"Ich hätte da gern mal eine Frage"

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Michael Mielke

Foto: M. Lengemann

Bastian Sick kommt zu spät. Ein paar Minuten nur. Vielleicht ist das ja auch schon Teil seines Programms.

Bastian Sick kommt zu spät. Ein paar Minuten nur. Vielleicht ist das ja auch schon Teil seines Programms. Er sei mit der Bahn gekommen, sagt Deutschlands bekanntester Sprachexperte - und hat die ersten Lacher in der Ullstein-Halle des Verlagshauses Axel Springer auf seiner Seite. Und sofort ist auch der Bogen gespannt zu Sicks vergnüglichen Sprach-Erlebnissen auf den Bahnsteigen dieses Landes: "Der ICE aus Dortmund trifft in der Ankunft vermutlich später ein." Diese Formulierung habe er in seinen "aktiven Wortschatz" aufgenommen. "Wenn ich das nächste Mal gefragt werde, wann mit meinem Erscheinen zum Essen zu rechnen sei, werde ich erwidern: Ich schätze mal, ich werde pünktlich in der Ankunft eintreffen."

Spätestens jetzt ist die letzte Barriere überwunden und die Verbindung zwischen dem anfangs sympathisch nervösen Dozenten und dem erwartungsvollen Publikum hergestellt. Die Begeisterung steigert sich noch, als Sick weitere Bahn-Erlebnisse zum Besten gibt. Diesen von allen schon gehörten Satz etwa: "Bitte alle aussteigen, dieser Zug endet hier." Sick: "Eine Mutter, die ihre Kinder mit dem Auto zur Schule bringt, käme wohl kaum auf die Idee zu sagen: So, liebe Kinder, jetzt bitte aussteigen, dieses Auto endet hier." Oder jene Ansage, die er als Gast in einem ICE verdutzt zur Kenntnis genommen habe: "Meine Damen und Herren, soeben ist unsere ofenfrische Brezelverkäuferin zugestiegen."

Bestsellerautor und Entertainer

Mehr als 3000 Morgenpost-Abonnenten meldeten sich für diesen bisherigen Höhepunkt der Leserakademie der Berliner Morgenpost. 600 wurden ausgelost und fühlten sich, das war schon vor Beginn der Veranstaltung aus Gesprächen herauszuhören, wirklich wie Gewinner. Sick ist Kult. Seine Bücher ("Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod", drei Bände) wurden schon mehr als drei Millionen Mal verkauft. Auch seine letzte Veröffentlichung, "Happy Aua. Ein Bilderbuch aus dem Irrgarten der deutschen Sprache", ist in verschiedenen Bestsellerlisten vorn und wird wohl ähnlich erfolgreich werden. Aber der ehemalige Student der Romanistik und Geschichtswissenschaften, der vor seiner großen Karriere "bei ,Spiegel online" als Schlussredakteur Fehler herauskratzte", ist ja nicht nur erfolgreicher Autor. Der 42-Jährige ist auch ein mindestens genauso begabter Alleinunterhalter. Er selbst nennt sich "Sprach-Entertainer". Entsprechend hoch ist sein eigener Anspruch. Da sitzt jede Pointe. Da werden Mimik, Gestik und Pausen effektvoll eingesetzt. Da gibt es, wenn Belehrungen Zuschauer zu verängstigen oder gar zu verstimmen drohen, immer auch ein entwaffnendes, breites Lächeln.

Sicks Stoff sind die Fehler der anderen. Lustige Fehler, oft gehörte und überhörte Fehler - bissig, ironisch, manchmal auch schadenfroh ausgewertet und kommentiert. Bei Bedarf auch mit verschiedensten Dialekten, die Sick, mal abgesehen vom Sächsischen, stimmig nachmachen kann.

Besonders nachhaltig wirkt das bei der vom Volksmund gern gewählten doppelten Verneinung. Die Bayern, sagt Sick, seien dabei regelrechte Weltmeister. Ein Leser habe ihm von einer Unterhaltung mit einem alten bayerischen Bergbauern erzählt, der über die große Armut berichtet habe, in der er aufgewachsen sei. Das habe dieser Bauer "dann gleich mit einer fünffachen Verneinung" zu beschreiben versucht: "Koana hod nia ned koa Geld ned g'habt." Sick: "Da war also definitiv nichts zu holen."

Ähnlich skurril war ein Text auf einem Zettel, mit dem der Inhaber eines Imbissstandes allzu beharrliche Leergutsammler abzuwimmeln versuchte: "Keine Annahme von Leergut zu keiner Zeit". Eigentlich die Negation der Negation, wissen auch die Zuschauer. "Aber einmal ist keinmal", resümiert Sick spöttisch. "Und wenn einmal keinmal ist, dann muss kein einziges Mal mindestens zweimal keinmal sein, um als einmal keinmal wahrgenommen zu werden." Sonst werde man am Ende nicht richtig verstanden: "Von keinem, von niemanden nicht."

