Berlin, 2. Juni 1967: Um 20.30 Uhr fällt der Schuss, der Deutschland verändert

Der 2. Juni 1967 ist ein schöner Tag in Berlin: Von Osten her zieht warme Festlandsluft mit nur wenigen Wolken über die Stadt.

Vor 40 Jahren tötet ein Polizist bei Demonstrationen gegen den Schah von Persien den 26-jährigen Benno Ohnesorg. Sein tragischer Tod radikalisiert die Studentenbewegung. Morgenpost-Reporter Michael L. Müller hat es erlebt

Der 2. Juni 1967 ist ein schöner Tag in Berlin: Von Osten her zieht warme Festlandsluft mit nur wenigen Wolken über die Stadt. Auf 23 Grad klettert das Thermometer, und kein frühsommerliches Gewitter ist in Sicht - jedenfalls nicht vom Himmel. "Kaiserwetter" hat man derlei früher genannt, und das gilt an diesem Freitag in der geteilten Stadt wortwörtlich. Denn der Schah von Persien ist mit Gattin seit Ende Mai auf Staatsbesuch in Deutschland; knapp 24 Stunden verbringen Mohammed Reza und Farah Diba in West-Berlin. Dieser Tag wird das Land verändern.

Das kann Michael L. Müller noch nicht wissen, als er kurz nach halb acht Uhr abends zur Deutschen Oper an der Bismarckstraße kommt. In wenigen Minuten werden die Staatsgäste erwartet, zur Galaaufführung der "Zauberflöte". Der 33-jährige Reporter Müller, bei der Morgenpost zuständig für die Hochschulen, muss sich an mehreren Tausend Berlinern vorbeiarbeiten, die einen Blick auf das Herrscherpaar aus dem Mittleren Osten werfen wollen. Dann kommt er zur Polizeiabsperrung, die auf der Bismarckstraße von der Seesenheimer bis zur Krummen Straße reicht.

Gegenüber ist die Stimmung aufgeheizt - und das liegt nicht an der Wärme. Die Absperrung lässt den südlichen Bürgersteig der Bismarckstraße frei; die Polizei hatte nicht allen Passanten den Umweg über die Zille- oder die Schillerstraße zumuten wollen. An der Südseite der Bismarckstraße wird eine neue Wohnanlage errichtet, vis-a-vis vom Opernhaus. Zwischen dem Bauzaun und den niedrigen Absperrgittern entsteht ein schmaler Korridor. In ihm drängen sich gut tausend junge Leute. Lautstark protestieren sie gegen das Regime im Iran. Einige tragen Papiertüten über dem Kopf, auf denen die Gesichtszüge des Schahs angedeutet sind; andere haben Plakate und Transparente dabei. Offiziell angemeldet ist zwar keine Demonstration, die Polizei aber verzichtet trotzdem darauf, die Ansammlung aufzulösen.

Die Rolle der "Kommune 1"

Die Konfrontation zwischen linken Studenten und Staat hat sich in den Wochen zuvor dramatisch zugespitzt. Am 24. Mai 1967 verteilen Mitglieder des radikal antibürgerlichen Wohnprojekts "Kommune 1" Flugblätter, in denen steht: "Wenn es irgendwo brennt in der nächsten Zeit, wenn irgendwo eine Kaserne in die Luft geht, wenn irgendwo in einem Stadion die Tribüne einstürzt, seid bitte nicht überrascht!" Einige Tage später tauchen in Charlottenburg Steckbriefe mit dem Konterfei des Schahs auf, der wegen Mord, Folterungen und Ausbeutung gesucht werde. Abschließend heißt es: "Wir bitten die Bevölkerung, alle Aktionen, die zur Unschädlichmachung des Täters führen, tatkräftig zu unterstützen."

