Familientreffen der Mendelssohns

"Es ist schon komisch. Man selber ist so normal, und plötzlich wird man zu einem Familientreffen eingeladen, nur weil ein Vorfahre wichtig war.

"Es ist schon komisch. Man selber ist so normal, und plötzlich wird man zu einem Familientreffen eingeladen, nur weil ein Vorfahre wichtig war." Jacob Schenck hakt beide Daumen in seine Hosentaschen und wirft einen skeptischen Blick auf das Gebäude hinter sich. Der 18-Jährige stammt aus Ravensburg und ist ein Ur-Ur-Ur-Ur-Ur-Ur-Enkel von Moses Mendelssohn. Jacob hat sich an diesem Wochenende mit etwa 300 weiteren Nachfahren des jüdischen Berliner Kaufmanns und Philosophen im Mendelssohn-Haus an der Jägerstraße in Mitte getroffen, dem einstigen Stammhaus der Mendelssohn-Bank. Moses' Söhne Joseph und Abraham hatten sie 1795 gegründet. Sie wurde zur bedeutendsten Privatbank Berlins - bis zu ihrer 1939 unter den Nationalsozialisten erzwungenen Liquidation.

Von Australien bis Costa Rica, von Kalifornien bis London - aus aller Herren Länder und auf eigene Kosten kamen die Nachfahren angereist, zum ersten großen Familientreffen überhaupt. Eingeladen hatte der Berliner Senat - aus einem ganz einfachen Grund, wie Kulturstaatssekretär André Schmitz erklärt: "Es gibt keine zweite Familie in Berlin, die über so viele Generationen hin, bis zum Holocaust, so viel für die Stadt geleistet hat." Die Rede ist von einer bürgerlichen Dynastie, die von dem 1729 geborenen Moses Mendelssohn begründet wurde und die Bankiers, Mäzene, Künstler wie die Komponisten Felix Mendelssohn Bartholdy und Fanny Hensel sowie Gelehrte hervorgebracht hat. Dazu gehört auch der Historiker Julius Schoeps, Direktor des Potsdamer Moses-Mendelssohn-Zentrums.

An der Jägerstraße 51, dem Stammhaus der Mendelssohn-Bank, wo Jacob gestern seine Mammut-Familie traf, hatten die Mendelssohns mehr als 100 Jahre gelebt. Erhalten ist die Remise, um 1890 als Kassenhalle errichtet, später von Pferden und für Kutschen genutzt. Zwischen den Büsten seiner Vorfahren berichtete Thomas Lackmann - Nachkomme aus der "Abraham-Linie" - gestern seinen Angehörigen von der "Stiftung Mendelssohn-Forum Berlin". Der 52-jährige Journalist ist stellvertretender Vorsitzender des Vereins "Geschichtsforum Jägerstraße", der die Historie der Straße in das Bewusstsein der Öffentlichkeit bringen will.

Unter seinen Zuhörern war Peter Block, in achter Generation Nachkomme aus der "Joseph-Linie", also dem erstgeborenen Sohn von Moses Mendelssohn. "Ich bin emotional tief bewegt, dass die Erinnerung an diese bedeutende Familie wach gehalten wird", sagt der gebürtige Berliner, der sich mit seinen Eltern während des Nationalsozialismus verstecken musste. "Glücklicherweise haben wir überlebt."

Block, der mit drei Kindern und vier Enkelkindern zu dem Treffen gekommen ist, wird während des Imbisses von einem US-Amerikaner angesprochen. "Sie sehen aus wie mein Vater: die Augen, die Nase, der Schnitt der Wangenknochen", sagt Paul Leo (45) und deutet auf Thomas Leo. Der 82-Jährige ordnet seine Familie der "Abraham-Linie" zu, ist wie Lackmann ein Nachkomme von Josephs Bruder Abraham. Thomas Leo lebt seit 1940 in Kalifornien, wohin seine Familie nach der Reichspogromnacht geflüchtet war.

Eigens aus Costa Rica eingeflogen ist der Student Daniel Raine. Der 19-Jährige sagt, das Treffen bringe sein europäisches Blut zum pochen. Sein Vater, der Landwirtschaftsökonom Martin Raine (55), ergänzt: "In dieser Stadt sieht man noch Schäden des Zweiten Weltkriegs, hier ist die Mauer gefallen, hier liegen die Wurzeln unserer Vorfahren." In Berlin habe sich das Drama der Auswanderung abgespielt. "Deshalb ist es so bewegend, viele unbekannte Gesichter zu sehen. Auch wenn wir nicht mehr den Namen tragen - die Mendelssohns leben weiter."