Gentrifizierung

Linksextreme Gewalt in Kreuzberg nimmt zu

Die Brandstifter waren wieder in Kreuzberg unterwegs, doch diesmal ohne Erfolg. In der Nacht zu Sonnabend bemerkten Passanten an der Sebastianstraße Qualm unter einem Auto. Sie entdeckten einen Brandsatz und löschten ihn.

Die Polizei überprüfte kurz darauf mehrere in der nahen Umgebung abgestellte Fahrzeuge und fand weitere drei Brandsätze, die allerdings alle nicht gezündet hatten.

Die Polizei vermutet die Täter im linksextremen Spektrum. Seit Jahresbeginn hat diese Szene in Berlin bereits 35 Straftaten verübt, darunter 18 Brandstiftungen. Dabei wurden 26 Autos zerstört. Allein im Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg haben die Chaoten acht Autos angezündet, fünf in Friedrichshain, drei in Kreuzberg. In der Nacht zu Sonnabend hätte diese Zahl leicht noch weiter steigen können. Für die Polizei steht fest: Der Szenebezirk ist wieder Schwerpunkt von linksextremen Anschlägen. Das würden Analysen von Lagebildern des Landeskriminalamts belegen.

Angriff gegen die Sparkasse

Beispiele der vergangenen Wochen aus Kreuzberg: Am 25. Januar warfen Vermummte die Fensterscheiben einer Sparkassen-Filiale und zweier Geschäfte an der Eisenbahnstraße ein. Am 31. Januar flogen Steine gegen die Fenster des Luxuswohnprojekts "Carlofts" an der Reichenberger Straße. In der Nacht davor traf es ein weiteres Edel-Wohnhaus zwischen Reichenberger Straße und Paul-Lincke-Ufer. Derartige Anschläge werden in Publikationen und Internetforen der gewaltbereiten linksautonomen Szene eingeräumt, sogar verteidigt. Es gelte, "Kapitalisten zu verjagen und den Kiez zurückzuerobern".

Die Brandanschläge auf Autos beunruhigen am meisten. Am 20. Januar wurde ein Lieferfahrzeug der Post-Tochter DHL zerstört, eine Woche zuvor setzten Unbekannte an der Wiener Straße einen Mercedes und am Leuschnerdamm einen BMW in Brand. In allen Fällen fand die Polizei an den Tatorten Bekennerschreiben, die auf ein politisches Motiv hinweisen.

"Die Anschläge aus der linken Szene haben massiv zugenommen", sagt der CDU-Abgeordnete Kurt Wansner. "Hier wird alles zerschlagen: Telefonzellen, Schaufenster. Innensenator Ehrhart Körting muss endlich aufhören, der linken Szene Sympathien entgegenzubringen." Wansner verteilte am Lausitzer Platz Flugblätter mit klaren Aussagen: Mehr Polizei. Mehr Schwerpunkteinsätze. Bildung einer Sonderkommission.

Bezirksbürgermeister Franz Schulz (Grüne) meint, in der Vergangenheit habe es immer wieder solche Vorfälle gegeben. Allerdings sagt auch er: Die Brandanschläge auf Autos seien besorgniserregend. Eine Erklärung habe er nicht. "Die Motive sind mir unklar. Aber das kann hoffentlich bald beendet werden." Das Bezirksamt moderiere bei Konflikten. Es sei gelungen, die Szene "in einigen Bereichen" zu beruhigen, etwa an der Rigaer Straße und im Zentrum "Köpi".

Die Kreuzberger diskutieren über die Anschläge und Gewalttaten. Beobachtungen in der Reichenberger Straße: Hier sorgen Gründerzeitbauten, breite Bürgersteige und viele Bäume für eine fast schon gemütliche Atmosphäre. Was auffällt, sind die vielen Kinder, die sich allein oder mit ihren Eltern auf der Straße tummeln. Überall stehen Kinderwagen, Roller und Fahrräder aller Größen vor den Häusern. "Das Schöne ist die gute Mischung derjenigen, die hier leben", sagt der 26-jährige Ludwig. Der Schauspieler lebt seit vier Jahren im Kiez. Die Mieten seien bezahlbar. Deshalb hoffe er, dass das so bleibt und nicht am Ende nur "Besserverdiener" dort leben würden. Eine Entwicklung wie die in Prenzlauer Berg wünsche er sich für seinen Kiez auf keinen Fall. "Verständnis für Autoanzünder oder Steineschmeißer hab ich deshalb aber noch lange nicht", sagt er. Das sei "absolut der falsche Weg".