Am 1. Juni hören Hunderte Studenten an der Freien Universität dem Exil-Iraner Bahman Nirumand zu, der die Zustände in seiner Heimat unter dem Diktator geißelt. Ob die Vorwürfe im Einzelnen stimmen, interessiert niemanden; es macht sich auch niemand die Mühe nachzufragen. Repräsentant einer Demokratie ist der Staatsgast zwar keinesfalls. Andererseits würde ihn das auch nicht schützen: Erst wenige Wochen zuvor hatten Aktivisten der "Kommune 1" geplant, US-Vizepräsident Hubert H. Humphrey bei seinem Berlin-Besuch zu attackieren. Angesichts solcher Erfahrungen erwarten Berlins Polizisten, am Abend des 2. Juni 1967 vor der Oper einem aufgewiegelten Mob gegenüber zu stehen.

Eskalation vor dem Rathaus Schöneberg

Schon beim ersten Termin des Schahs in Berlin, wenige Stunden zuvor, ist die Situation eskaliert. Rund 400 Schah-Gegner hatten sich vor dem Rathaus Schöneberg versammelt, so der Polizeibericht. Sie riefen "Mörder, Mörder", forderten "Freiheit für die politischen Gefangenen!" und zeigten Plakate - doch als der iranische Herrscher mit seiner Frau im Rathaus verschwunden war, brach Gewalt aus: Einige Dutzend Iraner, "Jubelperser" genannt, griffen mit Latten, Schlagstöcken und möglicherweise sogar Stahlrohren die Demonstranten an. Minutenlang wurde vor dem Rathaus geprügelt, ohne das die anwesenden Polizisten wirksam eingriffen; Dutzende junge Leute wurden verletzt. Berlins Regierende Bürgermeister Heinrich Albertz hörte den "unbeschreiblichen Lärm" bis in sein Amtszimmer hinein, wohin er sich gerade mit dem Schah begeben hatte. Eingreifen konnte der Sozialdemokrat nicht: "Ich war mit dem Gast beschäftigt, ohne genau zu erkennen, was sich dort unten abspielte." Gut eine halbe Stunde dauerte die Straßenschlacht, bevor es wieder ruhig wurde. Die Protestierer zogen verärgert ab; die meisten waren sich einig, am Abend vor der Oper erneut zusammen zu kommen.

Das ist die Lage. Ein Teil der Anwesenden ist auf Krawall eingerichtet: Ulrich Enzensberger, mit 23 Jahren jüngstes Mitglied der "Kommune 1", und mehrere Mitbewohner haben frische Eier ausgeblasen und mit Ölfarbe gefüllt. Außerdem liegen Tomaten bereit. Ein anderer "Kommunarde" hat aus Streichhölzern Rauchkerzen gebastelt. Hunderte weitere Schah-Gegner haben Plakate, Steckbriefe und Reza-Pahlewi-Papiertüten dabei. Die Polizisten, die das Gitter bewachen, müssen sich als "SS-Schergen" und "Faschisten" beschimpfen lassen. Die Stimmung wird immer gereizter.

Als der Schah, Farah Diba und Bürgermeister Albertz um 19.56 Uhr eintreffen, sieht Michael Müller, "wie die Hölle" losbricht": Vom gegenüber liegenden Bürgersteig fliegen Farbeier, faule Tomaten und sogar Steine in Richtung Oper. Aber die Entfernung, zehn Fahrspuren und der Mittelstreifen, ist zu groß, als dass Wurfgeschosse die Gäste erreichen können. Trotzdem drängt der Regierende Bürgermeister seine Gäste, so schnell wie möglich ins Foyer zu kommen - und lässt sofort danach die Türen verriegeln. Selbst seine eigene Frau Ilse, die im nächsten Wagen der Kolonne gefahren war, steht vor verschlossenen Türen; sie muss gegen das Opernportal klopfen, um hereinzukommen.

Als alle Honoratioren im Foyer sind, hört der Hagel von Eiern und Tomaten fast schlagartig auf - den Schah-Gegnern fehlen schlicht die Ziele. Michael Müller denkt sich: "Nun ist der Schah drin, nun flaut die Sache hier ab." Tatsächlich sind die meisten der Protestierer enttäuscht von der Wirkungslosigkeit ihrer Aktion, die ersten wenden sich schon zum Gehen.

