Forschung

Berliner Helden der Wissenschaft

| Lesedauer: 7 Minuten
Birgit Haas

In den 60 Jahren seit der Gründung der Freien Universität (FU) haben Wissenschaftler aus den 21 Forschungsbereichen einiges geleistet: Die Ergebnisse ihrer Forschungen erleichtern und verbessern das Leben Vieler, bringen ständig neue Erkenntnisse.

Wir haben mit Forschern der FU gesprochen, die Sensationelles entdeckt oder entwickelt haben:

Forschung auf dem Mars

Dass etwa auf dem Mars keine grünen Männchen leben, beweisen Fotos, die mit einer Kamera aus dem Labor von Gerhard Neukum aufgenommen wurden. "Die Kamera sitzt an der Raumsonde 'Mars-Express', die seit Anfang des Jahres um den Mars kreist", sagt Neukum. Die Kamera hielt nicht nur den Belastungen des Raketenstarts am 3. Juni 2003 stand, sie kann im Weltraum mindestens drei Jahre lang überleben, ohne repariert werden zu müssen. In der Zeit schießt sie einzigartige Fotos von der Oberfläche des Mars und seinen Monden. "Wir haben bereits die Hälfte des Mars abgelichtet", so Neukum. Später sollen aus den Bildern Erkenntnisse über die Entstehung des Nachbarplaneten gewonnen werden und eine Art Landkarte angefertigt werden. Die Aufnahmen sind nicht nur aufgrund ihrer hohen Qualität einzigartig. Andere Projekte mit ähnlichem Ziel sind bisher immer gescheitert. Im kommenden Jahr wird die ESA die Mission des "Mars-Express" verlängern, deshalb planen Neukum und seine Mitarbeiter von Berlin aus heute schon die künftigen Aufnahmen.

Geschichtsunterricht à la Spielberg

Nach seinem Film "Schindlers Liste" begann Steven Spielberg, Zeitzeugen des Holocausts zu interviewen. Die daraus entstandenen 52 000 Videos bilden das größte visuelle Geschichts-Archiv über die Schrecken des Dritten Reichs. Nicolas Apostolopoulos von der FU machte diese internationale Datenbank 2005 Berliner Schülern ab der neunten Klasse auf Deutsch zugänglich. Außerdem erarbeitete er gemeinsam mit Lehrern pädagogische Konzepte, um mit den Schülern das Gesehene aufzuarbeiten. "Eine Auseinandersetzung, die von den Lehrern begleitet wird, ist bei diesen Überlieferungen unbedingt notwendig", sagt Apostolopoulos. Das Begleitmaterial zu den Videos ist von den Lehrern mit Hilfe eines an der FU entwickelten Programms über Internet abrufbar. "Nur für die großen Videodateien ist das Internet noch zu langsam", meint der Informatiker. Bis dahin könnten die Schulklassen die Interviews in einem Computerraum an der FU anschauen, der im Oktober eingerichtet wurde.

Alzheimer frühzeitig erkennen

Am Institut für Chemie und Biochemie der FU haben Gerd Mulhaupt und seine Mitarbeiterin Lisa-Marie Mütner ein Molekül im Körper des Menschen entdeckt, anhand dessen sich Alzheimer frühzeitig erkennen lässt. "So können wir Alzheimer vor Auftreten der ersten Symptome diagnostizieren", sagt Hans-Markus Wenzel vom Fachbereich Chemie und Biochemie. Momentan kann Alzheimer erst in einem Stadium festgestellt werden, in dem das Gehirn oft schon massiv geschädigt ist. "Deshalb wird die Möglichkeit der frühzeitigen Diagnose ein völlig neues Forschungsfeld eröffnen. Auf der Erkenntnis aufbauend können neue Therapieformen entwickelt werden." Mit einem In-vitro-Verfahren lassen sich die Moleküle erkennen. In vier bis sechs Jahren soll das Verfahren in der Praxis angewandt werden und den 100 000 jährlich in Deutschland an Alzheimer erkrankenden Menschen helfen.

