Architektur

U-Bahntunnel reißen unter Lkw-Verkehr

Ein vereidigter Sachverständiger der Industrie- und Handelskammer (IHK) hat in Tunneln der U 6 und U 2 gravierende Schäden festgestellt, die vom Schwerlastverkehr auf den Straßen herrühren. Klaus Wacinski (65) spricht von "erhebliche Rissen in Wänden und Mauerwerk".

Bereits der Wirtschaftsstadtrat und Vize-Bürgermeister des Bezirks Mitte, Joachim Zeller (CDU), hatte vor der Einsturz-Gefahr von U-Bahntunneln durch den wachsenden Lkw-Verkehr im City-Bereich gewarnt.

Fotos, mit denen der Sachverständige Wacinski die Schäden dokumentiert hat, liegen der Berliner Morgenpost vor. Der Experte hatte sich gemeldet, weil nach seiner Ansicht die für den Schwerlastverkehr zuständige Senatsverwaltung für Stadtentwicklung das "akute Problem kleinredet".

Straßenerneuerung ab März

Der Bezirk Mitte plant wegen der Tunnelschäden an Schwachstellen rund um den Hausvogteiplatz, der Straße des 17. Juni - Höhe Klopstockstraße - und im Bereich Leipziger-/Friedrich-/Markgrafen-/Charlottenstraße Straßenerneuerungen über den Tunneln der U-Bahnlinien 2, 6 und 9. Nach Auskunft von Baustadtrat Ephraim Gothe (SPD) werden die Arbeiter anrücken, "sobald die Frostperiode vorbei ist. Wahrscheinlich erst Anfang März."

Wie berichtet, hatten Bau- und Verkehrsexperten seiner Behörde durch Messungen über viele Jahre die Bedrohung der U-Bahntunnel insbesondere durch die zunehmende Straßenbelastung der 30- und 40-Tonner registriert und Alarm geschlagen.

Sachverständiger Wacinski hatte für Bauträger in Zusammenhang mit der Neubebauung von Quartieren im Bereich Friedrich-, Leipziger-, Französische Straße in Mitte auch die Bereiche der Tunnel der U 6 und U 2 sowie die Tunnel selbst inspizieren und dokumentieren müssen. In seinem Gutachten heißt es, besonders markant seien die Rissschäden an den Trägern. Auch in den Deckenfeldern zwischen den Stahlträgern der Tunnel der U 6 gebe es überall Risse in verschiedener Breite. "Dabei handelt es sich nicht um oberflächliche Schäden. Die Risse gehen durch die gesamte Betonschicht."

"Mit dem Gutachten soll keine Panik erzeugt werden", so Klaus Wacinski, "doch so harmlos sind die Risse nicht, zumal die Erschütterungen durch den Schwerlastverkehr zunehmen. Das betrifft das gesamte Netz der alten U-Bahntunnel der Stadt."

Wacinski hat sein Gutachten den Berliner Verkehrsbetrieben zur Verfügung gestellt. Auch die BVG beobachtet den ständig zunehmenden Schwerlastverkehr auf Berlins Straßen und die damit verbundenen Schäden mit Sorge. Dennoch beruhigt ihr Sprecher Klaus Wazlak: "Grundsätzlich halten die Tunnel, sie werden regelmäßig von unseren Experten kontrolliert und dokumentiert. Doch gerade Altbautunnel, die vor dem Zweiten Weltkrieg entstanden, sind anfällig." Um Schäden abzuwenden, würden schon heute Schwerlasttransporte auf andere Strecken geleitet, damit die U-Bahntunnel geschützt werden, heißt es. Nach Auffassung der BVG wäre ein Logistikzentrum, wie von Baustadtrat Zeller gefordert, durchaus denkbar. "Wir sind ständig mit dem Senat im Gespräch", so Wazlak.

Maut und nächtliche Sperrungen?

Die Verkehrsexpertin der Grünen, Claudia Hämmerling, fordert sogar eine innerstädtische Mautgebühr für Lkw. Der SPD-Verkehrsexperte Christian Gaebler setzt auf ein Lkw-Routenkonzept für die Hauptstadt und regt nächtliche Straßensperrungen für Schwertransporte an. Fest steht, dass der zunehmende Lkw-Verkehr in Berlin der Auslöser für Tunnelschäden ist. Nach Zählungen der Polizei hat die Zahl der Schwerlasttransporte auf der Stadtautobahn mit Zufahrten zum innerstädtischen Bereich im vergangenen Jahr um 18 Prozent zugenommen. Seit Öffnung der A 113 (Anbindung der Stadtautobahn) 2008 würden viele Lkw die neue Strecke nutzen, um quer durch die Metropole zu kommen.

In Zusammenhang mit der Forderung nach einem Logistikzentrum für den innerstädtischen Verkehr kritisiert Wirtschaftsstadtrat Joachim Zeller den Berliner Senat "wegen Untätigkeit". Dieser hatte selbst 2005 bei der Technischen Universität Hamburg-Harburg ein Gutachten zum "Wirtschaftsverkehr für Berlin" in Auftrag gegeben. Darin war ein Logistikzentrum am Westhafen mit Bahnanschluss (damals noch vorhandener Güterbahnhof der Deutschen Bahn) befürwortet worden. "Dieses Gutachten ist in der Ablage gelandet", so Zeller, "und der Schwerlastverkehr belastet jetzt den Citybereich".

In den Großstädten München, Wien und Warschau ist der City-Bereich unter anderem wegen der U-Bahntunnel für Lkw über 7,5 Tonnen gesperrt.