Bildung

Nach dem Schulunterricht in die Uni

Im Getümmel der Studenten an der Technischen Universität Berlin (TU) fällt Hannah Grunewald mit ihrem Pagenschnitt, gekleidet in Trainingsjacke, Stiefel und Jeans nicht weiter auf, wenn sie zu ihrer Vorlesung läuft.

Was nicht zu sehen ist, Hannah aber von den anderen unterscheidet, ist ihr Alter. Hannah ist erst 16 Jahre alt und geht noch zur Schule. Trotzdem studiert das Mädchen aus Kleinmachnow schon, sie ist eine von 45 Schüler-Studenten im Projekt "Studieren ab 16" an der TU. Das Programm fördert, begleitend zur Schule, sehr gute und besonders talentierte Jugendliche.

Einmal pro Woche fehlt Hannah in der Schule, um in die Universität zu fahren. Hier wird sie gemäß ihrer Fähigkeiten gefordert. Doch besondere Intelligenz ist nicht die einzige Voraussetzung zum Schülerstudium: "Tugenden wie Fleiß und Ehrgeiz müssen die Schüler mitbringen, um das Lernpensum bewältigen zu können", sagt Claudia Cifire, die Organisatorin der universitären Begabten-Förderung. Seit fast vier Jahren läuft das Projekt an der TU, bisher haben etwa 250 Schüler aus insgesamt 75 Schulen in Berlin und Brandenburg teilgenommen. Schüler wie Hannah Grunewald besuchen dabei zusammen mit "normalen" Studenten Vorlesungen, Seminare und Tutorien und legen auch Prüfungen ab. "Ich habe das Seminar "Berliner Spielplan - Literatur und Bühne" mit der Note 1,3 abgeschlossen, da bin ich sehr stolz drauf", sagt Hannah. Die Schülerin der Waldorfschule Kleinmachnow hat ein besonderes Talent für Sprache, in ihrer Freizeit schreibt sie Fantasy- und Science-Fiction-Kurzgeschichten. Und sie lernt gerne: "An der Universität entdecke ich, wie viel ich noch nicht weiß", freut sie sich. Dass sie, wenn sie an der Uni ist, in Kleinmachnow den Unterricht versäumt, stört das clevere Mädchen nicht. Sie ist sehr gut in der Schule und es fällt ihr leicht, das Versäumte später nachzuholen.

Lernen aus Leidenschaft

So geht es fast allen Schüler-Studenten. Sie langweilen sich in der Schule und sind dem Lehrplan oft weit voraus. So geht es auch Enrico Reiß, Schüler auf dem Karl-Friedrich-Schinkel-Gymnasium in Neuruppin. Im Gegensatz zu seiner Mitstudentin Hannah, die sich für alles Neue interessiert, weiß der 18-Jährige Enrico schon lange, welchen Beruf er anstrebt: Nach dem Physikstudium will Enrico als Wissenschaftler arbeiten. "Eigentlich möchte ich nur schnellstmöglich meine Ausbildung beenden und forschen", sagt Enrico.

Nach dem Abitur in einem Jahr kann er sich alle bestandenen Uni-Prüfungen anerkennen lassen. Und dann wird Enricos größter Traum wohl in Erfüllung gehen: endlich Neuland betreten, das Wissen, das er sich angeeignet hat, weiterzuentwickeln. "Nun muss ich mich noch für ein Fachgebiet entscheiden", sagt der Zwölfklässler. Besonders begeistert sei er von Quantenphysik und der Chaostheorie - da gebe es noch viel zu entdecken. Nach zwei Jahren "Studieren ab 16" hat Enrico fast die Hälfte seines Physik-Studiums erfolgreich hinter sich gebracht. Dass er dafür Wochenenden und Schulferien opfern muss, stört Enrico nicht: "Das ist ja keine Pflicht, sondern meine Leidenschaft."

Bangin Brim hingegen achtet sehr darauf, dass seine Freizeit neben dem Lernen nicht zu kurz kommt: "Ich spiele Basketball und am Wochenende gehe ich mit meinen Freunden aus", sagt der 16-Jährige aus Wedding. Für ihn ist wichtig, dass es neben dem Lernen auch noch anderes gibt.

Intelligenzquotient von 145

Bangin hat einen überdurchschnittlich hohen Intelligenzquotienten von 145, das hat ihm ein Schulpsychologe bestätigt. Derzeit besucht er die zwölfte Klasse am Lessing-Gymnasium in Mitte, hat ein Jahr übersprungen und macht nächstes Jahr Abitur. Einzige Sorge des ehrgeizigen Bangins: "Wegen dem 'Studium ab 16' ist mein Notendurchschnitt von 1,2 auf 1,4 gesunken, das ärgert mich." Doch dieser Ärger spornt ihn an, er will trotz Studium ein Einser-Abitur und glaubt fest daran, dieses Ziel zu erreichen.

Im vergangenen Semester hat Bangin an der TU eine Vorlesung in Biochemie besucht, nun will er sich mit Mathematik beschäftigen. "Aber mich interessieren auch soziale und gesellschaftspolitische Themen", sagt er. An der Universität kann er all das ausprobieren. "Und wenn ich mal durchfalle, ist's nicht schlimm." Diese Freiheit, die der Hochbegabte in der Schule nicht zu haben glaubt, genießt er besonders am Uni-Leben. Der Schulleiter des Lessing-Gymnasiums, Michael Wüstenberg, unterstützt seinen Schüler dabei: "Ich habe ihn im letzten Jahr angesprochen und das Schülerstudium vorgeschlagen." "Studieren ab 16" würde die Überflieger jenseits der Schule herausfordern und das sei wichtig, damit sie sich nicht langweilen.