Literatur

So fühlt sich Zuhause an

Irgendwann fällt es Autor Ingo Schulze beim Verfassen seines Textes offenbar wieder ein. Er wollte ja eine Geschichte über einen Spaziergang durch Berlin aufschreiben. Von seiner Wohnung in Prenzlauer Berg zu seiner ehemaligen Wohnung in Neukölln.

"Von Haustür zu Haustür" lautet nun der Titel jener Story, die er für die Veröffentlichung im Internet geschrieben hat.

"Jetzt sollten wir aber endlich loslaufen", schreibt er da. Bevor er seinen Erzählfaden jedoch aufnimmt, hat sich Schulze schon wieder in vielen kleinen Geschichten verloren, genau jenen Dingen, die einem genauen Beobachter wie ihm ein- und auffallen. Eine dieser Geschichten beispielsweise handelt von der Odyssee eines Mannes, der versäumt hat, im Bahnhof Leipzig auszusteigen und jetzt vom Kottbusser Tor zum Omnibusbahnhof Funkturm zu Fuß wandern will. Schulze leiht ihm Geld für die Fahrt nach Hause, worauf der Mann verspricht, ihm zum Dank ein halbes Wildschwein zu schicken: "In Würsten und Schinken". Und schon ist Schulze auf dem Weg zur nächsten Anekdote.

Der komplette Text mit allen Erlebnissen und Begegnungen erscheint heute - aber nicht in einer Literaturzeitschrift, sondern auf der Internetseite www.literaturport.de . Das Online-Projekt des Literarischen Colloquiums Berlin und des Brandenburgischen Literaturbüros wurde in diesem Jahr mit dem renommierten Grimme Online Award ausgezeichnet und hat mit Ingo Schulze jetzt den zwölften Berliner Autoren für sich gewonnen. Zuvor haben unter anderem Katja Lange-Müller, Judith Hermann und Tanja Dückers durch die Hauptstadt geführt und Geschichten aus ihrem Leben eingefügt. Deshalb heißen die Texte auch "Literatouren".

Berlin neu erlebt

Beim Rückblick auf den Prozess des Schreibens erinnert sich Ingo Schulze gern an den Spaziergang. "Er hat mir in diesem Sommer Berlin auf eine neue Art näher gebracht", sagt er. "Berlin ist normalerweise nur ein Ort für mich, den ich durchqueren muss, um von A nach B zu gelangen." Ein mehr oder weniger zielloses Loslaufen dagegen sei für ihn wie eine neue Fortbewegungsform. "Man strahlt auch etwas völlig anderes aus, wirkt viel offener", sagt Schulze. "Plötzlich sprechen die Menschen einen einfach so an." Nachdem der Text fertig war, hat sich Schulze vorgenommen, öfter Zeit für diese Art Stadterkundung freizuhalten.

Er ist nicht der Einzige, der beim Schreiben eine Reise in die eigene Vergangenheit unternommen hat. "Wir waren häufig überrascht", sagt Literaturport-Mitarbeiterin Claudia Schütze, "wie viel die Autoren in ihren Arbeiten von sich verraten". Dabei habe es nur eine Vorgabe gegeben. "Die Schriftsteller sollten 'ihr' Berlin vorstellen. Wie weit sie dabei gehen, war ihnen überlassen."

Buchpreis-Gewinnerin Julia Franck etwa erzählt von der Wohnung ihrer Urgroßmutter in Pankow, beschreibt das Pendel der "Siebengeißleinuhr" dort und die hitzigen Diskussionen um angeblich versteckte Familienmillionen. Bachmannpreisträger Tilmann Rammstedt denkt über das "Il Santo" in Mitte nach, ein Restaurant, in dem "Melancholie der Hauptgrund ist, es zu besuchen".

"Melancholie" ist auch ein Begriff, der einem einfällt, wenn man den Ort besucht, an dem "literaturport.de" entstand und von wo aus heute Ingo Schulzes Text online gestellt wird. Die Umschreibung "Port", also Hafen, ist hier nicht abwegig. Das Haus des Literarischen Colloquiums Berlin (LCB) am Wannsee ähnelt mit seinen fantasievollen Türmchen einem kleinen Schloss. Ein geschwungener Weg führt zum Wasser. Dort unten ist das Gras zerwühlt. "Wildschweine" sagt Claudia Schütze kurz, als sei es normal, nur wenige Kilometer von Berlins Zentrum abwechselnd wilden Tieren und berühmten Autoren zu begegnen. "Dafür ist man eben fernab vom Trubel der Hauptstadt."

