Flughafen Tegel

Gefahr im Anflug

Fachleute vermuten, dass der Senat das brisante Gutachten zur Munitionsbelastung des Flughafen Tegels vom Oktober 2005 bisher unter Verschluss hielt, um die Schließung des Flughafens Tempelhof nicht zu gefährden. Denn es liegt auf der Hand, sollten die Landebahnen in Tegel saniert werden, fehlt Runway-Kapazität, die Tempelhof bieten würde. Überdies würde die Stilllegung einer Bahn in Tegel zu Gewinneinbrüchen bei der Flughafengesellschaft führen, die letztlich auch die ohnehin schwierige Finanzierung des neuen Hauptstadtflughafens BBI in Schönefeld gefährden könnten.

Die Sanierung einer Bahn bei kompletter Stilllegung würde nach Ansicht von Experten mindestens vier Wochen dauern. Allerdings besteht auch die Möglichkeit, die 3000 beziehungsweise 2400 Meter langen Start- und Landebahnen in der Nachtzeit, wenn zwischen 23 und 5 Uhr Flugverbot besteht, schrittweise zu sanieren. Das aber wäre nach Ansicht von Experten "gigantisch teuer" und würde Monate bis Jahre dauern. Im Gespräch sind zweistellige Millionensummen.

Es kann sehr teuer werden

Allerdings kann es auch sehr teuer werden, wenn der Ernstfall eintritt. Denn laut Gutachten besteht für die Eigentümer der Berliner Flughafengesellschaft und die Eigentümer der Flughafengrundstücke ein "besonders hohes wirtschaftliches Risiko, da die möglichen Schäden aus Munitionsdetonationen kein Bestandteil der Versicherungsverträge sind".

Alexander Döring, Geschäftsführer des Ingenieurbüros Döring, das das Gutachten für die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung erstellte, wollte sich zu den Inhalten seines Gutachtens gestern nicht äußern und verwies auf die Senatsverwaltung und deren zuständige Abteilung 10.

Das Gutachten mit dem Titel "Testfeldbeprobung - Kampfmittelräumung auf dem Flughafen Berlin-Tegel - Gefährdungsabschätzung" umfasst knapp 70 Seiten. Von der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung hieß es gestern, dass das Gutachten zu dem Schluss komme, dass es keine unmittelbare Gefährdung des Flugbetriebes gebe, aber empfohlen werde, die Kampfmittelsuche fortzusetzen. "Dieser Empfehlung folgen wir und suchen zum einen auf den landeseigenen Flächen des Flughafens, zum anderen haben wir angeordnet, dass der Bund und die Flughafengesellschaft geplante Bauarbeiten anzeigen müssen und zur Kampfmittelsuche und -beräumung verpflichtet sind", sagte der Sprecher der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, Alexander Abel. Zu der Gefahrensituation auf und neben den Start- und Landebahnen sowie den Rollwegen machte Abel keine Angaben. Auch der Flughafen verwies gestern lediglich auf die Anweisung der Senatsverwaltung zur Anzeige von geplanten Bauarbeiten auf dem Flughafen. Nach Informationen der Berliner Morgenpost wurden allein beim Bau des neuen Terminals C in Tegel 7,5 Tonnen Munition geborgen.

"Wir kennen das Gutachten nicht"

Zu dem Gutachten wollte sich Flughafensprecher Ralf Kunkel gestern nicht äußern, "da wir das Gutachten nicht kennen". Dass das Gutachten eine gewisse Brisanz birgt, zeigt nicht nur der Fall des Siegerland-Flughafens in nordrhein-westfälischen Burbach. Dort explodierte am 28. September 2000 auf dem Rollfeld eine Bombe, wenige Minuten, nachdem eine Passagiermaschine an derselben Stelle gelandet war, und knapp 20 Stunden vor der beabsichtigten Landung eines Flugzeugs mit der niederländischen Königin Beatrix an Bord.

Auch die kürzlich von der Senatsverwaltung verfügten Auflagen für Erweiterungs- und Ausbesserungsarbeiten an den Rollwegen in Tegel beweisen, dass die Munition im Boden ernst zu nehmen ist. Damit auch so große Flugzeuge wie ein Airbus A 330, der zum Beispiel seit September Tegel mit Peking verbindet, um die Kurven der Rollbahnen kommt und nicht mit dem Fahrwerk in das belastete Erdreich fährt, sollen die Rollwege verbreitert werden.

Die Senatsverwaltung verfügte am 10. November dieses Jahres, dass jeweils vom Rand der Rollwege an eine Fläche von 25 Metern Breite auf Kampfmittel hin sondiert und beräumt werden muss.

Bislang war auf Anfragen des Bundestagsabgeordneten Markus Löning (FDP) zur Munitionsbelastung in Tegel sowohl beim Bund als auch beim Land Berlin stets bestätigt worden, dass es keine generelle Kampfmittelbefreiungsbescheinigung für den Flughafen gibt. "Das Vorhandensein von Kampfmitteln auf einzelnen bisher nicht beräumten Flächen" wurde vom Bundesfinanzministerium bestätigt.

Bund und Land sahen keine große Gefahr

Auf die Frage aber, wie die Bundesregierung die Gefahr einschätzt, dass mit der Zunahme des Flugverkehrs im Zuge des Flughafenausbaus die Wahrscheinlichkeit einer Explosion bisher nicht gefundener Munition steigt, erhielt der Abgeordnete vom Bund keine Antwort. Vonseiten der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung hieß es im August dieses Jahres, Gefahr bestehe nur bei Tiefbauarbeiten.

Im Oktober hatte sich Löning dann an den Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) gewandt und um eine Einschätzung der Gefährdungslage in Tegel gebeten, weil er die Situation als besorgniserregend einschätze. Wowereit antwortete dem Abgeordneten schriftlich, dass er dessen Einschätzung nicht teile. Das Land Berlin habe "bereits in der Vergangenheit alles unternommen, um Gefahren im Bereich des Flughafens weitestmöglich auszuschließen und werde dies auch in Zukunft tun", hieß es in Wowereits Schreiben. So sei der Flughafen im Auftrag des Bezirks Reinickendorf in den Jahren 1969 bis 1981 nach Kampfmitteln untersucht worden.

In unmittelbarer Nähe zu Rollbahnen und Taxiways sowie auf den von den französischen Streitkräften genutzten Flächen habe aus Sicherheitsgründen allerdings nicht gesucht werden können, so Wowereit. Vom besagten Gutachten war keine Rede.