Straßenbau

420 Millionen Euro für 3,2 Kilometer

"Autobahnbau ist immer ein emotionales Thema." Mit diesen Worten stellte Stadtentwicklungssenatorin Ingeborg Junge-Reyer (SPD) gestern ihre Pläne zum umstrittenen Weiterbau des Stadtrings A 100 vor, der mit der öffentlichen Auslegung der Planungsunterlagen jetzt eingeleitet wird.

Der Protest gegen diese Maßnahme ließ nur wenige Sekunden auf sich warten. Mitglieder des Bundes für Umwelt und Naturschutz (BUND) sowie der Bürgerinitiative Stadtring Süd (BISS) nutzten die Pressekonferenz der Senatorin, um Flugzettel gegen den Autobahnbau zu verteilen.

Das Vorhaben, um das es geht, ist der bereits 16. Abschnitt der A 100 zwischen dem Autobahndreieck Neukölln und der Straße am Treptower Park. Die Kosten für das 3,2 Kilometer lange Teilstück des Stadtrings sind enorm. Sie belaufen sich auf 364 Millionen Euro allein für den Bau. Dazu kommen weitere 55,5 Millionen Euro für den Ankauf von Grundstücken, über die die Trasse verlaufen soll.

Aufwendiger Lärmschutz

Für den Neubau müssen insgesamt vier Mehrfamilienhäuser an der Beermannstraße abgerissen und deren Eigentümer entschädigt werden. Zudem müssen mehr als 300 Kleingärten geräumt werden. Das Land Berlin ist mit rund 20 Millionen Euro für die Planungskosten ebenfalls am Bau der Autobahn beteiligt.

Mit diesen Kosten ist die Verlängerung der Stadtautobahn genauso teuer wie der erst im Mai vergangenen Jahres eröffnete, jedoch mit 10,1 Kilometer mehr als dreimal so lange letzte Abschnitt der A113 nach Schönefeld. Der BUND spricht deshalb vom "teuersten Straßenbauprojekt Deutschlands".

Die enormen Baukosten begründete die Senatorin gestern mit den erheblichen Aufwendungen für Tunnel-, Trog- und Lärmschutzmaßnahmen. Die neuen Abschnitte der A 100 werden sechsspurig sein. 2270 Meter der Autobahn werden in einem bis zu sieben Meter tiefen, schallabsorbierenden Trog verlaufen; an der Grenzallee wird ein 385 Meter langer Tunnel entstehen. Zwischen Sonnenallee und Dieselstraße (Ostseite) und zwischen der Ringbahnquerung und der Straße am Treptower Park (Westseite) werden sechs Meter hohe Lärmschutzwände errichtet. Außerdem erhält die Neubaustrecke Flüsterasphalt. "Ein Novum für Berlin", so Katrin Viezke, Fachbereichsleiterin Tiefbau in der Senatsverwaltung. Durch seine offenporige Struktur werde der Schall absorbiert, die Lärmbelastungen in der Nähe der Autobahn würden sinken. "In Hessen und Bayern wurden solche Beläge schon erprobt", so Viezke.

Allerdings, räumte die Expertin ein, erfordere der Asphalt einen höheren Betriebsaufwand, weil Wasser in die offenen Poren dringt und dadurch leichter Straßenschäden entstünden als an herkömmlich asphaltierten Straßen.

Trotz der enormen Kosten und der Proteste von Bürgerinitiativen, die das Vorhaben einen "Griff in die Mottenkiste der autogerechten Stadt" nennen, verteidigt die Senatorin die Autobahnverlängerung "als Projekt für die ganze Stadt, das die Struktur und Lebensqualität in vielen Bereichen" verbessern werde. Die sogenannte Kosten-Nutzen-Analyse habe ergeben, dass der Nutzen den Faktor Kosten um den Faktor 3,6 "deutlich positiv" übersteige. In einer solchen Analyse werden die verschiedensten Indikatoren erfasst und ausgewertet.

Nach Fertigstellung des Bauabschnitts der A 100 werden zwischen dem Autobahndreieck Neukölln und der Anschlussstelle Sonnenallee 100 000 Autos am Tag erwartet. Laut der Verkehrsprognose des Senats wird der Autobahnabschnitt zwischen Sonnenallee und der Straße Am Treptower Park voraussichtlich von 60 000 Kraftfahrzeugen täglich befahren.

"Durch die Bündelung des Verkehrs auf der neuen Trasse werden Wohnquartiere des Berliner Südostens entlastet", so die Senatorin. Konkret werde vor allem in der Puschkinallee, Am Treptower Park und der Bulgarischen Straße mit einer Verkehrsreduzierung von 50 Prozent gerechnet. Insgesamt würden die Wohnquartiere um 13 Prozent entlastet.

Zweifel an Verkehrsprognose

Diese Prognosen werden von den Bürgerinitiativen angezweifelt. Zudem werde es, wie auch die Senatsverwaltung einräumt, im Bereich der Elsenbrücke und der Sonnenallee an der Anschlussstelle werktags zu einer Verkehrszunahme kommen. Auch im angrenzenden Bezirk Kreuzberg-Friedrichshain ist die Skepsis groß. Ausgerechnet auf Antrag der SPD, die damit ihrem Parteimitglied Junge-Reyer in den Rücken fällt, sprach sich die Bezirksverordneten-Versammlung am Mittwochabend mehrheitlich gegen den Weiterbau der A 100 aus, die den Autobahnverkehr damit nun quasi vor der "Bezirkshaustür" in Stralau ablädt. Die Bürger haben nun vom 9. März bis zum 9. April Zeit, die Planungsunterlagen einzusehen und bis zwei Wochen nach der Auslegungsfrist Einwendungen zu formulieren. Die Erörterung der Einwendungen soll im vierten Quartal dieses Jahres stattfinden. Mit dem Bau soll 2011 begonnen werden. Ab 2017 soll der Verkehr über das neue Teilstück rollen.