Trotzdem beginnt genau in diesem Moment die Eskalation. Als Albertz an der Seite des Schahs die Oper betritt, raunt er Berlins Polizeipräsidenten Erich Duensing zu: "Wenn ich herauskomme, ist alles sauber!" Damit bestätigt Albertz den ohnehin vorbereiteten Plan der Polizeiführung, nach Beginn der Aufführung die Demonstranten zu verscheuchen. Bevor Duensing, selbst im Smoking, hineingeht, um die "Zauberflöte" zu genießen, befiehlt er noch: "Wenn die Oper begonnen hat, räumen Sie die Südseite. Und zwar von der Mitte ab nach rechts, wo Frauen und Kinder stehen, kein Wasserwerfereinsatz! Das gibt ne Panik."

Michael Müller geht, sein Presseausweis ermöglicht ihm das, quer durch das abgesperrte Areal vor der Oper. Ein Fotograf bittet ihn, zwei belichtete Filme mitzunehmen und in die Redaktion zu schicken. Müller verlässt die Absperrung, findet ein Taxi und drückt dem Fahrer die Filme in die Hand, der sie zum Springer-Verlag in die Kochstraße bringt. Dann kommt Müller durch die Krumme Straße zurück.

Derweil haben die Polizisten, es ist zwischen 20.07 und 20.09 Uhr, den Befehl erhalten, den Korridor zwischen Bauzaun und hüfthohen Absperrgittern zu räumen. Es ist noch hell, die Sonne geht erst 20 Minuten später unter. Das letzte Tageslicht will man nutzen. Im Dunkeln kommt es leichter zu einer Panik, und das soll unbedingt vermieden werden. Außerdem gehört es zur Polizeitaktik an diesem Abend, auf "Füchsejagd" zu gehen - damit ist gemeint, die lautstärksten der Protestierer kurzfristig in Gewahrsam zu nehmen, um ihre Personalien festzustellen. Eigens dazu hat Duensing "Greiftrupps" von Beamten in Zivil aufstellen lassen. Das kann jedoch nur funktionieren, solange man die Gesuchten erkennen kann.

Unmittelbar vor der Räumung helfen einige Beamte noch einer Schwangeren durch das Gitter in den abgesperrten Bereich - sie folgen damit der Anweisung des Polizeipräsidenten. Dann aber bricht der Sturm los: Die Polizisten haben sich seit einer Stunde oder sogar länger von den Demonstranten beschimpfen lassen müssen; einige haben faule Tomaten, manche sogar Farbeier abgekommen. Mindestens zwei Beamte sind verletzt, einer bricht vor Beginn der Räumung zusammen und blutet heftig aus einer Kopfwunde, wohl getroffen von einem Stein. Viele seiner Kollegen sind erregt und nehmen sich die Sprechchöre zu Herzen. Für nicht wenige der jüngeren Bereitschaftspolizisten wird der Befehl zur Räumung zum Anlass, aufgestautem Ärger Luft zu machen.

Als Müller die Krumme Straße Richtung Norden geht, sieht er eine Horde Menschen auf sich zukommen. Vorneweg Anti-Schah-Demonstranten und andere junge Leute, dahinter Trupps von Polizisten mit Schlagstöcken. Der Reporter, der das vergangene Jahr in New York verbracht und dort erlebt hat, wie souverän die amerikanische Polizei mit Großdemonstrationen umgeht, erschrickt über diese Jagdszenen. Er denkt sich: "Das darf doch nicht wahr sein! Warum räumen die denn? Es gibt doch gar keinen Anlass!"

Müller steht vor dem Haus in der Krummen Straße 66/67 Ecke Schillerstraße, einem Neubau, der erst im ersten Stock beginnt, weil das Erdgeschoss ein Parkplatz auf Betonstelen ist. Er bemerkt, dass auch auf diesem Parkplatz und im Hof des Hauses tumultartige Szenen stattfinden, dass junge Leute verletzt wegstolpern, Polizisten andere Demonstranten wegschleppen. Es ist etwa 20.20 Uhr.

