"Antisemitismus ist in einigen osteuropäischen Ländern ungebrochen"

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Der Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Salomon Korn, befürchtet mit der EU-Osterweiterung eine neue Welle des Antisemitismus. Der Leiter des Zentrums für Antisemitismusforschung an der TU, Wolfgang Benz, pflichtet ihm bei, denn Antisemitismus sei in Osteuropa salonfähig. Mit dem Direktor des Potsdamer Moses-Mendelssohn-Zentrums für europäisch-jüdische Studien und Ex-Vize-Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, Julius H. Schoeps, sprach Redakteurin Katrin Schoelkopf.

Berliner Morgenpost: Herr Schoeps, Salomon Korn befürchtet in Folge der EU-Osterweiterung eine neue Antisemitismuswelle, die sich in Europa ausbreiten könnte. Teilen Sie Korns Sorge?

Julius H. Schoeps: Ich teile Salomon Korns Sorge. In einigen der osteuropäischen Staaten können wir seit einigen Jahren ein Anwachsen des Antisemitismus beobachten. Nachdenklich stimmt, dass diese Entwicklung in den westeuropäischen Staaten kaum zur Kenntnis genommen wird. Die EU-Osterweiterung, für deren Sinn einiges spricht, hat Probleme im Gefolge, die bisher kaum thematisiert worden sind. Ob es eine von Osteuropa ausgehende Antisemitismuswelle geben wird? Ich weiß es nicht. Sollte das so sein, wäre es fatal.

Wie äußert sich der Antisemitismus in Osteuropa und welche Gefahr birgt er für ein demokratisches Europa?

Das antisemitische Vorurteil ist in einigen osteuropäischen Staaten noch ungebrochen vorhanden. Die Aufklärung, wie sie im Westen seit Jahren betrieben wird, findet dort nicht statt. Ich würde mir wünschen, dass diejenigen, die wortstark für die Osterweiterung der EU eingetreten sind, sich zu diesem Problem äußern. Bisher hat man nicht sehr viel hören können.

Ist zu befürchten, dass der osteuropäische Antisemitismus in Deutschland Tabus bricht und auch hier einem latenten Antisemitismus die Bahn bricht?

Diese Befürchtung habe ich nicht. In den westlichen Ländern ist zwar Antisemitismus offen und in Latenz vorhanden. Wir haben aber in den letzten Jahrzehnten gelernt, mit diesem Vorurteil umzugehen, was aber nicht heißt, dass die Bevölkerungen in den westlichen Ländern gefeit sind vor dem Antisemitismus.

Macht Ihnen dies Angst oder glauben Sie, die westlichen Länder können einer solchen Entwicklung Einhalt gebieten? Schließlich erstarken auch in westlichen Ländern antisemitische Tendenzen, deren Vertreter sich zum Beispiel des Nahost-Konflikts als Vehikel bedienen.

Eine befriedigende Antwort zu geben, ist nicht ganz leicht. Der Antisemitismus scheint mir eine kollektive Bewusstseinskrankheit zu sein. Ist einmal eine Bevölkerung infiziert, so wissen wir nicht, wie sich diese Krankheit auswirkt. Ich glaube zwar nicht, dass es in den westlichen Ländern in absehbarer Zeit zu Pogromen kommt, aber ausschließen kann man nichts.

Was ist konkret dagegen zu tun und wird dagegen genug getan?

Die EU muss Mittel zur Verfügung stellen, damit radikale Aufklärungsarbeit betrieben werden kann - in den Schulen, den Universitäten, aber auch in den Familien und an den Arbeitsplätzen. In einigen der osteuropäischen Staaten ist ein Nachholbedarf vorhanden.

Wie macht sich eine Zunahme des Antisemitismus, ob nun von muslimischer, rechtsextremer, linker oder christlicher Seite, im Alltag bemerkbar?

Die Zunahme des antisemitischen Vorurteils wirkt sich auf verschiedene Weise aus. Das können tätliche Übergriffe, aber auch Beschimpfungen sein. Briefe antisemitischen Inhalts haben in letzter Zeit stark zugenommen. Früher waren die Absender anonym, heute schreiben sie mit vollem Namen und vollständiger Adresse.