Milchstraßennebel in Stein

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Ob wir Amerika denn alles nachmachen müssten, mäkelte ein Zeitungskolumnist in Berlin (Ost), als die Berliner Morgenpost meldete, dass die deutsche Hauptstadt einen "Walk of Fame" bekommen soll, einen Gehweg mit Erinnerungsplatten an einheimische Film- und Fernsehgrößen, wie auf dem Hollywood Boulevard in Los Angeles.

Bei der offiziellen Bekanntgabe im Berliner Filmmuseum fiel das "WoF"-Unwort gestern nur ein einziges Mal. Am Potsdamer Platz wird es ab nächstem Jahr einen "Boulevard der Stars" geben, aber keinen so beliebigen wie am Pazifik. Unter den 2130 Sternen dort finden sich viele Unbekannte, und der singende Cowboy Gene Autry hat es gar auf fünf (!) Sterne gebracht, weil er in allen Kategorien (Kino, Fernsehen, Radio, Theater, Schallplatte) geehrt wurde - aber Robert Redford, Mel Gibson, Jane Fonda und Clint Eastwood sucht man vergeblich.

Das mag damit zu tun haben, dass die Sterne von der Hollywooder Handelskammer vergeben werden, bei der Verdienste und Sachkenntnis offenbar weniger zählen als die Bereitschaft, für die Einweihungszeremonie 15 000 Dollar auf den Tisch zu legen. Jeder kann eine Nominierung anmelden, und jeweils im Juni entscheidet ein Komitee über Dutzende der Sterne.

Hier zu Lande wird das ein Gremium der Kinemathek besorgen; die ersten zwölf Namen sind schon ausgesucht: Fritz Lang, Marlene Dietrich, Billy Wilder, Artur Brauner, Hildegard Knef, Hanna Schygulla, Rainer Werner Fassbinder, Armin Mueller-Stahl, Michael Ballhaus, Wolfgang Petersen, Thomas Gottschalk - und Max Skladanowsky, der 1895 die ersten Filme in Deutschland im Berliner "Wintergarten"-Varieté vorführte. Jedes Jahr sollen sechs weitere dazukommen, rund um den Potsdamer Platz dürfte Platz für 500 Platten sein.

Initiator Gero Gandert von den Freunden der Kinemathek kündigte an, man wolle bei der Auswahl "populär, aber nicht populistisch" verfahren. Er wünschte sich ein "nachdenkliches Flanieren" über den Boulevard, auf dem die "dunklen Seiten der deutschen Geschichte nicht zugedeckt werden" sollen. Gandert erinnerte an den Schauspieler und Regisseur Kurt Gerron, den Zauberer im "Blauen Engel", der von den Nationalsozialisten nicht nur ins KZ gesteckt wurde, sondern dort den Propagandafilm "Der Führer schenkt den Juden eine Stadt" drehen musste, in dem KZ-Häftlinge Kuchen essen und Fußball spielen. Kurz nach Abschluss des Films wurde Gerron in Auschwitz umgebracht. Auch Vergessene wie Gerron, so Gandert, verdienten einen Platz am "Boulevard der Stars".

Aus dem Gestaltungswettbewerb ist die Britin Zaha Hadid als Siegerin hervorgegangen, die mit dem Pritzker-Preis gerade den "Nobelpreis für Architektur" erhielt. Ihr Entwurf ist kein Stern, sondern eine ovale Steinplatte, auf der wie in einem Milchstraßennebel viele kleine Lichter um den Namen des Geehrten herum funkeln. Das Ganze sieht elegant und geheimnisvoll aus; bei der Vorstellung gestern vermochte keiner zu ergründen, woher das Funkeln nun rührt, von kleinen Lämpchen, Lichtreflexion oder natürlicher Lumineszenz. Aber so ist die Ausstrahlung von Stars eben: letztlich unerklärlich.