Missbrauch

Täter, die sich als Vertraute gaben

Die jungen Patres waren beliebt bei vielen Schülern. Sie setzten anders als die vielen älteren Jesuitenpater auf einen lockeren Umgangston, sie verzichteten auf die Respekt einflößende schwarze Soutane. Einer von ihnen, Peter R., unterrichtete Religion am Canisius-Kolleg und war als geistlicher Leiter der außerschulischen Jugendarbeit eine wichtige Vertrauensperson.

Wolfgang St. mit den Fächern Deutsch und Religion brachte besonders als Leiter der Neigungsgruppe Fußball eine neue Note an die Jesuitenschule, wo das Interesse von jeher eher dem Handballsport galt.

Jetzt stehen diese beiden Männer, die heute gerade das Rentenalter erreicht haben, als Hauptbeschuldigte des systematischen sexuellen Missbrauchs ehemaliger Schüler in den späten 70er- und frühen 80er-Jahren im Visier der Ermittler. Die Rückmeldungen der Opfer, die bisher bei Rektor Pater Klaus Mertes und bei der als Mediatorin eingesetzten Anwältin Ursula Raue eingegangen sind, lassen auf mehrere Dutzend Opfer schließen. Es habe ein Opferschema gegeben, sagte Mertes, ohne dieses genauer zu beschreiben. Und die Lehrer seien mit einer wiederkehrenden Systematik vorgegangen.

Einzelgespräche mit den Schülern

Religionslehrer R., ein groß gewachsener, massiger Mann, kokettierte mit seinem schief stehenden Auge: "Ich kann alles sehen, was ihr tut", sagte er nur halb im Scherz seinen Mittelstufenschülern. In den Jugendgruppen der Gemeinschaft Christlichen Lebens (GCL), deren Leiter er war, suchte er sich seine Opfer. In Einzelgesprächen, zu denen sich die Jungs oft auf seinen Schoß setzen sollten, fragte er sie zu Onanier-Gewohnheiten aus - und er soll weitere Missbrauchstaten begangen haben. Aus den Jahrbüchern der Schule geht hervor, dass R. offenbar 1981 die Schule verließ. Die genauen Umstände seines Weggangs will Mertes nun aufklären.

Der sportliche St. rannte oft in kurzer Hose und Fußball-Schuhen über den Schulhof. Nach Lauftreffs und auf Gruppenfahrten duschte er gemeinsam mit seinen Schülern, klopfte sie auf den Po. Darunter sollen auch Mädchen gewesen sein, die seit 1974 an der früheren Jungenschule zugelassen sind. Auch legte er Schüler übers Knie und versohlte das nackte Gesäß. Sein Spitzname lautete deshalb nach Angaben von Ehemaligen "Pavian". Er verließ die Schule laut Jahrbuch im Jahr 1979.

Beide Männer hatten selbst 1964 an dem Jesuitengymnasium in der Tiergartenstraße ihr Abitur abgelegt. Wie viele Absolventen traten sie in den Orden ein und wurden Priester. Inzwischen haben beide die "Gesellschaft Jesu" verlassen.

Heute treibt Rektor Mertes die Frage um, wie die so angesehene Schule im Umgang mit den schon damals gerüchteweise bekannten Vorfällen derart versagen konnte. Die Recherchen zur Aufklärung könne er aber als Vertreter der "Täterseite" nicht selber leisten. Das sei Aufgabe der Mediatorin. Zum Teil seien frühere Rektoren, die als Vertreter des Schulträgers und Leiter der Jesuiten-Niederlassung agieren, noch am Leben. Nur der damalige Schulleiter Pater Johannes Zawacki ist kürzlich verstorben.

Mertes wollte aber nicht ausschließen, dass in den Archiven des Ordens "Spuren des Wegschauens" zu finden seien. Noch habe man die Personalakten und Gesprächsprotokolle, die in München liegen, aber nicht einsehen können. Deshalb sei ihm auch noch nicht bekannt, wo der Orden die Patres nach ihrem Abschied vom Canisius-Kolleg eingesetzt habe.

Bei einer Pressekonferenz versuchte Mertes aber eine Erklärung dafür, warum es gerade in katholischen Einrichtungen so oft zu Missbrauch komme. Die katholische Kirche habe ein Angstproblem und leide an Homophobie. Außerdem sei Sprachlosigkeit ein Problem beim Thema Sexualität. "Wenn sich die Lehre der katholischen Kirche zur Sexualität so weit von den realen Fragestellungen, auch junger Menschen, entfernt, dass sie mit den realen Erfahrungen praktisch nichts mehr zu tun hat, dann führt das die junge Generation zu ganz großen Teilen in eine Sprachlosigkeit," sagte Mertes. Beide Themen könnten zu Problemen führen, denen sich die katholische Kirche stellen müsse.

Schulleiterin Gabriele Hüdepohl sagte, man habe Glück gehabt, dass die Nachricht über die Missbrauchsfälle noch rechtzeitig vor Beginn der Winterferien in dieser Woche öffentlich geworden sei. So habe man zwei Tage lang mit den Kindern und Jugendlichen über die Vorgänge sprechen können. Viele Schüler seien "entsetzt", manche befürchten, der Schule und ihnen könnte nun ein Stigma anhaften.

Rektor Mertes sagte, die Wahrheit sei zunächst wichtiger als das Image der Schule. Aber nur die Wahrheit werde auch dem Image der Schule nutzen.