Erinnerungen an eine Welt von gestern

Ganz genau weiß Heide Nisblé nicht, wann sich die alte SPD aus ihrem Parteileben verabschiedet hat. Exakt kann niemand sagen, wann vieles nicht mehr so lief, wie es lange Zeit halt lief. Es war ein schleichender Prozess, gewiss, aber irgendwann stand Heide Nisblé eben nicht mehr in der Wohnungstür. Irgendwann gab es kein Klingeln und kein Treppensteigen. Kein Schwätzchen mehr und keine ambulante Lebenshilfe zwischen Tür und Angel. Und keine Marken zum Einkleben ins Parteibuch. Mitte der Achtziger Jahre wurde auch in Berlin peu à peu Schluss gemacht mit dem mühseligen Einkassieren der Mitgliedsbeiträge. Seitdem geht alles seinen bargeldlosen Gang.

Manchmal verbrachte Heide Nisblé fast eine geschlagene Stunde bei einer Parteifreundin, einem Parteifreund. Manchmal hörte sie Geschichte um Geschichte, die das Leben schrieb. Manchmal bekam sie ob angefallener Rückstände sonderliche Ausreden zu hören. Manchmal musste sie die Leute sanft dazu bewegen, auch mal bei einer Versammlung vorbeizuschauen. Oder die Tür blieb einfach verschlossen, und der Anmarsch war vergebens. Manchmal war es schön, manchmal nervig. Frau Nisblé war ein "Treppenterrier". Hoch und runter, Besuch um Besuch, immer im Dienste der Partei, zuständig für ein gutes Dutzend Mitglieder.

1976 ist die BfA-Angestellte in die SPD eingetreten, drei Jahre lang hat sie Beiträge eingetrieben. Sie wollte nicht nur passives Mitglied sein, sie wollte etwas tun in der Partei, "richtig mitmischen", wie sie sagt. 1982 wurde sie Vorsitzende der 13. Abteilung des Landesverbandes Berlin im Wedding. 220 Mitglieder waren dort vereint. "Gemütlich", sagt sie, sei es gewesen. Auch außerhalb der monatlichen Sitzungen habe man sich getroffen, mal im Garten, mal auf einer Tagesfahrt. Heute sind es keine 100 Mitglieder mehr in ihrem Ortsverband. Früher waren viele um die 60, heute sind viele um die 80. Und die Einnahmen sinken. So geht es nicht weiter. Darum macht die SPD nun Vorschläge, wie alles besser werden möge.

Von einer "schlankeren Organisation" ist in den "Vorschlägen zur Neustrukturierung der Berliner SPD" die Rede. Die Lage sei derart dramatisch, dass nun "kein weiteres Zögern" gestattet sei. Die "zu starke Innenorientierung" müsse einer verbesserten Kommunikation mit Bürgern, Zielgruppen, Multiplikatoren weichen. Alles soll effektiver werden, dynamischer, servicebetonter. Versammlungen "in der Kneipe um die Ecke" zum Beispiel, darauf sollen die Mitglieder sich nun langsam "einstellen", seien nicht in jedem Fall mehr opportun. Aus "Treppenterriern" sind Mitgliederbetreuer geworden.

Heide Nisblé will sich nicht in Opposition zur schönen neuen Parteiwelt von Landeschef Peter Strieder bringen lassen, aber die ihre ist das längst nicht mehr.

Heide Nisblé, heute 63 Jahre alt, hat der Sozialdemokratie viel Lebenszeit geopfert. "Kaum Freizeit" habe sie gehabt in all den Jahren. Über ein Vierteljahrhundert Parteiarbeit, vier Jahre Bezirksverordnetenversammlung, zehn Jahre Abgeordnetenhaus - natürlich kam die Familie dabei zu kurz. Die Nachmittage und Abende verlangten nach Anwesenheit. Geselligkeit war gefragt. "Man wollte keine großen politischen Probleme wälzen, man wollte einfach zusammen sein." Der SPD-Ortsverband damals: mehr ein Verein als eine schlagkräftige politische Organisation. Eine Welt von gestern.

"Mit Engelszungen", sagt Heide Nisblé, müsse heute auf die Mitglieder eingeredet werden, um sie zur Mitarbeit zu motivieren. Familie und Freizeit stehen höher im Kurs als politisches Engagement. Die eigene Tochter sagt: "Lass mich mit Politik in Ruhe!"

Die "Bindungsfähigkeit" der SPD schwindet (wie auch bei anderen Parteien und großen gesellschaftlichen Organisationen). Parteiarbeit gilt eher als lästig. "Professionalisierung" heißt daher eines der Zauberwörter aus den aktuellen Reformüberlegungen der Berliner SPD. Die Ressourcen sollen gebündelt, der Austausch soll auf allen Ebenen verbessert werden.

Die politische Zeit liegt hinter Heide Nisblé. Mit Busfahrt, Gartenfest und Treppensteigen. Und vielen Lebensgeschichten. Die alte SPD ist verblichen, irgendwann, irgendwie. Wie jener Bankdirektor, der als Letzter aus seiner Partei-Abteilung noch darauf bestanden hat, dass einmal im Jahr ein Abgesandter zu einem Hausbesuch erscheinen möge, dem er seinen Mitgliedsbeitrag persönlich überreichen konnte. Der brave Sozialdemokrat ist vor fünf Jahren gestorben.