"Die Mauer muss weg!"

Eine sonderbare Geräuschkulisse entfaltet sich nachts an der Swinemünder Brücke in Gesundbrunnen.

Eine sonderbare Geräuschkulisse entfaltet sich nachts an der Swinemünder Brücke in Gesundbrunnen. Laut tuckernd, mit qualmendem Auspuff, fahren Skoda, Moskwitsch, Wartburg und Trabant heran. Aus einem Lautsprecher ertönt eine Stimme: "Wir drehen. Ruhe bitte." Menschen recken die Hände in die Luft und rufen: "Die Mauer muss weg!"

Das Grenzbauwerk zwischen Ost und West ist für wenige Tage nachgebaut worden. Aus Spanplatten, die grau angestrichen sind. Es steht zu Füßen der Häuser an der Swinemünder Straße. Denn dort dreht die Olga-Film GmbH Szenen für einen Fernseh-Zweiteiler, den Sat.1 2008 zeigen will. Er spielt in den letzten Jahren der DDR und zur Zeit des Mauerfalles. Eine Erzieherin, Katja Schell, steht im Mittelpunkt der Handlung. Sie wird von Anja Kling dargestellt. Der ältere Bruder der jungen Frau ist bei einem Fluchtversuch erschossen worden. Ihr Freund gelangte schwer verletzt in den Westen. Die Rolle des jüngeren Bruders von Katja Schell, der zum Kreis der Oppositionellen in der DDR gehört, spielt Matthias Koeberlin, Gewinner des Deutschen Filmpreises.

Die Swinemünder Brücke hat sich für den Film in den Grenzübergang Bornholmer Straße verwandelt, der am 9. November 1989 geöffnet wurde. Jene historische Nacht wird als Szene von rund fünf Minuten im Film vorkommen. Vier Nächte lang dauern die Dreharbeiten an der Swinemünder Brücke. Zwei riesige Ballon-Lampen, am Stativ befestigt, beleuchten die Szene von oben. Unzählige Neonröhren an der nachgebauten Grenzanlage strahlen. Man fröstelt, nicht nur wegen der niedrigen Nachttemperatur. Der Wachturm ist nachgebaut, die kleinen Häuschen für Passkontrolle und Zoll sind Originale. Sie sollen nach den Dreharbeiten ans Blaulichtmuseum in Wittenberge gehen, erzählt Szenenbildnerin Silke Buhr.

Ungewohnt viel Volk tummelt sich am Ort. Da sind Grenzsoldaten und Offiziere in den alten DDR-Uniformen, Kameraleute und Ordner, Mitarbeiter des Roten Kreuzes, außerdem Neugierige und Kinder aus der Nachbarschaft. "Die Panzersperren sauberer machen und nass einsprühen", ruft jemand vom Filmteam. Drei Mann stehen auf einer Leiter an Kamera B. Kamera A ist höhenverstellbar. Die Szene ist im Kasten. "Danke, aus", ruft eine Stimme den Wartenden an der Grenze zu. "Danke, aus", wiederholt ein Ordner in der Nähe der Kameras.

Wenn die Szenen für die Öffnung der Mauer gedreht werden, sind bis zu 400 Komparsen am Set. Alle im DDR-Look der 80er-Jahre. "Eine logistische Glanzleistung der Masken- und Kostümbildner", sagt Silke Buhr. Sie betreut die Aufbauten in Gesundbrunnen und bereitet schon die nächsten Filmszenen vor: die Republikflucht vom Freund und vom Bruder der Erzieherin. "Das drehen wir in Prag", erzählt die Szenenbildnerin. Dort werde gerade die Berliner Grenze über rund 300 Meter nachgebaut, mit Hinterlandmauer, Todesstreifen und Postenweg.

Etwa 70 Drehorte hat Silke Buhr für den Film vorbereitet, die meisten in Berlin. Die große Herausforderung: Wo kann man einen Film, der 1989 spielt, glaubwürdig aufzeichnen? Die misslungene Flucht der Erzieherin über Ungarn nach Österreich sei im August in der Uckermark gedreht worden, sagt die Szenenbildnerin. Denn der Originalschauplatz am Neusiedler See hat sich seit 1989 stark verändert. Die Szenen in der Ostberliner Wohnung entstanden in einem unsanierten Altbau in Charlottenburg. Denn in Prenzlauer Berg sind solche Quartiere kaum noch zu finden. "Berlin ist so aufgerüscht", sagt Schauspieler Matthias Koeberlin. Mit der Rolle des DDR-Oppositionellen habe er sich schnell identifizieren können, erzählt er. "Er ist unerbittlich, aber seine Motive sind nachvollziehbar."

Vom spannenden nächtlichen Geschehen nehmen die Anwohner der Swinemünder Straße wenig Notiz. Die Fenster sind erleuchtet, aber geschlossen. Die Balkons mit bester Aussicht auf die Dreharbeiten bleiben leer. Doch Silke Buhr ist zufrieden. "Die Leute sind freundlich und tolerieren uns."