Für den Augenblick hat der Reporter genug gesehen: Er will so schnell wie möglich zu einem Telefon, um seinen Kollegen in der Kochstraße die neueste Entwicklung zu berichten, und geht schräg gegenüber ins Lokal "Hardy an der Oper", Krumme Straße 25. Nach kurzem Warten bekommt er einen freien Apparat und ruft in der Morgenpost-Redaktion an. Zuerst bringt er seine Kollegen auf den neuesten Stand, dann diktiert er einer Sekretärin aus dem Stegreif einen neuen Leitartikel. Darin kritisiert Müller die Härte des Polizeieinsatzes gegen die Demonstranten. Die Räumung sei unnötig gewesen, immerhin hätte es mindestens noch drei Stunden gedauert, bis der Schah wieder aus der Oper kommen konnte. Andererseits bekennt Müller Verständnis für die Polizisten, denen Studenten seit Wochen auf der Nase herumtanzen. Das rechtfertige allerdings die Gewalt der Ordnungshüter nicht.

Die Sekretärin nimmt den Kommentar auf, schreibt ihn ab und leitet den Text zum zuständigen Redakteur weiter. Dann jedoch verliert sich die Spur dieses Leitartikels; erscheinen wird er nie. Das hat nichts zu tun mit seinem Inhalt: Wenige Tage später sagt Morgenpost-Chefredakteur Heinz Köster zu Müller, er bedauere, dass dieser Kommentar nicht gedruckt worden sei. Tatsächlich wäre es dann nicht so einfach gewesen, die "Springer-Presse" als Feindbild bei Studenten durchzusetzen, wie es nach dem 2. Juni tatsächlich geschieht.

Übrigens druckt auch die Boulevardzeitung "B.Z." neben scharfen Vorwürfen an die Seite der Protestierer moderatere Töne. Ein Foto des "B.Z."-Reporters Uwe Dannenbaum zeigt, wie zwei Polizisten mit Knüppeln auf den wehrlosen Medizinstudenten Götz F. einschlagen. Darunter steht unmissverständlich: "So nicht! Dieses Foto zeigt eine der Szenen, in denen Polizisten jede Beherrschung verloren haben. Ein Demonstrant liegt am Boden. Dennoch prügeln Beamte auf ihn ein."

Katastrophe um 20.30 Uhr

Etwa in diesem Moment kommt es schräg gegenüber von "Hardy an der Oper" zur Katastrophe. Es ist ungefähr 20.30 Uhr und mindestens sechs Journalisten stehen im Hof Krumme Straße 66/67 oder unmittelbar davor: außer Dannenbaum sein "B.Z."-Kollege Wolfgang Schöne, der "Stern"-Fotograf Bernard Larsson, Paul G. Hermann, der SFB-Kameramann Dietrich Bertram sowie Jürgen Henschel, der für die West-Berliner SED-Zeitung "Die Wahrheit" arbeitet. Zwei Dutzend Bilder dokumentieren, was in den folgenden Minuten hier geschieht.

Über zehn Polizisten halten sich im Hof auf, in Uniform und Zivilbeamte; außerdem etwa ebenso viele Demonstranten. Sie sind in der Hoffnung hineingelaufen, über den Parkplatz der Polizei entgehen zu können. Doch kein Weg führt aus dem Hof - sie sitzen in der Falle. Auf der Krummen Straße stehen weitere mindestens 30 weitere junge Leute, die auf den Parkplatz drängen.

Im Hof schlägt in diesem Moment ein Polizist in Uniform mit einem geschlossenen Stockschirm auf einen Demonstranten ein, und Uwe Dannenbaum nimmt das letzte Foto auf, das Benno Ohnesorg unverletzt zeigt. Der Student steht, neben einem jungen Polizisten mit Schlagstock und zwei Demonstranten, vor der Teppichstange im Hof und hat ein Transparent in der Hand. An seiner hellen Hose und Sandalen ohne Socken kann man den 26-Jährigen identifizieren, obwohl er sein Gesicht vom Fotografen abwendet.

