Stadtplanung

"Bauen im Grundwasser ist gefährlich"

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Während in Köln die Suche nach möglichen Opfern des Häusereinsturzes in der Altstadt gerade erst begonnen hat, ist die Debatte über U-Bahn-Neubauten in Berlin bereits in vollem Gange. Im Fokus: Die Pläne des Senats und der landeseigenen Berliner Verkehrsbetriebe (BVG), die U-Bahn-Linie U 5 vom Alexanderplatz bis zum Pariser Platz zu verlängern.

Bereits im nächsten Jahr soll mit dem Bau einer zwei Kilometer langen Strecke begonnen werden, für die unter anderem der Schloßplatz und der Boulevard Unter den Linden untertunnelt werden muss. Kritiker warnen davor, dass das Projekt historisch bedeutsame Gebäude wie die Humboldt-Universität oder die Staatsoper gefährdet. Über die Risiken des Bauvorhabens und die Konsequenzen aus dem Kölner Unglück sprach Thomas Fülling mit Dr.-Ing. Jens Karstedt, Präsident der Bundesingenieurkammer und der Baukammer Berlin.

Berliner Morgenpost:

Herr Karstedt, könnte sich ein Häusereinsturz wie in Köln auch in Berlin ereignen?

Jens Karstedt:

Wir haben in der Tat in Berlin sehr ähnliche Bodenverhältnisse wie in Köln, gekennzeichnet durch Sandböden und einen sehr hohen Grundwasserstand. Bauwerke, die wie in Köln tief ins Grundwasser gehen, können bei mangelnder Sorgfalt durchaus zu Schäden an den umliegenden Gebäuden führen.

Was ist denn das Problem, etwa beim Bau eines U-Bahnhofs unter der Kreuzung Unter den Linden und Friedrichstraße in 20 Metern Tiefe?

Früher wurde bei solchen Bauten das Grundwasser abgesenkt. Um die Umgebung nicht zu belasten, vor allem aber aus Umweltgründen - das Grundwasser ist eine Trinkwasserressource - erfolgen Tiefbauarbeiten (Baugruben) inzwischen in Betonwannen, auf deren Wände und Sohle das Grundwasser drückt. Der Druck steigt, umso tiefer das Bauwerk ist. Bei einer Tiefe von 20 Metern sind das 2 Bar. Jeder Meter tiefe erhöht das Gefahrenpotenzial. Gibt es einen Riss in der Betonmauer oder Sohle, drückt das Wasser mit großer Kraft in die Baugrube und zieht den Erdboden mit. Es entstehen Hohlräume, die benachbarte Bauwerke zum Einsturz bringen können. Die Gefahr eines sogenannten hydraulischen Grundbruchs besteht in Berlin wie in Köln.

Sollte angesichts eines solchen Szenarios besser auf den Bau einer U-Bahn unterhalb der Straße Unter den Linden verzichtet werden?

Das ist nicht erforderlich. Wir verfügen über genügend technische Möglichkeiten, die Risiken zu beherrschen. Berlin verfügt auf diesem Gebiet über ausreichend Erfahrungen, denken wir nur an Projekte wie das Sony-Center am Potsdamer Platz und die U 55 vom Hauptbahnhof bis zum Brandenburger Tor, die ohne größere Probleme verliefen. Ich denke auch an den Bau eines Tunnels mit vier Metern Durchmesser für die Berliner Wasserbetriebe nach Waßmannsdorf, der unter der Halle liegt, in der bei einer Anhörung zur BBI-Genehmigung mehrere Hundert Menschen saßen. Wichtig ist, die Arbeiten mit hoher ingenieurtechnischer Qualität zu planen und natürlich auch auszuführen. Tief im Grundwasser zu bauen ist gefährlich, aber beherrschbar.

Werden die Ereignisse von Köln Folgen für den U-Bahn-Bau in Berlin haben?

Das müssen natürlich die Verantwortlichen beim Senat und bei der BVG entscheiden. Ich bin aber der festen Überzeugung, dass alle Planungen noch mal unter dem Sicherheitsaspekt überprüft werden sollten. Wichtig ist dabei die Einhaltung des Vier-Augen-Prinzips. Helfen bei der Bewertung können auch Prüfsachverständige nach Bauordnungsrecht für Geotechnik. Ein solcher Sachverständiger ist gesetzlich nicht vorgeschrieben, aber bei einem solchen sensiblen Vorhaben sehr sinnvoll.

Welche finanziellen Konsequenzen haben zusätzliche Sicherheitsvorkehrungen?

Die dürften schon im sechsstelligen Bereich liegen. Aber bei einem Projekt von der Größe der U 5-Verlängerung (geschätzte Baukosten: 450 Millionen Euro - d. Red.) liegt die Kostensteigerung im Promille-Bereich. Demgegenüber stehen die enormen Schäden, die eine Havarie wie die in Köln hervorrufen kann.