Berlins historische Mitte wird umgebaut

Es ist eine der kuriosesten Geschichten in Berlin - der anscheinend unendliche Ausverkauf des Bekleidungshauses Ebbinghaus am Spittelmarkt in Mitte.

Es ist eine der kuriosesten Geschichten in Berlin - der anscheinend unendliche Ausverkauf des Bekleidungshauses Ebbinghaus am Spittelmarkt in Mitte. Bereits 2003 musste das von Willi Ebbinghaus gegründete Kaufhaus Insolvenz anmelden. Doch von einer Einstellung der Firmenaktivitäten ist seither keine Rede. Im Gegenteil. Vor wenigen Wochen zog das Unternehmen aus seinem Stammsitz an der Leipziger Straße 50 in ein Gebäude an der benachbarten Seydelstraße 33.

Mit dem Umzug ist der Weg frei für eines der ehrgeizigsten städtebaulichen Vorhaben in Mitte: die Verlängerung der Axel-Springer-Straße bis an den Spittelmarkt. Das Projekt war bisher durch das Gebäude, in dem Ebbinghaus logierte, blockiert.

Abriss des alten Hauses in Kürze

Das Gebäude soll "spätestens bis Mitte Dezember" abgerissen werden, so Stadtplaner Hilmar von Lojewski. Auf dem westlichen Teil des durch den Abriss frei werdenden Grundstücks entsteht neben der verlängerten Axel-Springer-Straße ein Hotel. Das Grundstück wurde bereits verkauft.

Der genaue Abrisstermin wird zurzeit durch die Bauverwaltung abgestimmt. Die erforderlichen Leitungsumlegungen für die Baufreiheit sind bereits erfolgt.

Mit dem Abriss wird der Weg frei für die bereits seit Mitte der 90er Jahre geplante Verlängerung der Axel-Springer-Straße bis an den Spittelmarkt. Sogar der damalige Regierende Bürgermeister Eberhard Diepgen (CDU) hatte sich für den Abriss eingesetzt, konnte diesen jedoch nicht durchsetzen, da Ebbinghaus einen langjährigen Mietvertrag für das Gebäude hatte und dieses nicht vorzeitig räumen wollte.

Bislang mussten Autofahrer, von der Axel-Springer-Straße kommend, das Gebäude über die Jerusalemer Straße zeitraubend umfahren. Das Geld für den Abriss und die Verlängerung der Axel-Springer-Straße, 3,25 Millionen Euro, ist bereits bewilligt.

Der Straßendurchbruch ist Bestandteil des Planwerks Innenstadt, das eine städtebauliche Verdichtung in dem Gebiet vorsieht. In fünf bis sechs Jahren soll zwischen Spittelmarkt und Alexanderplatz nur noch wenig so sein wie bisher. So wird etwa auch die Breite Straße erheblich verschmälert, von zurzeit 53 Meter Breite auf 35 Meter. Die Arbeiten sollen helfen, optisch die historischen Kerne der Teilstädte Berlin und Cölln, die einst die Keimzelle Berlins bildeten, zumindest von den Umrissen her wieder sichtbar zu machen. Ein Plan von Ex-Senatsbaudirektor Hans Stimmann, den auch seine Nachfolgerin Regula Lüscher verfolgt.

Ihre Verwaltung spürt Rückenwind durch das Ende der Rezession auf dem Bausektor. Die Bereitschaft, in Berlin zu investieren und zu bauen, habe zugenommen, heißt es in der Verwaltung. Dies wird auch nötig sein. Denn die Straßenumbauten und Verschmälerungen kosten Millionen. Zwar ist das nötige Geld für den Straßenumbau in der Finanzplanung des Senats enthalten, das Konzept fußt jedoch auf folgendem Prinzip: Straßen zurückbauen, dadurch Grundstücke gewinnen und diese möglichst teuer verkaufen. Am Ende, so die Hoffnung, soll Berlin nicht nur seine historische Mitte zurückgewinnen, sondern dies auch kostenneutral leisten. Eine Kalkulation, die die Grünen in Zweifel ziehen. "Es ist eine Legende, dass dies kostendeckend funktioniert. Wenn da, wie geplant, auch die Gertraudenbrücke verschwenkt werden soll, wird das richtig teuer", sagt deren Bauexpertin, Claudia Hämmerling. Die Stadtentwicklungsverwaltung weist dies zurück. Sie will mit dem Rückbau auch den Verkehr in dem Gebiet - die Leipziger Straße gehört zu den am stärksten befahrenen Berlins- reduzieren.

Bis zu 70 000 Fahrzeuge nutzen täglich diese Verbindung, 50 000 sollen es sein, wenn die Straßen verengt worden sind. Den Rückgang des Verkehrs will die Stadtentwicklungsverwaltung durch folgendes Konzept erreichen: Durchgangsverkehr aus der Innenstadt heraushalten, auf Tangenten wie die Stadtautobahn umleiten und den öffentlichen Nahverkehr ausbauen.

Straßenbahntrasse nicht berücksichtigt

Dem Stadtentwicklungsplan zufolge ist auf der Leipziger Straße eine Straßenbahntrasse geplant. Beim nun geplanten Umbau der Straße ist dies jedoch nicht berücksichtigt. "Da ist vieles sehr unausgereift", sagt Hämmerling.

Beim Dauerausverkauf von Ebbinghaus glaubt man offenbar an den Standort. Sogar einen neuen Namen hat sich das Bekleidungshaus gegeben. "Das Mode-Marken-Outlet in Berlin-Brandenburg", steht auf einem Werbeplakat, das den Weg zum neuen Standort weist. Ein Ende des Insolvenzverfahrens ist nicht absehbar. "Wir kämpfen immer weiter", sagt eine Mitarbeiterin. Viele der Artikel sind sehr preiswert. Die günstige Ware lockt offenbar Kunden an. So viele, dass die mit der Insolvenzverwaltung beauftrage Anwaltskanzlei kein Datum für ein Ende des Verfahrens nennt.