"Dem Landesvater sein treues Volk"

Zu Sicks Lieblingsthemen gehört der "Todeskampf des Genitivs". Im gesprochenen Deutsch werde dieser gern umgangen: "Deshalb heißt es ja auch Umgangssprache." Als er zum ersten Mal darüber schrieb, erinnert sich Sick, habe er lediglich den Rückgang des Genitivs beklagt. Und er habe nicht im Geringsten geahnt, "dass es nur die Spitze des Eisbergs war". Erst nach den vielen Zuschriften, die er nach Erscheinen seines ersten Buches erhalten habe, "dämmert es schließlich, dass ich, indem ich an der Spitze des Eisbergs gekratzt hatte, auf etwas sehr viel Härteres gestoßen war: nämlich auf dem Eisberg seine Spitze". Käme doch Genitiv in den meisten Dialekten gar nicht mehr vor und sei "dem Dativ seine fette Beute geworden". Auch Hannover, eine Stadt, in der angeblich das beste Deutsch gesprochen werde, sei davon nicht verschont. "Vor dem Hauptbahnhof findet man einen Dativ in den Stein gemeißelt, der es in sich hat." Gemeint ist das Reiterdenkmal, das Ernst August von Hannover zeigt. Sick: "Nicht den mit dem Regenschirm und dem befeuchteten türkischen Pavillon, sondern den einstigen König." In den Sockel dieses Reiterdenkmals seien folgende Worte eingemeißelt: "Dem Landesvater sein treues Volk." Sick, sarkastisch: "Das ist doch, zugegeben, etwas missverständlich."

Sicks Stoff für Bücher und Programme sind Werbetexte, Zeitungsartikel, mitgehörte Gespräche, Speisekarten, E-Mails. Fast überall bieten sich Ansatzpunkte. Fast ausnahmslos unfreiwillig geliefert. Und darin liegt ja zumeist auch die Komik. Wenn eben der Ex-Fußballprofi Andreas Müller sagt: "Speziell in der zweiten Halbzeit hatten wir einen guten Tag erwischt." Oder wenn sein gern intellektuell wirkender Fußball-Kollege Paul Breitner stolz vorträgt: "Vor dem Elfmeterschießen hatten alle die Hose voll, nur bei mir lief es flüssig."

Steilvorlage eines Lesers

Auch ein Morgenpost-Leser liefert versehentlich eine Steilvorlage: "Ich hätte da gerne mal eine Frage", sagt er aufgeregt. Sick muss nicht reagieren und etwa klären, ob der Gast eine große oder kleine Frage haben wolle und was er dafür denn ausgeben wolle. Seine Mimik reicht, um beim fachkundigen Publikum dröhnendes Gelächter auszulösen. Und der Fragesteller lacht dann einfach mit.

Ähnlich geht es einer Leserin, die ein eigentlich sehr geläufiges sprachliches Problem zu schildern versucht: "Fahre ich an Weihnachten oder zu Weihnachten zu meinen Kindern?", fragt sie. "Das müssen Sie doch selber wissen", pariert Sick; gibt dann aber den Tipp, nachdem das Lachen im Saal verebbt ist, das Verhältniswort wegzulassen. "Sagen Sie doch einfach: Ich fahre Weihnachten zu meinen Kindern."

Die abhängig vom jeweiligen Landstrich sehr willkürlich gewählten Präpositionen sind für Sick auch sonst ein dankbares Thema. Er erzählt den Witz von dem Türken und dem Opel-Manta-Fahrer: Letzterer bremst neben dem Türken und fragt: "Wo geht es denn hier nach Aldi?" "Zu Aldi", verbessert der Türke. Der Manta-Fahrer guckt verdutzt: "Watt denn, hat der jetzt schon geschlossen?" In anderen Gegenden, sagt Sick im Ruhrpott-Slang, "geht man nicht zu oder nach, sondern bei Aldi". Manch einer gehe sogar "nach dem Aldi hin".

Hoppla, da kommt ein Rollbrettfahrer

Eine sehr nachdrücklich wirkende Leserin lenkt das Gespräch auf die immer zahlreicher werdenden Anglizismen: "Müssten diese Worte nicht verbannt werden? Was habe Sie dazu für eine Einstellung?", fragt sie Sick. Der ist bekannt dafür, dass er schon aus Prinzip seinen Laptop lieber Klapprechner nennt. Doch es folgt nicht der vielleicht erwartete Rundumschlag. "Ich bin nicht dafür, dass man etwas verbannt oder verbietet", sagt er. Für überflüssig halte er Sprachschöpfungen wie Service-Point - "früher hieß es schlicht Auskunft". Andere Worte indes seien kaum noch zu ersetzen: "Wenn ich einen Skateboard-Fahrer sehe, denke ich ja nicht: Hoppla, da kommt ja ein Rollbrettfahrer."

Die Leserin scheint nicht ganz zufrieden, wird aber lachend überstimmt. Fast jeder im Saal wird gemerkt haben, dass er bei aller Kritik auch selbst angreifbar ist. Denn wer spricht und schreibt schon perfekt? Nicht einmal Sick. Er erzählt von einem Berliner Taxifahrer, den er aufforderte: "Fahren Sie mich ins Schillertheater." "Wohin wollnse?", insistierte der Taxifahrer. "Fahren Sie mich bitte ins Schillertheater", wiederholte Sick. Worauf sich der Taxifahrer umgedreht und erwidert habe: "Juter Mann, dett jeht nich. Ick kann Ihnen höchstens nach dett Schillertheater fahren. Ins Theater müssen se dann schon selba loofen."

So wie Sick das vorträgt, ist es fast schon gutes Kabarett. Präzise einstudiert. Und vor dem Spiegel geübt. Aber er kann auch sehr gekonnt spontan reagieren. "Sie sagten eben das Wort erstensmal ", reklamiert hintersinnig ein Morgenpost-Leser. "Ist das denn richtig?" Sick stutzt, lehnt sich zurück, erwidert breit grinsend: "Wenn ich das sage: ja."