuldigungen enthalten.

Während St.s Frau gestern der Morgenpost erklärte, ihr Mann sei nicht zu sprechen, berichtet das Magazin der "Spiegel", der frühere Sportlehrer und Jesuitenpater habe die Missbrauchstaten eingeräumt und in einer an seine Opfer gerichteten Erklärung geschrieben, es sei "eine traurige Tatsache, dass ich jahrelang Kinder und Jugendliche unter pseudopädagogischen Vorwänden missbraucht und misshandelt habe". Daran sei "nichts zu entschuldigen". Aus dem Schreiben, über das der Leiter des Canisius-Kollegs, Pater Klaus Mertes, von der Mediatorin Ursula Raue informiert wurde, geht hervor, dass Wolfgang St. bereits 1991 seinen "damaligen deutschen Provinzialoberen eingehend über meine verbrecherische Vergangenheit informiert" habe. Somit muss der Jesuitenorden seit etwa 19 Jahren von dem vielfachen Missbrauch gewusst haben. Dies habe Stefan Dartmann, der heutige Provinzial der Jesuiten in Deutschland, dem Magazin bestätigt. Man habe jetzt eine Anwältin mit einer Prüfung der Akten beauftragt, "um festzustellen, was genau die Jesuiten damals wussten und welche Konsequenzen erfolgten". St. soll auch an anderen Jesuitenschulen in Deutschland Jungen missbraucht haben, was er heute nicht kommentieren will. Unter anderem war er an der Hamburger Sankt-Ansgar-Schule und von 1982 bis 1984 in St. Blasien im Südschwarzwald tätig.

Dem damaligen Schuldirektor Pater Hans-Joachim Martin war seinerzeit das "innige, väterliche Verhalten" des Pädagogen zu einigen Schülern aufgefallen. St. musste später das Gymnasium verlassen. Auch der Vatikan war laut St. über die Verfehlungen im Bilde.

Mehrere Opfer reagierten entsetzt auf den Tonfall des Schreibens von St. In dem Dokument vom 20. Januar, wandte er sich "an alle Personen, die ich als Kinder und Jugendliche missbraucht habe". Wörtlich heißt es: "Was ich dir und euch angetan habe, tut mir leid. Und falls du fähig bist, mir diese Schuld zu vergeben, bitte ich darum."

Bei dem zweiten Beschuldigten handelt es sich um den 69-jährigen ehemaligen Religionslehrer Peter R. aus Berlin, der im Gegensatz zu St. vor Vertretern des Canisius-Kollegs sämtliche Vorwürfe bestreitet. Einer der von Peter R. missbrauchten Schüler hat sich jetzt in einem Internet-Forum als Betroffener geoutet und freimütig von den Taten des ehemaligen Paters berichtet. Der frühere Canisius-Schüler erzählt von einem Bett, das sich im "Burg" genannten Gebäude des Kollegs befand. Davor hätten Schüler von R. kniend masturbieren sollen. Wer "seine Sache" gut gemacht habe, dem habe der Pater eine Schallplatte geschenkt.

Auf Lehrer R., der nach seiner Berliner Zeit im südlichen Niedersachsen als Seelsorger in der Jugendarbeit wirkte, soll vor einigen Jahren eine Messerattacke verübt worden sein. Bei dem mutmaßlichen Angreifer soll es sich um einen ehemaligen Schüler des Canisius-Kollegs gehandelt haben.