Berlin, eine polnische Stadt

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Schon heute leben offiziell 30 000 Polen in der Hauptstadt. Damit stellen sie - nach den Türken - immerhin die zweitgrößte Gruppe von Ausländern in Berlin. Doch wer durch die Stadt läuft, entdeckt sie oft erst auf den zweiten Blick.

Türkische Supermärkte, griechische Restaurants oder Wladimir Kaminers Russendisko: Viele Länder und Kulturen sind in Berlin stetig und erkennbar präsent. Aber die zweitgrößte ausländische Gruppe in der deutschen Hauptstadt bleibt auf den ersten Blick nahezu unsichtbar: 30 000 Polen leben offiziell in Berlin, mit mehr Landsleuten (121 700) sind nur die Türken vertreten. Auf Platz drei folgen Bürger aus Ländern des ehemaligen Jugoslawien.

Damit ist Berlin - den Zahlen nach - schon jetzt eine ziemlich polnische Stadt. Polen leben in allen Bezirken, jeweils um die 4000 sind es etwa in Charlottenburg-Wilmersdorf, in Mitte, in Tempelhof-Schöneberg und in Neukölln. Und doch: Nach polnischen Lebensmittelhändlern, kulturellen Veranstaltungen oder Restaurants sucht man oft vergeblich.

"Russen zum Beispiel sind etwas viel Exotischeres für Berlin als wir Polen - und die Türken sind von ihrer Heimat so weit entfernt, dass sie eher das Bedürfnis verspüren, sich hier zusammenzuschließen, um die eigenen Traditionen zu wahren", vermutet die Direktorin des Polnischen Instituts in Berlin, Joanna Kiliszek. Aber sie hofft künftig auf eine stärkere Präsenz der Polen in Berlin. Dazu wolle das Institut verstärkt junge polnische Künstler in die deutsche Hauptstadt einladen.

Vorreiter einer jungen polnischen Szene in Berlin ist der "Club der polnischen Versager". Polnische Künstler betreiben den Treffpunkt an der Torstraße 66 in Mitte, wo sich zu Theateraufführungen, Ausstellungen oder einfach nur zum Quatschen junge Polen und auch Deutsche treffen.

Die "Deutsch-polnische Gesellschaft" pflegt den Kontakt zwischen Berlinern und Polen durch gemeinsame Reisen, Diskussionsabende und kulturelle Angebote. Und im unternehmerischen Bereich engagiert sich etwa der Unternehmerinnenverein "Nike" für deutsch-polnische Geschäftsbeziehungen beiderseits der Grenzen.

Aber eine sichtbare Präsenz wie viele andere ausländische Gruppen werden die Polen in Berlin auch in Zukunft nicht anstreben. Weil sie es gar nicht wollen, vermutet etwa die Studentin Urszula Wolek: "Polen ist so nah, dass man sich das Heimatgefühl dort abholen kann und es nicht erst in Berlin aufleben lassen muss. Außerdem sind wir den Deutschen doch in vielen Dingen sehr ähnlich", meint die 29-Jährige.

Joanna Kiliszek:

In Berlin ist ihr Arbeitsplatz. Aber zu Hause fühlt sie sich in Polen. "Was in Polen geschieht, berührt mich mehr als alles, was in Berlin los ist", sagt Joanna Kiliszek . Und als Direktorin des Polnischen Instituts ist es schließlich auch Aufgabe der 39-Jährigen, polnische Kultur nach Berlin zu holen. Kiliszek wechselte 1993 während des in Warschau begonnen Kunstgeschichte-Studiums nach Deutschland. Sie beendete das Studium in Berlin, leitete dann das Polnische Institut in Leipzig, bevor sie zurück in die deutsche Hauptstadt kam. Seit drei Jahren leitet sie das Berliner Institut und fühlt sich in Berlin sehr wohl: "Ich habe das Glück, zwischen beiden Ländern "pendeln' zu können. Und so empfinde ich Berlin als aufregend und als symbolisch für die Veränderungen, die Deutschland in den letzten Jahrzehnten durchgemacht hat."

