Auf den Spuren eines toten Mädchens

Eigentlich suchte Giordana Dunkhorst mit ihrem Naturschutzverein auf dem ehemaligen Mauerstreifen seltene Pflanzen, als sie auf diese erschreckende Geschichte stieß.

Foto: Manja Elsässer / Augen-Blick / Manja Elsässer

Eigentlich suchte Giordana Dunkhorst mit ihrem Naturschutzverein auf dem ehemaligen Mauerstreifen seltene Pflanzen, als sie auf diese erschreckende Geschichte stieß. In der Nachbarschaft erzählte man sich von einem Mädchen, das genau an dieser Stelle auf der Flucht erschossen worden war. Diese Geschichte sollte die 18-jährige Schülerin nicht mehr loslassen. Sie hat Interviews geführt, Akten gewälzt und Zeitzeugen befragt, um die Gründe für Marienettas Flucht herauszufinden, die 1980 auf dem Grenzstreifen zwischen Frohnau und Hohen Neuendorf tödlich endete.

Für ihre Arbeit wird Giordana heute um 11 Uhr im Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten als einer der ersten drei Landessieger im Deutschen Historischen Museum ausgezeichnet.

Suche nach Motiven

Marienetta war vor 27 Jahren genau so alt wie Giordana heute, als sie die tödlichen Schüsse trafen. Ihr Verlobter Peter und der Freund Falko, die gemeinsam mit ihr über die Mauer kletterten, hatten Glück und schafften es unversehrt auf die andere Seite. "Sie wollten einfach ein anderes Leben als das ihrer Eltern", sagt Giordana. Peter ist inzwischen gestorben, auch die Eltern von Marienetta leben nicht mehr. Aber mit Falko konnte sie reden.

"Ich dachte, der Mann wurde bestimmt schon hundert Mal über diese Geschichte ausgefragt", sagt die Schülerin des Romain-Rolland-Gymnasiums. Tatsächlich war es das erste Mal. Anfangs sei es ihm schwergefallen, doch dann habe er sehr ausführlich über die Flucht und das, was die Jugendlichen dazu bewegt hatte, gesprochen. Vieles blieb dennoch unklar. Er hatte Marienetta und Peter erst kurz vor der Flucht kennengelernt. Giordana recherchierte in den Stasi-Akten der Birthler-Behörde, befragte eine ehemalige Lehrerin des Mädchens. "Es gibt noch immer offene Fragen", sagt sie. Schließlich müsse es viele Gründe geben, wenn man ein solches Risiko eingehe. Mit der Preisverleihung ist ihre Arbeit noch nicht beendet. "Vielleicht kann ich über die Krankenhausakte des Mädchens noch etwas herausfinden", sagt sie. Möglicherweise sei Marienetta schwanger gewesen. Giordana will sich für eine Gedenktafel für das Maueropfer einsetzen, genau an dem Ort ihrer Flucht.

Züchtigung im Kinderheim

Auch Christina Dornbusch, ebenfalls vom Romain-Rolland-Gymnasium, gehört heute zu den drei ersten Preisträgern. Wie Giordana ist sie eher durch Zufall auf ihren Forschungsgegenstand gestoßen. In ihrer unmittelbaren Nachbarschaft in Reinickendorf befindet sich das Kinderheim vom Elisabethstift. "Ich hatte einen grausamen Bericht eines ehemaligen Heimkindes in der Zeitung gelesen", sagt die 17-Jährige. Sie wollte wissen, was sich im Laufe der Jahre in der Heimerziehung geändert hat. Das Elisabethstift eignete sich hervorragend dafür, es besteht schon seit 175 Jahren. "Das Schwierigste war die Überwindung, bei der Heimleitung anzufragen", sagt die Schülerin. Schließlich war sie sich nicht sicher, ob man in dem Heim gern über die früheren Erziehungsmethoden reden würde. Sie hatte Glück und konnte mit vielen Erziehern, alten und jungen, sprechen. Tatsächlich sei die Erziehung in der Nachkriegszeit bis in die 60er-Jahre sehr streng und autoritär gewesen, fand sie heraus. Es habe aber auch große Schlafsäle, wenige Erzieher, Hunger und Krankheiten gegeben. Unter solchen Bedingungen hätten die Erzieher oft gar nicht anders handeln können, meint Christina.

"Am schwierigsten ist es, die Schüler über einen langen Zeitraum bei der Stange zu halten", sagt die Geschichtslehrerin und Tutorin der beiden, Christine Schubert-Schroth. In ihrer Arbeitsgemeinschaft haben 14 Schüler am Schuljahresbeginn angefangen, am Ende haben vier Kursteilnehmer durchgehalten.

Den dritten Hauptpreis erhält die Spartacus-Grundschule in Friedrichshain mit einer Gruppenarbeit über die Judenverfolgung im Nationalsozialismus. Dazu unterhielten sie sich auch mit Opfern des Naziregimes.