Integration

Von der Hauptschülerin zur Chefin

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Sören Kittel

Mit Lehrern hatte es Nare Yesilyurt-Karakurt nicht leicht. Als die gebürtige Berlinerin 14 Jahre alt war, war sie rebellisch, hat sich auch in der Hauptschule nichts gefallen lassen. "Was erzählen Sie da für einen Mist?", hat sie schon einmal dem Lehrer zugerufen.

Oder: "Lassen Sie mich in Ruhe!" Bei einem Elternabend nahm der Lehrer ihren Vater zur Seite und sagte: "Wenn Sie nicht auf Ihre Tochter aufpassen, landet sie in der Gosse." Ihr Vater hat sie später danach gefragt, was das Wort "Gosse" bedeuten würde. Sie hat es ihm nie gesagt.

Heute ist Nare Yesilyurt-Karakurt 41 Jahre alt, studierte Diplom-Pädagogin und Chefin eines Pflegedienstes mit 220 Mitarbeitern in Kreuzberg. Außerdem ist sie eine von drei weiblichen Vorstandsmitgliedern im deutsch-türkischen Sportverein "Türkiyem Spor" - und bekam im vergangenen Jahr den Integrationspreis. Ihre Geschichte ist die einer selbstbewussten und selbstbestimmten Frau. "Ich mag keine Klischees", ist ein Satz, den sie oft sagt.

Doch das Klischee von der türkischen Parallelgesellschaft, die sich um Integration nicht bemüht, wird seit neuestem von einer Statistik weiter angefüttert. Mit 180 000 Türken stellen sie in Berlin den höchsten Anteil (24 Prozent) an der Bevölkerung mit Migrationshintergrund dar. Das Berlin-Institut für Bevölkerung und Statistik hat diese Daten nicht nur zusammengestellt, sondern auch interpretiert. Schon der Titel der Studie "Ungenutzte Potenziale" weist auf den Hauptschwerpunkt der Interpretation der Fakten: "Rund 37 Prozent der Türkischstämmigen in Berlin haben keinen Schulabschluss" - bei Einheimischen sind es nur zwei Prozent. Aber neben den vielen gering qualifizierten fällt in Berlin auf, dass es eine relativ große Bildungselite gibt. Rund 17 Prozent der Türkischstämmigen sind Akademiker, in Niedersachsen nur 8 Prozent.

Wenn Nare Yesilyurt-Karakurt solche Zahlen hört, wird sie unruhig. Dann schiebt sie ihre rote Haarsträhne hinter die Ohren - wie ein Zeichen für die Energie, die in ihr steckt. "Es ist ja nicht so, dass es Türken auch immer leicht gemacht wird", sagt sie dann. "Meine Tochter hatte einen Notendurchschnitt von 2,2, aber die Lehrerin hielt es nicht für nötig, ihr eine Empfehlung fürs Gymnasium zu geben." Eine deutsche Klassenkameradin mit einem Durchschnitt von 2,7 bekam diese Empfehlung. "Das ist doch purer Rassismus", sagt die wütende Mutter. Sie forderte, dass die Lehrerin ihre Entscheidung revidiere.

Das sich Türken für ihre Bildung mehr einsetzen müssen als Deutsche, musste auch die gebürtige Türkin Ipek Ipekcioglu lernen. Die 36-Jährige bringt das mit drei Wörtern auf den Punkt: "Sprache ist Macht." Soll heißen: Als Kind von Gastarbeitern müsse man Deutsch lernen, sonst habe man hier im Land erst im zweiten Bildungsweg eine Chance. "Allerdings wurde in meiner Schule im Wedding viel Türkisch gesprochen", sagt Ipekcioglu. "Kein Wunder, dass viele meiner Klassenkameraden schlecht Deutsch sprachen - ich selbst auch."