Jacek Turkowski:

Eines Tages machte ich Urlaub in Berlin - und vergaß dann, nach Polen zurückzufahren." Jacek Turkowski ließ sein Leben als Lehrer in Polen vor 25 Jahren spontan hinter sich, wagte in Berlin einen Neuanfang. Inzwischen betreibt er seit zehn Jahren das polnische Restaurant "Chopin" in Wannsee. Der gebürtige Breslauer konnte seinen früheren Beruf wegen mangelnder deutscher Sprachkenntnisse in Berlin nicht weiter ausüben. "Aber diese große und offenherzige Stadt hat mich so fasziniert, dass ich es wagen wollte, neu anzufangen. Berlin und die Berliner machten es mir damals leicht, etwas Neues zu beginnen." Durch die EU-Erweiterung erhofft Turkowski sich für Berlin vor allem mehr junge polnische Kultur in der Stadt. Er selbst lässt in seinem dreistöckigen Restaurant die Nachbarkultur in Jazzkonzerten und Ausstellungen aufleben.

Urszula Wolek:

Seit einem Jahr besucht Urszula Wolek die Berliner Schule "Fotografie am Schiffbauerdamm". "Nach Abschluss meines Germanistikstudiums wollte ich noch etwas anderes lernen. In Polen wäre es völlig untypisch, nach einem abgeschlossenen Studium eine weitere Ausbildung zu beginnen. Aber in Berlin kann man das tun - und erfährt dabei, gerade im kreativen Bereich, viel Unterstützung", sagt die 29-Jährige. Ihr in Krakau begonnenes Studium sollte eigentlich nur für ein Auslandssemester nach Berlin führen: "Aber es gefiel mir so gut, dass ich nun seit 1998 hier bin." Welche Hoffnungen setzt sie in den EU-Beitritt? "Nicht zuletzt persönliche: Momentan kann ich nur in Berlin bleiben, solange ich die Fotoschule besuche. Aber was ist nach meinem Abschluss?" Sie würde gern "noch ein paar Jahre" in Deutschland bleiben.

Alina Winiarski:

Es ist nicht einfach, Krakau zu verlassen - diese wunderschöne Stadt", sagt Alina Winiarski . Die 39-Jährige bereut es dennoch nicht, vor fünf Jahren nach Berlin gezogen zu sein. "Mein Mann, ein Deutscher, hatte nur einen befristeten Arbeitsvertrag für die polnische Niederlassung seines Unternehmens und musste zurück." Das Einleben sei ihr dank ihres Mannes aber leicht gefallen. Und die Arbeit in der eigenen Firma, die polnische und deutsche Unternehmen berät, die sich jenseits der Grenze niederlassen, geht sie mit Elan an. Obwohl viele Aufträge wohl erst mit dem EU-Beitritt Polens in Schwung kommen werden. "Ich war nie pessimistisch. Als Polin weiß ich, was es heißt, in schwierigen wirtschaftlichen Verhältnissen zu leben. "Viele Berliner jammern längst über die schwierige Lage, wenn ich noch gar kein Problem sehe."

Margaritta-Margorzata Patron:

Ab und zu kommt das Heimweh", sagt Margaritta-Margorzata Patron (40). "Aber dann habe ich es ja nicht weit bis nach Hause nach Warschau." Als die heutige Stadtführerin und Seminarveranstalterin vor 17 Jahren nach Berlin kam, erlebte sie als Studentin der Theaterwissenschaften, Geschichte und slawischer Philologie "eine faszinierende Stadt, die ständig in Bewegung und sehr vielfältig ist". Was ihr auch heute noch an Berlin besonders gut gefällt und was sie polnischen Touristen besonders gern bei ihren Führungen zeigt? Das "neue Berlin" und Spuren aus der Wendezeit.

"Nach dem EU-Beitritt werden vielleicht noch mehr Polen herkommen und die, die schon hier sind, könnten an Selbstbewusstsein gewinnen", glaubt sie. Im Moment aber seien die polnischen Strukturen in Berlin kaum ausgeprägt - "anders als es früher einmal gewesen sein muss, etwa vor dem Zweiten Weltkrieg".