Heiligabend 1945: Fest des Friedens

Fast 60 Jahre ist es her, daß sich diese Geschichte zutrug, aber im Gedächtnis von Lothar de Maizière ist Weihnachten 1945 fest verankert. Zum einen, weil es für den damals kleinen Jungen das erste friedvolle Christfest seines Leben war und ihn das zum ersten Mal gehörte Weihnachtsoratorium tief beeindruckte. Zum anderen, weil er sich Heiligabend die Zunge verbrannte, so daß er auf das Weihnachtsessen verzichten mußte. Aber der Reihe nach.

Um den nächtlichen Bombenangriffen auf Berlin zu entgehen, verläßt Christine de Maizière 1943 mit ihren Kindern Dorothee (damals 6), Lothar (3) und Sabine (2) die Wohnung in Berlin-Friedenau und zieht zu den Großeltern nach Nordhausen am Harz. Dort erlebt Lothar de Maizière im April 1945 die vollständige Zerstörung der hübschen Fachwerkstadt. Wenig später ist der Krieg endlich vorbei, aber mit dem Frieden ziehen auch Ungewißheit, Hunger und Angst ein. Auf die zunächst amerikanische Besatzung folgt im Sommer die russische. Tausende Flüchtlinge, darunter auch die befreiten Häftlinge des berüchtigten Zweiglagers Dora, das zum KZ Buchenwald gehörte, strömen durch die Stadt.

Der fünf Jahre alte Lothar beobachtet das Geschehen aufmerksam: "Ich erinnere das überwältigende Gefühl bei den Erwachsenen, gerade noch davongekommen zu sein." Aber wie soll es jetzt weitergehen? In dieser Zeit der Unsicherheit will Kirchenmusikdirektor Riecks Hoffnung verbreiten. Er beschließt, das Weihnachtsoratorium aufzuführen, reaktiviert den "Frühschen Gesangsverein" und bekommt tatkräftige Unterstützung von Christine de Maizière und ihrem Vater Johannes Rathje. "Das Harmonium meines Großvaters wurde in den Gemeindesaal gebracht, wo zweimal pro Woche geprobt wurde", erinnert sich der letzte DDR-Ministerpräsident, der heute als Jurist in Mitte arbeitet.

Die Mutter ("ein klarer Sopran") und der Großvater ("ein weniger schöner, dafür aber umso lauterer Baß") sind beide absolut blattsicher und die Stützen in ihren Stimmgruppen. Es bleibt allein ein Risiko: Gibt es eine Stromsperre, sitzen Orchester, Chor und Publikum plötzlich im Dunkeln? Die Musiker sammeln Kerzen und gießen aus Stumpen neue.

Lothar de Maizière weiß nicht mehr, wann das Licht damals erlosch, aber plötzlich ist es duster. Viele Kinder, darunter auch Lothar, bekommen eine Kerze in die Hand gedrückt und leuchten den Musikern. "Ich stand neben einem Geigenpult. Damit war ich auch ein Akteur und wichtig", erinnert er sich. Und irgendwie klingt das Weihnachtsoratorium plötzlich noch erhabener als zuvor.

Bleibt die Geschichte mit der Zunge. Am Heiligabend sitzt die Familie de Maizière beisammen. Beschert wird vor dem Essen. Die Kinder packen ihre Geschenke aus, die Mädchen bekommen kleine Metallbügeleisen, die auf dem Herd angewärmt werden müssen. "Ich hatte schon oft gesehen, daß meine Großmutter immer mit Spucke prüfte, ob es schon heiß genug war", erzählt Lothar de Maizière. Das will er auch probieren, kommt dem heißen Eisen dabei aber mit der Zunge zu nah. Mit Tränen vor Schmerzen und Wut in den Augen muß der Junge zusehen, wie der Rest der Familie beim Essen zulangt. Es gibt eine große Pferdezunge. Lothar de Maizière: "Das ißt heute ja kaum noch jemand. Aber es war mir damals kein Trost, als meine Mutter sagte, ich hätte nichts verpaßt."

Sylke Heun