Klausjürgen Wussow - ein Leben zwischen Extremen

Das Leben schlägt zuweilen merkwürdige Kapriolen: Eigentlich wollte er Arzt werden.

Das Leben schlägt zuweilen merkwürdige Kapriolen: Eigentlich wollte er Arzt werden. Aber er wurde Schauspieler. Und seine berühmteste Rolle stellte - ausgerechnet - einen Arzt dar: Professor Brinkmann, der Überweißkittel der ZDF-"Schwarzwaldklinik". Für Klausjürgen Wussow wurde diese Rolle zum größten Triumph - und zugleich auch für ihn zum Verhängnis. Er konnte seinen schneeweißen Ornat der Heilungskünste und des jovialen Zuspruchs im wirklichen Leben nie wieder ablegen. Seine Fans trieben ihn aus lauter Liebe in die Enge und sahen in dem Schauspieler immer nur den Chefarzt, den Professor Brinkmann.

Der Schauspieler nahm sein Schicksal erstaunlich offensiv an und belieferte die Medien mit Klatsch und Tratsch und bei finanzieller Schieflage auch schon mal mit exklusiven Einblicken, die sich in den Hochglanzmagazinen niederschlugen.

Als Klausjürgen Wussow vor rund vier Jahren in Berlin aufschlug und erst in den Armen und dann im Haus der Bubi-Scholz-Witwe Sabine landete, war er bereits ein von Krankheit gezeichneter Mann. Auch nach ihrer Hochzeit 2004 - die Feier richtete bezeichnenderweise eine Illustrierte aus - gehörte der Star vergangener Tage nicht zur Berliner Gesellschaft.

Nur noch ein Schatten seiner selbst

Er war - von vielen Scheidungsschlachten beschädigt und von Gläubigern verfolgt - nur noch ein Schatten seiner selbst. Die Nachbarn in seinem Charlottenburger Nobelkiez Westend kannten ihn natürlich alle. Man sah ihn auch schon mal im Kaisers Supermarkt am Theodor-Heuss-Platz mit seinem Einkaufswägelchen an der Kasse stehen, etwas hilflos Ausschau haltend nach seiner Sabine, die noch am Obststand zugange war. Aber die Kunden blieben auf Distanz. Das waren also, wie der Berliner zu sagen pflegt, "der ehemalige Professor Brinkmann" und die "Witwe Scholz".

Eigenartig: Sabine Scholz blieb auch noch die "Witwe Scholz", als sie schon längst Frau Wussow war. Klausjürgen und sein "Bienchen" - ein eigenartiges Paar, das irgendwie rätselhaft war. Aber immerhin: Sie war für ihn da, als er zum Suchenden geworden war und Hilfe brauchte.

Was war er doch einst für ein wunderbarer Schauspieler. Stattliche Erscheinung. Charisma. Wenn er den Raum betrat, war kaum noch Platz für andere. Ein Charmeur der Premiumklasse. Augen voller Leidenschaft und Entschlossenheit. Bei ihm spürten Frauen wieder, dass sie Frauen waren. Ein lächelnder Verwöhner.

Klausjürgen Wussow, 1929 im pommerschen Cammin als einer von vier Söhnen eines Kantors und Lehrers geboren, stand schon als Schüler auf der Bühne des Städtebundtheaters im mecklenburgischen Waren. Einer seiner Schulkameraden war Heiner Müller, der spätere Dramatiker. Später ging Wussow nach Berlin, nahm sich vom Ersparten ein kleines möbliertes Zimmer an der Kantstraße und besuchte die Schauspielschule des Hebbeltheaters. In der Abschlussvorstellung der Schule (Goethes "Egmont") spielte er den Wilhelm von Oranien. Es folgte ein erstes Engagement am Hebbeltheater. Zwei Jahre später spielte er am Theater am Schiffbauerdamm, später an den Städtischen Bühnen Frankfurt, Düsseldorf, Köln, Zürich und München.

Große Zeit am Burgtheater

Seine große Zeit als Bühnendarsteller hatte er von 1964 an am Wiener Burgtheater, dessen Mitglied er mehr als 20 Jahre lang blieb. "Burgschauspieler" zu sein - das war ein Ritterschlag für jeden Darsteller. Claus Peymann, damals Intendant an der Wiener Burg, beurlaubte Wussow, als der als Serienstar in der "Schwarzwaldklinik" auftrat. Peymann sah ihn als für die Bühne verloren an: "Er kann vielleicht noch den ,Arzt am Scheideweg' spielen..."

Als eine "prägende Gestalt auf deutschsprachigen Bühnen sowie in Film und Fernsehen" würdige Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit gestern den Schauspieler. Wowereit: "Mit großer Betroffenheit habe ich die Nachricht vom Tod des großen deutschen Schauspielers Klausjürgen Wussow aufgenommen." Wussow habe nicht nur in Serien, sondern auch in vielen Charakterrollen auf der Bühne brilliert.

Der Dramatiker und Regisseur Franz Xaver Kroetz, der Wussow in den 60er-Jahren am Wiener Burgtheater erlebt hatte, meinte: "Er war ein blendend aussehender, groß gewachsener junger Mann, der, was selten ist, perfekt die Rolle des jugendlichen Helden verkörperte. Als ich ihn später wieder getroffen habe, wirkte er gehetzt und gejagt. Er hätte sicher sehr viel länger sehr viel glücklicher sein können, wenn er sich nicht als Seriendarsteller fürs Fernsehens verkauft hätte. Er hätte am Theater bleiben sollen."

"Er war einer der ganz, ganz Großen, außerordentlich beliebt und so populär wie kaum ein anderer", sagte ZDF-Intendant Markus Schächter. Wussows Name sei untrennbar mit dem ZDF verbunden. "Schwarzwaldklinik"-Produzent Wolfgang Rademann, ein langjähriger Freund des Verstorbenen, äußerte, er habe den Tod mit einer gewissen Erleichterung zur Kenntnis genommen. "Ich weiß seit Wochen von seinen Kindern, dass es ihm nicht gut ging. Deshalb macht sich in meinem Herzen Erleichterung breit, dass er von seinen Leiden erlöst ist."

"Charakter und Charisma"

Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU) würdige Wussow als "souveränen Charakterdarsteller und charismatischen Volksschauspieler. Er sei einer der populärsten Schauspieler im deutschen Fernsehen gewesen. Über seine TV-Erfolge darf aber der meisterhafte Burgschauspieler nicht vergessen werden. Denn auch auf der Bühne machte Wussow eine glänzende Figur und erwies sich auch hier als Schauspieler von Rang und Format."

Ihr Vater sei friedlich eingeschlafen, ließen die beiden Wussow-Kinder Barbara und Alexander (aus seiner Ehe mit der Schauspielerin Ida Krottendorf) verbreiten. "Wir sind in tiefer Trauer um den Verlust, wir haben ihn sehr geliebt und werden ihn nie vergessen. Sabine Wussow hat ihn in diesen letzten Stunden begleitet. Aus Respekt vor seiner letzten Lebensentscheidung überlassen wir selbstverständlich die anstehenden Regelungen seiner Witwe und stehen ihr zur Seite, wenn sie uns braucht."

In einer Pressemitteilung heißt es weiter: "Wir bedanken uns bei den Medienvertretern, dass sie unserem Wunsch, unseren Vater mit Würde und Respekt den letzten Weg gehen zu lassen, nachgekommen sind. Wir bedanken uns ebenfalls für die jetzt schon so zahlreich erwiesene Anteilnahme an seinem Tod."