Vier Aufnahmen weiter auf Dannenbaums Film, vielleicht eine Minute später, ist Ohnesorg tödlich getroffen vor dem Parkplatz im Erdgeschoss des Hauses Krumme Straße 66/67 zu sehen. Der Rücken gekrümmt, die Augen offen, die Hände vor den Knien - so liegt er da. Noch sieht man kein Blut unter seinem Schädel. Zwei uniformierte Beamte, beide mit schreckstarrer Miene, stehen daneben, ein dritter Mann in Zivil schaut zu ihm hinunter. Dannenbaum dreht sich um und fotografiert den Studenten Götz F., der nun wieder steht, sich aber noch den Kopf hält. F. blickt wie ein weiterer uniformierter Beamter erschrocken auf den Boden vor sich - dort liegt Ohnesorg. Dannenbaums nächstes Bild hält fest, wie zwei Polizisten einem Journalisten in den Weg treten. Hinter ihm steht Karl-Heinz Kurras, ein Kriminalbeamter. Sein Gesicht ist ebenfalls vom Schrecken gezeichnet - verständlich, denn aus seiner Waffe stammt die Kugel, die Ohnesorg getroffen hat. Nur Sekunden können vergangen sein, seit der Schuss gefallen ist.

Was ist in diesen Sekunden kurz nach halb neun Uhr abends geschehen? Es gibt zahlreiche Augenzeugen, Polizisten, Studenten und Journalisten, einige Anwohner. Doch keiner von ihnen kann präzise berichten, was unmittelbar vor dem Schuss passierte; diese so wichtigen Sekunden hat offenbar niemand bewusst wahrgenommen. Erst nach dem Schuss setzt bei den meisten Zeugen die Erinnerung ein. Der uniformierte Polizist Horst Geier herrscht seinen Zivilkollegen Kurras an: "Bist zu verrückt, hier zu schießen?" Der antwortet stammelnd: "Die ist mir losgegangen!" Unmittelbar darauf ist Einsatzleiter Helmut St. vor Ort, und auch Kurras' Vorgesetzter Hans K. kommt. Umgehend kümmern sich zwei Zeuginnen, die Lehrerin Christa S. und eine Frau in Trenchcoat und mit Kopftuch, um Benno Ohnesorg. Sie drehen ihn auf den Rücken und stützen seinen blutenden Kopf auf das Transparent, das er in Händen gehalten hatte.

Eine Ikone des Fotojournalismus

Wenige Augenblick kommt auch die Studentin Friederike Dollinger dazu. Sie nimmt den Kopf des Verletzten in die Hände. In diesem Moment drückt Jürgen Henschel auf den Auslöser seiner Kamera. Es entsteht eines der berühmtesten Bilder des 20. Jahrhunderts - ein Symbolbild für die Studentenbewegung und eine Ikone des Fotojournalismus.

Trotzdem erweckt die Aufnahme einen falschen Eindruck. Denn noch bevor Friederike Dollinger sich des Schwerverletzten annimmt, kniet der Polizist Hans K. neben ihm. Wohl auch schon in diesem Augenblick wird eine Ambulanz gerufen; allerdings verwehrt gleichzeitig ein Polizist einem herbeieilenden norwegischen Arzt den Zutritt, weil er sich nicht ausreichend ausweisen kann. Die Situation ist immer noch gespannt: Auf der Krummen Straße rollt gerade ein Wasserwerfer vorbei. Manche Zeugen sagen später, sie hätten den Schuss gehört; der norwegische Arzt will ihn sogar über eine Entfernung von rund 100 Metern wahrgenommen haben. Doch Michael Müller, der auf der anderen Seite der Krummen Straße gerade "Hardy an der Oper" verlässt und sofort zum Tatort geht, kann sich nicht an den Schuss erinnern. Und sein Reporterkollege Dannenbaum, unmittelbar vor Ort, hat ihn zwar gehört, aber nicht als Schuss erkannt.

