Die stillen Helden von Berlin

Lieselotte Klein liebt die Musik. Bis zu ihrem 19. Lebensjahr war sie eine begeisterte Klavierspielerin.

Lieselotte Klein liebt die Musik. Bis zu ihrem 19. Lebensjahr war sie eine begeisterte Klavierspielerin. Dann verlor sie ihre Neigung mehr als drei Jahrzehnte gänzlich aus den Augen, war beruflich erfolgreich, promovierte, arbeitete für die Europäische Union in Brüssel. Bis zu ihrer Pensionierung vor sechs Jahren. Da wollte sie es noch mal wissen, zog nach Berlin, dort wo die Stadt besonders jung, besonders vital ist, in die Spandauer Vorstadt.

Förderung von Nachwuchsmusikern

Mit dem Alter kam auch die Liebe zur Musik und zum Klavierspiel zurück. Seit ihrem 50. Lebensjahr spielt Lieselotte Klein wieder auf dem Klavier. Musik, die nie verklingen möge, wünscht sich die heute 72-Jährige. Mit ihr hat es das Schicksal im Leben gut gemeint, sie war beruflich erfolgreich, hat ein kleines Vermögen erarbeitet und ererbt - nur Kinder, eine Familie waren ihr nicht vergönnt. Folglich auch keine Erben - nicht für das Klavier, nicht für das Geld und niemand, dem sie ihre Leidenschaft für die Musik weitergeben könnte - dachte sie. Bis ihr die Idee mit einer Stiftung kam, die ihren Namen trägt, jetzt von einem kleinen Betrag aus ihrem Vermögen gespeist wurde und auch später, nach ihrem Tod, zur Förderung junger, talentierter Nachwuchsmusiker beitragen soll. So ist es ihr Wille, so wird es nach der strengen Satzung der Lieselotte-Klein-Stiftung sein.

Die entschlossene Seniorin ist eine von 44 Berliner Stiftungsneugründern des vergangenen Jahres, meist ältere Menschen, die sich bewusst entschieden haben, Vermögen für soziale, kulturelle, bildungspolitische, medizinische oder sonstige gemeinnützige Zwecke einzusetzen und zwischen 50 000 und einer Million Euro Kapital in die Stiftung eingebracht haben.

Glaubt man den Zahlen, scheint stiften auch in Berlin in Mode zu kommen. Im Jahr 2004 waren es 29 Neugründungen, im Jahr darauf 37 und im vergangenen Jahr nochmals sieben mehr. Insgesamt listet das Berliner Stiftungsverzeichnis nunmehr 583 Stiftungen auf. Neben bekannten Namen wie die der Jenny-De-la-Torre-, der Björn-Schulz- oder der Hertha-BSC-Berlin-Stiftung gibt es auch etliche "normale" Berliner Stifter wie etwa Reinhard Preuß (79). Zum Andenken an seine 1973 auf der Transitstrecke durch die DDR auf mysteriöse Weise verstorbene Schwester hat er die Geschwister-Holroyd-Preuß-Stiftung zur Bildung junger Menschen und musischer Betreuung älterer Menschen gegründet.

Berliner hilft im Senegal

Oder Wolfgang Hübner. Er ist quasi der Testamentsvollstrecker seines alten Englisch- und Französischlehrers Heinz Umpfenbach. Als der 95-jährig feststellte, dass auch sein Leben endlich und die eisern gesparte Lehrerpension keinen Erben hat, beauftragte er Steuerberater Hübner mit der Gründung der "Gemeinnützigen Dr.-Heinz-Umpfenbach-und-Wolfgang-Hübner-Friedensstiftung", die Frieden stiften soll. So wurde aus den Erträgen des Stiftungsvermögens bereits eine Zahnärztin für ihre Einsätze in Nicaragua und im Senegal mit medizinischen Geräten ausgestattet und in einem afrikanischen Dorf, wo sich zwei Familien um einen Brunnen stritten, ein zweiter gebohrt.

Zeichen gegen den Spardruck

Oft braucht der gute Wille professionelle Hilfe. Die hat Pfarrer Michael Schade in Bankdirektor Peter Wallmann aus der eigenen Gemeinde gefunden. Der verzweifelte Hirte des Lankwitzer Sprengels mit 4500 Mitgliedern wusste sich keinen Rat, wie er unter dem enormen Spardruck des Bistums Berlin noch ein funktionierendes Gemeindeleben organisieren sollte. Wallmann wusste Rat, und so hat der Kirchenvorstand der Gemeinde Mater Dolorosa am 8. September 2006 aus der finanziellen Not heraus, als Selbsthilfe, die erste rechtsfähige Stiftung einer katholischen Kirchengemeinde in Berlin errichtet. Aus den Erträgen des Stiftungsvermögens sollen Zuwendungen an die Gemeinde für den Erhalt, den Ausbau und den Unterhalt der Liegenschaften und der Gebäude, für pastorale Aufgaben und für die Bezahlung von kirchlichen Mitarbeitern geleistet werden. "Durch die Unterstützung aus der Gemeinde und einige Sponsoren ist bereits ein ansehnliches Stiftungsvermögen zusammengekommen", freut sich Kirchenvorstand Peter Wallmann.

Auch Lieselotte Klein hat allen Grund zur Freude. Aus ihrem Stiftungsvermögen kann bereits für ein hoffnungsvolles Musiktalent ein monatliches Stipendium von 600 Euro gezahlt werden. Damit ermöglicht sie der angehenden Pianistin Anastassiya Dranchuk (18) aus Kasachstan neben ihrem Abitur auch eine Ausbildung am renommierten Julius-Stern-Institut für musikalische Nachwuchsförderung an der Universität der Künste (UdK).

Von dem Können ihres "Schützlings" hat sich die Stifterin schon selbst überzeugen können. Anastassiya brillierte jüngst beim Konzert "Sternstunden slawischer Musik" in der UdK mit Musik von Antonín Dvorák und Dmitri Schostakowitsch.