Roboter auf dem Fußballplatz

Die "FUmanoids" sind Roboter, die auf zwei Beinen laufen können, zwei Arme haben und eine Videokamera am Kopf tragen. Sie ähneln Menschen. "Außerdem spielen sie Fußball und sind mehrfach bei den Weltmeisterschaften aufgetreten", sagt der Informatiker Raul Rojas vom Institut für Mathematik und Computer. Die Steuerung der menschenähnlichen Roboter ist viel schwieriger als die Steuerung von Robotern auf Rädern. Laufen zweibeinige Roboter, müssen sie wie Menschen die Balance halten, Zusammenstöße verhindern und darauf achten, dass sie nicht stolpern. "Deshalb berechnen sie mehrmals pro Sekunde ihre Körperstellung und reagieren flexibel auf neue Situationen", so Rojas. Die Roboter müssen sich mit Hilfe einer Videokamera im Feld orientieren, den Ball finden und mit den mechanischen Füßen ins Tor schießen.

Das Auto der Zukunft entsteht an der FU

Das Auto der Zukunft entsteht derzeit an der FU: Es wird vollständig von Computern gesteuert, die Informationen aus Navigationsgeräten, Sensoren und Videokameras zusammenfassen. "Der Mensch muss nicht lenken, kann aber im Notfall sofort eingreifen", erklärt der Entwickler Raul Rojas. Im Innern des Fahrzeugs, das Rojas "Spirit of Berlin" genannt hat, haben sechs Personen Platz. Das Roboter-Fahrzeug soll künftig im Wach- und Objektschutz eingesetzt werden. Mit einer Höchstgeschwindigkeit von 60 Stundenkilometern kommt das Auto auch sicher durch den Verkehr - theoretisch. "Es wird allerdings aus rechtlichen und technischen Gründen noch etwa 20 Jahre dauern, bis es im Straßenverkehr eingesetzt werden kann", so Rojas. Zunächst soll das Auto so ausgestattet werden, dass es vor roten Ampeln warnen kann und Verkehrsschilder erkennt.

Die FU in Peru

Renate Patzschke, Archäologin an der FU, hat in Peru Bauwerke entdeckt, die etwa im vierten Jahrhundert vor Christi gebaut wurden - die Lehmbauten gehören zu den ältesten weltweit. "Wir wissen nichts über die Menschen, die die Lehmhütten gebaut haben", sagt Patzschke. Die darüber liegenden Gebäude, die etwa 1800 bis 1200 Jahre vor Christi errichtet wurden, weisen allerdings darauf hin, dass der Ort im Camas-Tal, nahe der Nordküste Perus, für Zeremonien genutzt wurde. "Ich vermute, dass es sich um Fruchbarkeitsriten für die Landwirtschaft und Ahnenkulte gehandelt hat", sagt Patzschke. Die verschiedenen, übereinander liegenden Gebäude seien auf einen Wechsel im Glauben zurückzuführen - jede Periode hat ihren eigenen architektonischen Stil. Patzschke hatte die Stätte bereits 1992 entdeckt: "Damals war dort nur ein gigantischer Steinhaufen von 190 Metern Länge und 25 Metern Höhe, darin habe ich Treppen entdeckt." 2000 hat sie, nach ihrem Studium an der FU, mit den Grabungen begonnen. "Dort stand früher ein monumentales Bauwerk, es reizte mich, dies zu erkunden."

Rettung für Feuerwehr

Informatiker der Freien Universität retten die Berliner Feuerwehr. "Es kommt häufiger vor, dass Feuerwehrmänner sich verletzen, aber wegen starker Rauchentwicklung von ihren Kollegen nicht schnell genug gefunden werden können", sagt Michael Baar, Informatiker. Er und sein Team entwickelt nun ein neues Sicherheitssystem, mit dem sich die Einsatzkräfte via Funk orten können. "Der Prototyp ist schon gebaut, ab 2010 soll das Gerät der Berliner Feuerwehr bei ihren etwa 8000 Einsätzen pro Jahr helfen."

Wie Fruchtfliegen lernen

Wissenschaftler der FU haben entdeckt, wie die Gene das Lernen beeinflussen. Die Forscher brachten Fruchtfliegen im Labor bei, Hitze auszuweichen. "Unsere Untersuchungen haben gezeigt, dass Lern-Gene beim Erlernen von Verhalten keine Rolle spielen, wie bisher angenommen", so der Neurobiologe Björn Brembs. Die Forscher fanden während der Experimente zudem ein Enzym, das möglicherweise die Entstehung einer Sucht bei Menschen verhindern kann.