Lofts ab 500 000 Euro

Und doch wird er immer wieder beschritten. Steine und Farbbeutel landeten an Wänden und Schaufenstern von McDonalds, Subway - und immer wieder auf der Baustelle von "Carlofts" an der Reichenberger Straße. Eine Anlage, in der sich die kleinste Wohnung über 200 Quadratmeter erstreckt, die Preise bei 500 000 Euro erst losgehen. Das Besondere: In den Lofts ist der Parkplatz für das Auto mit eingeplant. Mit einem Fahrstuhl geht es von der Straße bis vor die Wohnungstür. Während der Bauphase gab es immer wieder Anschläge. Nun ziehen demnächst die ersten Käufer ein. Investor Johannes Kauka ist optimistisch. "Kreuzberg ist im Wandel, das lässt sich nicht aufhalten", sagt er. Viele Käufer schreckt das offenbar nicht ab. Sie wüssten ja, worauf sie sich bei dem Standort einlassen, sagt Kauka - der "klassische Grunewalder" zöge hier kaum hin. Er hat, trotz allem, nie daran gedacht, aufzugeben. "Ich glaube an Kreuzberg", sagt er. Und dass er sich gerne mal mit denen, die hier randalierten, an einen Tisch gesetzt hätte, um zu reden. Aber das funktioniere einfach nicht.

Auch die Subway-Filiale an der Schlesischen Straße ist kurz nach der Eröffnung im vergangenen Sommer das Opfer von Randalierern geworden. Mittlerweile habe sich das aber gelegt, sagt Jörg Schuhmacher, einer der Gesellschafter: "Es gibt immer mal wieder dumme Sprüche, aber ansonsten sind wir inzwischen im Kiez akzeptiert." Im Dezember wurde eingebrochen, seitdem wird der Laden rund um die Uhr videoüberwacht. An den Küchenfenstern wurden Gitter angebracht.

Doch noch immer sieht die Subway-Filiale ramponiert aus. Die Leuchtreklame an der Fassade ist kaputtgeschlagen, Firmen-Schriftzüge wurden überschmiert. "Wir wollen noch einige Monate abwarten, bis sich wirklich alles beruhigt hat", sagt Schuhmacher. Dann sollen die Werbebanner erneuert werden. Die türkischstämmige Anwohnerin Asli Incirci ist auf die, die im Kiez randalieren, gar nicht gut zu sprechen. "Die, die so etwas tun, sind Extremisten, denen es doch nicht um den Schutz ihres Kiezes geht", sagt sie. "Die wollen Remmidemmi, weiter nichts." Die 33-Jährige wünscht sich unbedingt, dass noch mehr Leute mit gutem Einkommen, möglichst Akademiker ins Viertel ziehen. "Dann verbessert sich die Situation an den Schulen hoffentlich", sagt sie. Noch besuche ihre zweijährige Tochter zwar den evangelischen Kindergarten, doch irgendwann müsse sie zur Schule gehen...

Zoppe Voskuhl ist Künstler und hat seit 15 Jahren sein Atelier an der Reichenberger Straße. "Ich bin froh, wenn hier Leute herziehen, die etwas mehr verdienen. Das ist eine Straße mit hohem Potenzial, das nicht genutzt wird", sagt er. Bärbel Schütz, ebenfalls Künstlerin, hingegen hat Angst, dass eine Sanierung des Viertels und der Zuzug vieler gut verdienender Menschen die Mieten in die Höhe treibt. "Dann kann ich mir mein Atelier nicht mehr leisten", sagt die junge Frau, die seit zwei Jahren im Kiez arbeitet. Solche Sorgen treiben auch viele junge Nachbarn, vor allem Studenten mit schmalem Geldbeutel um. Dennoch verurteilen sie unisono die Gewaltakte. Sie würden dem Kiez und auch seinem Ruf schaden, sagen sie.

Dieser Ruf beschäftigt auch Investoren. Das dänische Unternehmen Herkules etwa, das auch in Berlin Immobilien kauft, meidet den Kiez um die Reichenberger Straße. Bürgerliches Kreuzberg um die Bergmannstraße - vielleicht, Wrangelkiez - nein, heißt es dort. Lieber keine "heißen Stadtteile".

"Spaß macht das nicht"

Die Firma Archigon ist weniger ängstlich. Sie plante zwei Loftbauten unweit des Engelbeckens - an der Grenze zu Mitte, aber eben auch nur ein paar Minuten bis zum Kottbusser Tor. Eines der Häuser ist bereits fertig, das andere noch im Bau. Im Frühjahr flogen das erste Mal Steine gegen die großen Fensterfronten, ziemlich viel Glas ging dabei zu Bruch. Dann brannte ein Dixiklo, und kurz darauf noch eins.

Natürlich, sagt Martin Roth von Archigon, Spaß mache das niemandem. Es verzögere den Bau. Und eigentlich "trifft es die Falschen". Probleme mit dem Schaden hätten im Zweifel die ausführenden Firmen, die Handwerker. Oder deren Versicherung. Einige potenzielle Käufer, sagt Roth, hätten schon gezögert. Und irgendwann hätten sie auch das Wort Loft von den Bautafeln gestrichen - "damit es nicht eskaliert". Loft, ein Reizwort. Martin Roth sagt aber auch, dass er den Protest "nur begrenzt" versteht. "Wir stören hier doch gar nicht so. Die Häuser sind eigentlich ein Bindeglied zwischen dem hippen Mitte und Kreuzberg." Gedanken, die sich in anderen Stadtteilen vermutlich kaum ein Investor machen muss.