Deutsch, Türkisch, Englisch

Ipekcioglu spricht aber inzwischen fließend Deutsch. Und neben Türkisch auch Englisch. Bei ihr hat es nach der Schule "klick" gemacht, sie machte die Hochschulreife nach, beendete ihr Sozialpädagogik-Studium und begann später ein Jura-Studium. "Schuld" an diesem Ehrgeiz waren unter anderem auch ihre vielen Reisen. Sie lebte ein Jahr in London und besuchte immer wieder die Türkei. "Und jedes Mal", erzählt sie, "wenn ich zurück nach Berlin kam, war ich so eingeschüchtert." Der Grenzpolizist blätterte misstrauisch in ihrem türkischen Reisepass und befragte sie detailliert. "Wenn man dann auch noch schlecht Deutsch spricht, ist man gleich viel unsicherer."

Inzwischen reist Ipek Ipekcioglu auch mit einem deutschen Pass um die Welt - als DJane Ipek. Sie legt ihre Platten in Amsterdam, New York, Kairo, Peking und sogar in Timbuktu auf. Dabei vermischt sie elektronische Klänge mit griechischen, indischen oder orientalischen Musikelementen zusammen. In Musikzeitschriften wird ihr Stil "Berliner Ethno-House" genannt, sie selbst wurde schon als "Zeremonienmeisterin der transkulturellen Völkerverständigung" bezeichnet.

Auch Nare Yesilyurt-Karakurt sorgt mit ihrer Arbeit für ein besseres Miteinander zwischen den Kulturen. Seit zehn Jahren leitet sie das Unternehmen "Deta Med", die erste Pflegeeinrichtung, die sich speziell an ältere Migrantinnen und Migranten richtet. Als sie die Firma anmelden wollte, waren viele Ämter der Meinung, es gebe unter Türken keine Nachfrage nach solcher Unterstützung. "Ich fand, das ist positive Diskriminierung", sagt sie. "Zudem brauchen türkische Patienten eine andere Pflege." In der Türkei gelte man erst dann als sauber, wenn man unter fließendem Wasser gewaschen wurde. Inzwischen hat ihr Betrieb Filialen in mehreren Stadtbezirken und berät rund 1200 Patienten. Ohne die Unterstützung ihrer Eltern und ihres inzwischen geschiedenen Mannes hätte sie aber nie die Energie gehabt, um all das zu stemmen. "So hat mein Mann schon in den 90er-Jahren Elternteilzeit genommen", erzählt sie. Für ihren Mann vollkommen normal, aber eben für viele "gegen das Klischee von türkischen Familien".

Auch Ipek Ipekcioglu ist gegen Klischees und sieht sich auch nicht in einem Identitäts-Dilemma. "Ich möchte mich nicht zwischen meinen beiden Kulturen entscheiden müssen", sagt sie. "Ich liebe die deutsche Art, die Dinge zu strukturieren und wie man sich konstruktiv streitet." Andererseits bemerkt sie an sich auch Charaktereigenschaften, die sie eher der Türkei zuordnet: "die viel zitierte Gastfreundschaft zum Beispiel, oder die Leidenschaft und das Temperament".

Für die Unternehmerin Nare Yesilyurt-Karakurt gibt es einen Moment, in dem sie gern türkisch ist: Wenn sie abends, nach einem Tag im Pflegeheim und Sportverein, sich die kleinen Kopfhörer in die Ohren steckt und "Kiz Cocugu" hört. "Die Sängerin Zülfü Livaneli singt von einem Mädchen, das von Tür zu Tür läuft und um Hilfe ruft", erzählt sie und wird plötzlich ganz ruhig. "Das Mädchen ist vor Jahren an den Folgen der Atombombe gestorben." Das aufregende Thema deutsch-türkische Verständigung ist plötzlich Lichtjahre entfernt. Es gibt eben auch andere Themen, über die man mit einer Deutsch-Türkin reden könnte. Denn so unterschiedlich Ipek Ipekcioglu und Nare Yesilyurt-Karakurt auch sind, ihre vielleicht einzige Gemeinsamkeit ist, dass sie sich nicht in eine Ecke drängen lassen wollen.