Jedes fünfte Baby ein "Kuckuckskind"

Seit die Diskussion über heimliche Vaterschaftstests voll entbrannt ist, sind sie in aller Munde: "Kuckuckskinder", Sprößlinge, deren offizielle Väter nicht die leiblichen Erzeuger sind. Etwa jedes zehnte der jährlich in Deutschland geborenen 700 000 Kinder ist nicht vom angenommenen Vater, schätzt die "Interessengemeinschaft für Abstammungsgutachten" in Dortmund. In Berlin, so mutmaßen Experten, könnte gar jedes fünfte Neugeborene ein Kuckuckskind sein.

So fallen beispielsweise beim Institut für medizinische Molekulardiagnostik in Weißensee, das jährlich Hunderte von Vaterschaftstests durchführt, etwa 20 Prozent aller Tests negativ aus. Diese Zahl nannte der Leiter des angesehenen und staatlich geprüften Institutes, Professor Richard Grosse. Was für Statistiker und Wissenschaftler nackte Zahlen und nüchterne Vorgänge sind, entpuppt sich für die Betroffenen vielfach als tragisches, nur schwer zu verarbeitendes Schicksal. Einer dieser Betroffenen ist Ralf M. (32). Seit April vergangenen Jahres weiß der Bauhandwerker aus Marzahn, daß er nicht der leibliche Vater der inzwischen sechsjährigen Jaqueline aus der vor vier Jahren geschiedenen Ehe ist.

Zweifel an seiner Vaterschaft seien ihm schon Monate nach der Geburt des Mädchens gekommen, sagte der 32jährige der Morgenpost. "Ich habe sehr bald gemerkt, daß die Kleine so gar nichts von mir hat. Und dann sprachen mich immer öfter Verwandte und Bekannte an, denen das auch aufgefallen war", sagte Ralf M. In der Ehe kriselte es, 2000 erfolgte die Scheidung. Erst da erfuhr er, daß seine Ex-Frau vor Jahren ein Verhältnis mit seinem besten Kumpel hatte. Und mit dem, versichert Ralf M., habe Töchterchen Jaqueline auffällige Ähnlichkeit.

Der Vaterschaftstest brachte ihm letzte Gewißheit, die Unterhaltansprüche gegen Ralf M. ruhen derzeit, ausgestanden ist der Rechtsstreit allerdings noch nicht. Das schlimmste aber sei, so Ralf M., daß er keinen Kontakt mehr zu dem Mädchen habe: "Gefühle zu einem Kind, bei dem man zunächst keinen Zweifel hatte, daß es das eigene ist, ändern sich ja nicht, zumindest nicht so schnell."

Ein "heilloses Durcheinander der Gefühle" erlebt derzeit auch ein 37jähriger Berliner, der sich über eine Väterinitiative an die Berliner Morgenpost wandte und anonym bleiben will. "Als meine Freundin mit 17 schwanger wurde, teilte sie mir kurz und bündig mit, ich sei in jedem Fall der Vater, wenn ich sie nicht heirate, würde sie das Kind abtreiben lassen", erzählt der Mann. In der Folgezeit habe er nicht den geringsten Zweifel daran gehabt, der Vater der inzwischen zwölfjährigen Melanie zu sein. Bis vor einem Jahr. "Wir hatten in der Ehe schon länger Probleme, und eines Tages platzte meine Frau nach einem heftigen Streit damit heraus, daß ich gar nicht der Vater von Melanie bin", sagte der 37jährige. Kurz darauf folgte die Trennung des Ehepaars, ein heimlicher Test bestätigte, daß er nicht der Vater ist.

Seither betreibt er die Anfechtung der Ehe wegen arglistiger Täuschung. "Ohne heimlich durchgeführten Vaterschaftstest hätte ich niemals Gewißheit bekommen. Daß solche Tests jetzt verboten werden, ist für mich ein Skandal", sagt der 37jährige. Seine Begründung: Wie solle jemand, dem ein Kind untergeschoben wird, Gewißheit bekommen. Schließlich würde wohl keine Frau, die genau weiß, daß sie ihren Mann betrogen hat, einem Vaterschaftstest zustimmen.