Keine Arbeit für Ingenieure

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Daniel Freudenreich

Schwere Zeiten für Berliner Ingenieure. Während Betriebe in Süd- und Westdeutschland Hände ringend nach Fachleuten suchen, haben diese in der Hauptstadt kaum eine Chance, auf eine Anstellung. 9159 Ingenieure waren im Juni bei der Bundesagentur für Arbeit erwerbslos gemeldet - 307 offene Stellen gab es. In der Regel bleibt den Betroffenen nur das Abwandern in die Industrieregionen oder ins Ausland.

Besonders schlecht sieht es in Berlin für Bauingenieure aus. 1222 Arbeitssuchenden standen im vergangenen Monat 14 freie Plätze gegenüber, 1531 beschäftigungslosen Architekten fünf Offerten. 602 gelernte Maschinenbauer hingegen konnten "immerhin" 52 Bewerbungen verschicken.

"Im Gegensatz zu früher, als Berlin ein Zentrum des Maschinenbaus war, fehlt es heute an Betrieben", klagt Siegfried Brandt, Vorsitzender der Berliner Landesvertretung des Verbandes Deutscher Ingenieure (VDI). Die wenigen großen Firmen suchten angesichts der wirtschaftlichen Lage allenfalls verhalten nach Ingenieuren. "Wir stellen nur vereinzelt ein", sagt Siemens-Sprecherin Ilona Thede. Sechs Ingenieure habe der Konzern kürzlich für das Gasturbinenwerk gesucht, doch das sei nicht die große Menge. Das Motorrad-Werk von BMW meldet ebenfalls keinen Personalbedarf an.

Der VDI spricht inzwischen von einem "dramatischen Zustand" für Ingenieure auf dem Berliner Arbeitsmarkt. Für über 50-Jährige sieht Brandt nur noch eine sehr geringe Aussicht auf Festanstellung. Die Jüngeren müssten und würden in der Regel in Richtung Stuttgart, München und Frankfurt am Main abwandern. "Dort werden 20 000 Ingenieure pro Jahr gesucht", so Verbandsexperte Brandt. Daher raten VDI und die Berliner Arbeitsagentur, "die eigene Mobilität zu überprüfen", also sich nicht nur auf Berlin zu konzentrieren.

Auch die Hochschulen der Hauptstadt reagieren auf die Arbeitsmarktlage und predigen den künftigen Ingenieuren Flexibilität als A und O auf dem Weg in die Arbeitswelt. "Auch wenn es hart ist - wir müssen die Studierenden darauf einstellen, dass sie hier wahrscheinlich keine Stelle finden", sagt die Vize-Präsidentin für Studium und Lehre an der Technischen Universität, Burghilde Wienecke. TU-Dozentin Inga-Lena Darkow formuliert es deutlicher: "Die Studenten wissen von Anfang an, dass sie nur zum Studium in Berlin sind und danach gehen müssen." Darkow sieht darin keinen Mangel, sondern die Konsequenz aus den örtlichen Gegebenheiten: "Berlin ist eben ein Wissenschaftsstandort und bildet für andere Regionen aus." Doch Flexibilität ist nicht allheilbringend. Praktika, fließendes Englisch und Auslandsaufenthalte sind für die Studierenden ebenfalls obligatorisch.

Andrea Grötschel (24) hingegen hat Glück gehabt: Sie hat Wirtschaftsingenieurwesen mit Schwerpunkt Logistik an der TU studiert. "Ich habe vor einem halben Jahr bei einer Unternehmensberatung in Berlin angefangen. Doch ich hätte kein Problem damit gehabt, in einer anderen Stadt zu arbeiten. Während der Woche bin ich sowieso unterwegs. Flexibel sollte man schon während des Studiums sein und im Beruf umso mehr."

Banu Basdere (24) studiert Wirtschaftsingenieurwesen mit Schwerpunkt Informations- und Kommunikationssysteme im 9. Semester an der TU: "Es wäre schlimm, wenn ich nach Ende des Studiums nicht in Berlin arbeiten könnte. Aber ich gehe davon aus, dass ich flexibel sein muss. Daher halte ich Auslandsaufenthalte für sehr wichtig. Ich habe an der Berkeley-Universität in Kalifornien studiert, ein Praktikum bei einer Baufirma in Izmir absolviert und möchte meine Abschlussarbeit ebenfalls im Ausland machen."

Mit einer verbesserten Lage rechnet man bei der Bundesagentur nicht. "Für Maschinenbau und Elektrotechnik fehlt das Potenzial", sagt Sprecher Olaf Möller. Außerdem sei das Ingenieurswesen sehr stark konjunkturabhängig. "Damit sich grundlegend etwas ändert, müsste schon ein richtiger Wachstumsschub kommen", so Möller.