Binnen weniger Minuten sammeln sich hochrangige Beamte rund um den verletzten Studenten. In der Nähe der Krummen Straße trifft Michael Müller auf die SPD-Abgeordneten Gerd Löffler und Dietrich Stobbe. Sie haben ihre Karten für die "Zauberflöte" verfallen lassen, als sie merkten, dass sich vor der Oper etwas zusammenbraut, und sind seitdem innerhalb der Absperrung herumgegangen, um sich ein Bild von der Lage zu machen - ihre Ausweise als Mitglieder des Berliner Landesparlaments öffnen ihnen den Weg. Die beiden Politiker sind erschrocken über die Gewalt, mit der die Polizei gegen die Demonstranten vorgeht. Löffler, der Jahre später Schul- und Wissenschaftssenator in Berlin werden wird, kennt den Morgenpost-Reporter Müller, und so bekommt der Journalist noch an diesem Abend Informationen aus erster Hand. Mehrfach informiert Müller seine Redaktion, kehrt aber immer wieder zu Löffler und Stobbe zurück.

Innerhalb weniger Minuten hat die Ambulanz, ein Wagen der Firma Krankentransport Hinz, den Hof mit dem Schwerverletzten erreicht. Ohnesorg wird gegen 20.45 Uhr auf eine Trage gelegt und eingeladen; dann fährt der Krankenwagen los. Doch die Fahrt dauert ungewöhnlich lange: Erst gegen 21.25 Uhr kommt der Transport beim Krankenhaus Moabit an. Mehrere näher gelegene Kliniken weisen das Fahrzeug ab. Vielleicht, weil ihre Notaufnahmen überlastet sind; immerhin werden an diesem Abend mindestens 45 Menschen so sehr verletzt, dass sie ambulant oder stationär behandelt werden müssen. Den Krankenhäusern ist offenbar nicht klar, dass die Sanitäter einen Schwerstverletzen transportieren.

In Moabit nimmt sich der diensthabende Arzt des Patienten Ohnesorg an. Nach der ersten schnellen Untersuchung blafft er die Sanitäter an, warum sie ihm einen Toten bringen? Bereits zu diesem Zeitpunkt soll Ohnesorgs flacher Herzschlag ausgesetzt haben; einen Totenschein aber füllt der Arzt erst knapp zwei Stunden später aus, und darin ist als Sterbezeitpunkt 22.55 Uhr angegeben. Als Ursache wird Schädelbruch angegeben - von einer Kugel ist keine Rede. Darüber steht auch nichts im Fernschreiben der Polizei vom frühen Morgen des 3. Juni 1967. Der Tote kommt erst einmal in die Leichenkammer.

Vor der Oper hat sich die Lage inzwischen entspannt - allerdings nur dort. Der Polizeibericht vermerkt für 21.15 Uhr "Feuer auf der Fahrbahn" der Wilmersdorfer Straße, wenig später werden die Kreuzungen der Wilmersdorfer mit der Mommsenstraße und dem Kurfürstendamm blockiert - und gewaltsam geräumt. Die Straßenschlacht verlagert sich auf West-Berlins Boulevard, wo wieder Flammen lodern. Gleichzeitig gehen anonyme Bombendrohungen bei der Polizei ein; zweimal heißt es, das Quartier des Schahs, das Hotel Hilton an der Budapester Straße (heute Interconti) würde in Kürze explodieren, dann kündigt eine Stimme an, in der Springer-Druckerei in der Kochstraße werde ein Sprengsatz detonieren.

Trotzdem arbeiten die Angestellten weiter. Sie bringen die wichtigsten Berliner Blätter des Verlages, die Morgenpost und die "B.Z.", auf den neuesten Stand. Müller teilt seinen Kollegen mit, dass es einen Toten gegeben hat - die Aktualisierung geht in Druck, nachdem die ersten 62 000 Exemplare hergestellt sind. Noch etwas später erfährt Müller von Löffler den Namen des Opfers. Ein Teil der Morgenpost-Auflage vom 3. Juni, einige zehntausend Exemplare, enthält bereits folgenden Absatz: "Von den schwer verletzten Demonstranten starb gegen Mitternacht der 26-jährige Student Benno Ohnesorg aus Wilmersdorf im Krankenhaus Moabit an den Folgen eines Schädelbruchs."

