Medizin

Charité droht Defizit von 57 Millionen Euro

Der Berliner Universitätsklinik Charité steht ein sehr schwieriges Jahr 2009 bevor. Wie jetzt bekannt wurde, hat der Finanzausschuss der Charité dem Aufsichtsrat der Klinik Ende November brisante Zahlen vorgelegt.

Demnach wird die Klinik im Jahr 2008 voraussichtlich mit einem Defizit von etwa 57 Millionen Euro abschließen. Noch düsterer sehen die Prognosen laut diesem Papier für das Jahr 2009 aus. Dann droht der Charité ein Minus von 68,2 Millionen Euro. In der pikanten Unterlage stehen noch mehr schlechte Nachrichten. So habe es der frühere Charité-Vorstand offenbar versäumt, ausreichend Rücklagen zu bilden. Auch finanzielle Reserven, die die Charité hatte, sollen aufgebraucht sein. Es heißt, die Charité habe rund 26 Millionen Euro Landesmittel, die als Investition für medizinische Großgeräte geflossen waren, in die laufende Finanzierung (Liquidität) gesteckt, also zweckentfremdet.

Auch mit den Projekten, die die Charité aufgelegt hatte, um Erlöse zu generieren, seien keine großen Erfolge erzielt worden. Statt der erwarteten 55 Millionen Euro werde die Charité nur 25 Millionen Euro einnehmen. Der geplante Personalabbau gelinge nicht, heißt es weiter.

Erfolgsdruck lastet auf Charité-Chef

Zu den brisanten Finanzdaten sagte Charité-Sprecherin Claudia Peter: "Der Jahresabschluss 2008 liegt noch nicht vor. Es gibt noch offene Fragen, die erst in den nächsten Monaten geklärt werden müssen. So lange werden wir keine Zahlen bestätigen." Liegen die Finanzdaten vor, werde erst der Aufsichtsrat der Charité informiert und dann die Öffentlichkeit, so Peter.

Durch die schlechte Finanzlage wächst der Erfolgsdruck auf den seit September 2008 amtierenden Charité-Vorstandschef Professor Karl Max Einhäupl. Die rot-rote Landesregierung wünscht, dass die Charité und der landeseigene Klinikkonzern Vivantes enger kooperieren sollen. Das Ziel: Sparen. Die beiden Klinikunternehmen haben 21 Arbeitsgruppen gebildet, die nun ausloten, wo durch Zusammenarbeit gespart werden kann.

Ein Pilotprojekt könnte die Labormedizin werden. Wie eine Bombe schlug bei Vivantes die Nachricht ein, als Charité-Chef Karl Max Einhäupl kürzlich verkündete, dass die Labormedizin von Charité und Vivantes zusammenarbeiten könnten. Nachholbedarf hat in dem Medizin-Bereich vor allem die Charité, denn die Uniklinik hat insgesamt fünf Standorte für die Labormedizin: Die Bakteriologie sitzt in Dahlem, die Virologie in Mitte, die klinische Chemie in Wedding, die Pathologie in Steglitz und in Mitte und die Rechtsmedizin in Moabit. Dagegen hat Vivantes seine Labormedizin bereits im Wesentlichen auf einen Standort im Klinikum Neukölln konzentriert.

Ohnehin hat Vivantes schon viele der Hausaufgaben gemacht, die der Charité noch bevorstehen. Der landeseigene Klinikkonzern Vivantes hat seinen Haushalt weitgehend saniert. Die Prognose für den Jahresabschluss 2008 beträgt plus zwei Millionen Euro. Das legt zumindest der dritte Quartalsbericht 2008 von Vivantes nahe. Geschafft hat der Konzern das positive Ergebnis, indem Mitarbeiter seit Jahren anteilig auf Lohn verzichten. Personal wurde - ohne betriebsbedingte Kündigungen - abgebaut. Bereiche wurden zentralisiert, medizinisch wurden Schwerpunkte gesetzt. Unnötige Flächen und Gebäude wurden veräußert. Die Unternehmensberater McKinsey haben bei vielen Prozessen assistiert. Auch jetzt helfen die Berater wieder und eruieren Sparpotenzial in der Verwaltung.

Angesichts der großen Charité-Probleme sorgen sich nun viele Vivantes-Beschäftigte, dass sie auch noch die Sanierung der Uni-Medizin schultern sollen. Das Projekt Labormedizin wird zeigen, welche Probleme und welche Chancen diese Zusammenarbeit birgt. Welche Rechtsform wird für diese Partnerschaft gewählt? Inwieweit werden die universitären Aufgaben Forschung und Lehre berücksichtigt? Oder wird das Labor ein reiner Dienstleistungsbetrieb ohne universitären Anspruch? Und wer wird Leiter der Labormedizin: ein Universitätsprofessor oder ein Chefarzt? Wie viel wird durch diese Zusammenarbeit gespart?

Die Kooperation bei der Labormedizin wird so etwas wie der Lackmustest für die vom rot-roten Senat gewünschte Kooperation der beiden Klinikriesen. Gelingt hier die Partnerschaft, werden weitere Modelle realistisch, etwa eine Zusammenarbeit beim Einkauf des medizinischen Bedarfs wie Verbandsmaterial, Medikamente und künstliche Gelenke.

Neue Klinik im Südwesten

Ein heißes Eisen ist die Frage ob es eine Fusion der Klinikstandorte geben wird. Vivantes verfügt über neun Kliniken, die auf Berlin verteilt sind, wobei der Standort Prenzlauer Berg als stationäre Einrichtung aufgegeben wird. Die Charité hat vier Campi in Mitte, Wedding, Steglitz und Buch.

Diskutiert wird die Aufgabe der beiden Vivantes-Kliniken Auguste Viktoria in Schöneberg und Wenckebach in Tempelhof sowie die Aufgabe des Steglitzer Charité-Klinikums Benjamin Franklin. Dafür könnte ein neues Krankenhaus "Südwest" gebaut werden, vermutlich unter der Regie von Vivantes. Befürworter betonen, keine Universitätsklinik brauche vier Standorte. Die reine Krankenversorgung müsse nicht unter der Regie der Hochschulmedizin stattfinden. Zudem sei das betagte Klinikum Benjamin Franklin dringend sanierungsbedürftig.

Andererseits ist der Steglitzer Standort der Charité politisch ein ganz heißes Eisen. Der rot-rote Senat hatte schon einmal in seiner Koalitionsvereinbarung im Januar 2002 festgeschrieben, dem damals noch solitären Uni-Klinikum Benjamin Franklin (UKBF) der Freien Universität (FU) den universitären Status aberkennen zu wollen. Ein Sturm der Entrüstung ging durch die Stadt. Der Senat ließ seine Pläne fallen, aber der Sparbetrag blieb. Nun ist der Landeszuschuss für die Uni-Medizin um rund 100 Millionen Euro geringer ausgefallen - und die Aufgaben werden immer anspruchsvoller.