Ulrich Janetzki, seit 22 Jahren Leiter des LCB, sieht das anders. "Wenn ich Ruhe brauche, fahre ich nach Mitte." Janetzki war es, der vor rund vier Jahren die Idee hatte, Berlins Autoren im Internet zu vernetzen, ihnen eine "Anlegestelle" zu bieten. "Ich will mit dem Literaturport das einfangen, was die großen Verlage wie Bertelsmann und Random House nicht abdecken", sagt er. "Es gibt so viele Daniel Kehlmanns da draußen, die nur noch nicht entdeckt sind."

Netzwerk der Autoren

Ein wichtiger Teil der Seite, die auch Hörproben und einen Veranstaltungskalender bietet, ist daher für ihn das Autorenlexikon, in das Schriftsteller sich eintragen können, um so Teil eines Netzwerks zu werden. Mit einem Klick können Autoren zudem mehr über den unübersichtlichen Markt von Stipendien und Förderpreisen erfahren. "Das ist für viele junge Autoren die einzige Möglichkeit", sagt Janetzki, "sich zu finanzieren".

Dass auch Ingo Schulze es vor dem Erscheinen seines ersten Buches nicht leicht hatte, dokumentiert er in seinem Text. Er erinnert sich an das Jahr 1994, als er Unterricht in einer Taxischule nahm und die Namen aller Straßen Berlins auswendig lernen musste. "Insgesamt waren es tausendzweihundert", erzählt er und beschreibt gleich darauf sein Lebensgefühl: "Je weniger Geld mir blieb, desto mehr war ich einverstanden mit dem Ort, an dem ich lebte." Eine Einstellung, die sicher noch heute viele Neuberliner für sich reklamieren.

Als er dann während seines Spaziergangs auf der Dresdner Straße in Kreuzberg jene Taxischule sucht, bleibt er erfolglos. Auch das ist ein Thema in mehreren "Literatouren" durch Berlin: Orte, die nur noch in der Erinnerung existieren.

Im Unterschied aber zu einem Buch können sich Leser anschließend immer noch selbst auf die Suche nach diesen Orten machen. Alle Texte sind mit Fotos und Online-Stadtplänen ergänzt, die einzelne Stationen der Spaziergänge beschreiben. Letztlich waren es kleine Ideen wie diese, die der Jury des Grimme Online Awards preiswürdig schienen. "Beziehungen zwischen Werk und Autor werden lokalisiert" schreibt die Jury in der Begründung, und nennt die Webseite "eine literarische Landschaftspflege mit hohem Erkenntniswert". Die Begrenzung auf Berlin/Brandenburg sei demnach nicht Schwäche, sondern Möglichkeit, sich besser zu fokussieren.

Doch Ulrich Janetzki ist nicht jemand, der sich mit solchem Lob zufriedengäbe. "Der Preis macht uns natürlich Mut", sagt er. "Denn anfangs gab es schon viele, die bezweifelten, dass sich Literatur auch im Netz angemessen präsentieren lässt. Nicht nur hier im Colloquium mussten viele davon überzeugt werden", sagt er. Das, was er den "Litport" nennt, hat inzwischen 50 000 Klicks pro Monat. Und literaturport.de soll sich weiter entwickeln.

Texte mit Ton und Film

Einerseits planen Ulrich Janetzki und Claudia Schütze eine Erweiterung auf ganz Deutschland, Österreich und die Schweiz. Andererseits soll vor allem die Autorenvernetzung noch viel weiter getrieben werden. "Ich wünschte mir eine digitale Plattform, auf der Schriftsteller Teile ihrer Bücher vorstellen können, Texte diskutieren, einander kennenlernen und auch mit Verlagen in Kontakt treten können", sagt er. Das Ganze solle dann auch multimedial mit Film- und Toneinspielern ergänzt werden.

Wenn Janetzki davon erzählt, klingt das wie eine Zukunft, in der verstaubte Literaten, die mit der Schreibmaschine tippen, nichts mehr verloren haben. "Aber das gedruckte Buch ist weiterhin im Zentrum", sagt er dann und ergänzt, dass man auch für die "Literatouren" an eine Version in Buchform denke.

Ob allerdings Ingo Schulzes Text "Von Haustür zu Haustür" dort erscheinen wird, ist fraglich. Er selbst sagt jedenfalls, dass er ihn extra für die Online-Version geschrieben habe. "Es war eine völlig neue Erfahrung, da ich noch nie ein Blog oder irgendetwas anderes fürs Internet geschrieben habe", sagt er. Aber es habe ihm "großen Spaß" gemacht - "denn ich musste kein schlechtes Gewissen haben, dass ich zu lang werde". Und in der Tat ist seine "Literatour" eine der längsten. Aber dafür auch detailreichsten. Sonst hätte der Leser wohl nie etwas erfahren von dem Spatzen, der Ingo Schulze einen Keks von der Untertasse gezerrt hat. Das war an einem Sommertag in diesem Jahr in der "Ankerklause". Schulze reklamierte beim Personal - und bekam gleich zwei neue Kekse. So muss sich wohl Zuhausesein "anfühlen".