Weder Müller noch Löffler ist bekannt, dass es sich in Wirklichkeit um eine tödliche Kugel gehandelt hat. Die Polizisten, die unmittelbar nach Kurras' fatalem Schuss ihren Kollegen angeblafft haben, hatten zunächst Wichtigeres zu tun als die Öffentlichkeit zu informieren. Sie bringen Kurras weg; von radikalen Studenten und ihrem Anwalt Horst Mahler wird ihnen das später als "Vertuschungsversuch" ausgelegt.

Auch der Regierende Bürgermeister Heinrich Albertz erfährt von der Todesursache Ohnesorgs vorerst nichts. Gegen ein Uhr veröffentlicht sein Sprecher Hanns-Peter Herz jene Presseerklärung, die Albertz' politische Karriere beenden wird: "Die Geduld der Stadt ist am Ende. Einige Dutzend Demonstranten, darunter auch Studenten, haben sich das traurige Verdienst erworben, nicht nur einen Gast der Bundesrepublik Deutschland in der deutschen Hauptstadt beschimpft zu haben, sondern auf ihr Konto gehen auch ein Toter und zahlreiche Verletzte - Polizeibeamte und Demonstranten." So weit entspricht die Erklärung dem Kenntnisstand des Senats in der Nacht. Die folgenden Sätze allerdings hätte Albertz nie freigeben dürfen: "Die Polizei, durch Rowdies provoziert, war gezwungen, scharf vorzugehen und von ihren Schlagstöcken Gebrauch zu machen. Ich sage ausdrücklich und mit Nachdruck, dass ich das Verhalten der Polizei billige und dass ich mich durch eigenen Augenschein davon überzeugt habe, dass sich die Polizei bis an die Grenzen der Zumutbarkeit zurückgehalten hat." Doch dies beruht eindeutig auf falschen Informationen, was Albertz bereits zu diesem Zeitpunkt hätte wissen können und müssen.

Die Versionen des Karl-Heinz Kurras

Schon in der Nacht vom 2. auf den 3. Juni 1967 beginnt die politische Instrumentalisierung des tragischen Todes von Benno Ohnesorg. Karl-Heinz Kurras selbst gibt in den folgenden Tagen verschiedene Versionen von sich. Danach will sich der ausgezeichnete Schütze von den Demonstranten im Hof Krumme Straße 66/67 bedroht gefühlt haben. Er habe seine Waffe gezogen und entsichert. Bis hierhin sind alle Versionen gleich. Doch über das weitere sagt Kurras einmal, er habe einen oder zwei Warnschüsse abgegeben, von denen einer als Querschläger Ohnesorg getroffen habe. Ein anderes Mal behauptet er, im Handgemenge sei seine Waffe versehentlich losgegangen. Laut der dritten Version hätten Männer mit Messer ihn angegriffen und er habe sich durch Gebrauch der Schusswaffe schützen wollen. Wer so unterschiedliche Versionen von sich gibt, dem glaubt man nichts mehr. Als Zeuge in eigener Sache fällt Kurras also aus.

Womöglich aus falsch verstandenem Korpsgeist, vielleicht aber auch aus Mitleid mit dem Kollegen oder aus Unwissenheit geben einige der vor Ort anwesenden Polizisten zu Protokoll, Kurras habe in Notwehr geschossen. So lautet denn auch die offizielle Version, die später in drei Prozessen Bestand haben wird - das Gegenteil kann dem Angeklagten schlicht nicht nachgewiesen werden.

Sicher auch, weil die radikalen unter den Demonstranten sofort erkennen, welch Gelegenheit Ohnesorgs Tod für sie bietet. Der linksradikale Anwalt Horst Mahler fordert alle Augenzeugen von Seiten der Demonstranten auf, weder bei der Polizei noch vor anderen offiziellen Gremien auszusagen. Stattdessen werden zwei studentische "Untersuchungsausschüsse" gebildet, vor denen Kritiker des Einsatzes aussagen - mit eindeutiger Tendenz. So wachsen Mythen, Gerüchte und Legenden rund um Benno Ohnesorgs Tod, und niemand kann diesen Wust mehr mit Sicherheit auflösen.

