Eine Französin ist verliebt in Berlin

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Julia Höpfner

Foto: Augen-Blick / Elsässer

Wenn Cécile Calla Berlin mit ihrer Heimatstadt Paris vergleicht, kann sie nicht sagen, welche der beiden europäischen Hauptstädte ihr besser gefällt. Aber nach den anderthalb Jahren, die sie nun in Berlin lebt und als freie Korrespondentin des "Figaro" arbeitet, weiß sie zumindest, daß zwei Städte kaum unterschiedlicher sein könnten. "Paris ist ein Museum. Da hat sich doch architektonisch seit Hunderten von Jahren eigentlich nichts mehr verändert."

Daher wohl die Neugierde und Motivation, mit der die 27jährige, die in Paris Geschichte und Politik studiert hat, sich auf die Stadt Berlin stürzte. Seit ihrer Ankunft im vorigen Jahr hat sie unzählige Spaziergänge und Radtouren unternommen, um Berlin mit seinen Gebäuden und seiner Geschichte "aufzusaugen".

Eine Radtour entlang der Karl-Marx-Allee hat sie besonders beeindruckt. "Die sozialistische Idee und die dazugehörige Architektur so nahe und live kennenzulernen, war sehr spannend für mich", sagt Cécile Calla, die in diesem "Freilichtmuseum" mehrfach vom Rad abstieg, etwa um in verschiedene Hauseingänge reinzuschauen.

Auch bezogen auf die Menschen und die Atmosphäre findet die junge Frau Berlin "charmant". Dabei hatte sie die Stadt bei ihrem ersten Besuch als Schülerin im Jahr 1992 von einer ganz anderen Seite kennen gelernt. "Es fand ein Schüleraustausch mit einem Berliner Gymnasium statt. Da wohnte ich eine Woche lang bei einer Familie in Hohenschönhausen - ein sehr spezieller Stadtteil, der Berlin wirklich nicht repräsentiert. Wir fuhren oft lange mit der Straßenbahn zum häßlichen Alexanderplatz. An viel mehr kann ich mich von diesem Aufenthalt nicht erinnern."

Eine Studienreise brachte ihr einige Jahre später ein neueres und sympathischeres Berlin näher. "Trotzdem hatte ich es mir vielleicht etwas zu einfach vorgestellt, mich in Berlin einzuleben", sagt heute.

Zwar habe sie über ihren Freund, einen Berliner und einer der Gründe ihres Umzugs nach Deutschland - gleich einige Leute kennengelernt. "Aber ansonsten hat die Art der Berliner mich anfangs doch vor den Kopf gestoßen", gibt sie zu. "Ich wurde von allen möglichen Leuten geduzt - von Kellnern oder Verkäufern, das habe ich als Affront empfunden. In Frankreich werden ich als Mademoiselle angesprochen!"

Auch sei ihr oft eine ungeduldige Art begegnet, wenn ihr, etwa beim Einkaufen, nicht gleich die richtigen deutschen Vokabeln eingefallen seien. "Diese direkte, manchmal ruppige Art der Berliner - inzwischen glaube ich, sie besser zu durchschauen." Mindestens ein halbes Jahr lang habe es allerdings gedauert, bis sie mit Berlin - oder Berlin mit ihr - warm geworden sei.

Cécile Calla lebt und arbeitet in Mitte, zur Zeit suchen sie und ihr Freund eine Wohnung in Prenzlauer Berg. "Ich kenne den Ostteil der Stadt besser, ich denke, er gefällt mir auch besser", sagt die Französin.

Im Osten findet sie vieles in extremer Form, was ihrer Heimatstadt Paris gänzlich fehle: "Etwa die soziale Mischung - Arm und Reich, Künstler und Anwälte leben hier alle nebeneinander." Das gebe es in Paris nicht, "fast niemand kann es sich leisten, mitten in Paris zu wohnen". Ganz neu sei es für sie auch, sich in den Grenzen eines kleinen Kiezes zu Hause zu fühlen. "Das führt zwar dazu, daß ich den Westteil der Stadt noch nicht besonders gut kennengelernt habe. Es hat aber den Vorteil, im eigenen Kiez jeden zu kennen! Ich fahre im Umkreis meiner Wohnung mit dem Fahrrad, um einzukaufen oder zu arbeiten. Das wäre in Paris unvorstellbar, dort durchquert man die Stadt andauernd komplett mit der U-Bahn, ein Rad habe ich dort nicht besessen."

Die vielen schönen und spannenden Dinge, die Cécile Calla für sich in Berlin entdeckt hat, versucht sie auch regelmäßig ihren Freunden und ihrer Familie zu vermitteln, wenn die sie in Berlin besuchen. "Denn die Vorstellung der Franzosen von Deutschland ist doch noch ein recht tristes, graues Bild", sagt sie. Berlin werde da gern mit in einen Topf geworfen, auch wenn die deutsche Hauptstadt zumindest bei jungen Leuten "so langsam einen etwas besseren Ruf" bekomme. "Wenn meine Freunde erst einmal hier waren, sind sie von der Stadt begeistert. Sie wollen alle wiederkommen", sagt Cécile Calla, die in ihrer Berlin-Begeisterung ansteckend wirkt.

Dennoch plant sie, in einigen Jahren gemeinsam mit ihrem Freund zurück nach Paris zu gehen. Einen festen Zeitpunkt dafür gibt es allerdings noch nicht, denn noch fühlt die Französin sich in Berlin pudelwohl und zu Hause. Einmal im Monat fliegt sie nach Paris - nicht nur, um Familie und Freunde zu sehen, sondern auch, um sich ein "Stückchen Paris" mit nach Deutschland zu bringen, das ihr in Berlin definitiv fehlt: das französische Essen. Mit Foie Gras oder einem guten Quiche-Teig im Gepäck kommt Cécile Calla dann aber immer wieder gern zurück nach Berlin.