Rätsel bleiben: Irgendwann zwischen 20.15 Uhr und 21.15 Uhr fordert ein Beamter über einen Lautsprecherwagen die Demonstranten auf, abzuziehen. Es sei bereits ein Polizist erstochen worden. Das entspricht nicht den Tatsachen; die Ursache für die Falschmeldung dürfte die Kopfverletzung eines Schutzpolizisten durch einen Steinwurf gewesen sein. Aber bezweckt der Polizist tatsächlich mit seiner Durchsage, die Stimmung seiner Kollegen anzuheizen? Diese Wirkung dürfte die Mitteilung gehabt haben. Oder war er einfach nur selbst so empört, dass er ein Gerücht weitergegeben hat, ohne nachzufragen? Und: Wird die Behauptung vor oder nach dem Schuss auf Ohnesorg verbreitet? Warum näht gegen Mitternacht jemand die Kopfwunde an Ohnesorgs Leichnam zu? Wirklich, um die wahre Todesursache zu vertuschen? Dass in einem solchen Fall mit Sicherheit eine Obduktion angeordnet wird, muss im Krankenhaus bekannt gewesen sein, durch Vernähen ließ sich also nichts vertuschen. Warum hat Kurras überhaupt geschossen? Immerhin zeigt ein Bild des "Stern"-Fotografen Larsson verschwommen im Hintergrund, dass der Kriminalbeamte unmittelbar vor dem tödlichen Schuss mit einigen Kollegen im Hof der Krummen Straße 66/67 steht. Warum übernimmt gerade Gerd Löffler den Vorsitz des Untersuchungsausschusses zum Fall Ohnesorg? Zum Tatzeitpunkt weilt er fast direkt vor Ort - und ist damit viel eher ein Zeuge als ein unabhängiger Aufklärer.

Diese offenen Fragen tragen zur Mythenbildung rund um den 2. Juni bei - nicht weniger als der Herausgeber der linken Zeitschrift "Konkret", der die Vorgänge vor der Oper in der Juli-Ausgabe seines Magazins tendenziös zusammenfasst: "In einem sorgfältig geplanten und vorher erprobten Notstandseinsatz wurden nicht nur Studenten, sondern auch Hausfrauen systematisch eingekesselt und brutal zusammen geschlagen." Die Botschaft kommt an: Für die Radikalen in der Studentenbewegung wird Ohnesorgs Tod zum "Beweis", dass gewaltsamer "Widerstand" gegen den vermeintlich "faschistischen" Staat gerechtfertigt sei. Nicht umsonst nennt sich eine spätere West-Berliner Terrorgruppe, die mehrere Morde und Entführungen begeht, "Bewegung 2. Juni".

Die Wahrheit kommt tröpfchenweise

Michael L. Müller ahnt in dieser Nacht nicht, dass Benno Ohnesorg durch den Schuss aus einer Polizeiwaffe gestorben ist. Er geht wie Gerd Löffler, Dietrich Stobbe und wahrscheinlich auch Heinrich Albertz davon aus, dass der Student einem Schädelbruch zum Opfer gefallen ist. So steht es in der letzten Aktualisierung der Morgenpost, so vermeldet es am frühen Morgen ein Fernschreiben der Polizei. Doch dem Reporter ist sofort klar, dass der tragische Todesfall politische Folgen haben wird: Er nimmt sich vor, am kommenden Morgen möglichst früh zum Rathaus Schöneberg zu gehen. Wie sehr die Ereignisse vor der Deutschen Oper und in der Krummen Straße ganz Berlin aufwühlen werden, erkennt er am 3. Juni: Da beginnt durchzusickern, dass ein Polizist Benno Ohnesorg erschossen hat. Die ganze Wahrheit aber weiß er bis heute nicht - und auch sonst niemand.